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Veröffentlicht: 09.02.2017, 15:17 Uhr

Video-Filmkritik Teile und hör auf zu herrschen

Die Dubreuils leben auf 300 Quadratmetern in Paris – und sollen ihre Wohnung teilen. Die französische Filmkomödie „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ stopft viel Stoff ins Kino.

von Bert Rebhandl
© F.A.Z., Universum Film Filmkritik: „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“

Wenn es kalt wird in Europa, dann öffnen viele Kommunen ihre Wärmestuben. Menschen ohne Obdach stehen um eine Suppe an, während sie essen, dürfen sie sich auch ein wenig erholen. Manche bekommen sogar ein Bett für die Nacht und dürfen (oder müssen) duschen. Kältebusse, Suppenküchen, Nachtasyle, das sind die kleinen Maßnahmen, mit denen man einem Problem begegnet, das in Wahrheit viel größer ist.

Um das zu begreifen, braucht es nicht unbedingt die Übertreibungen einer Komödie wie „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“. Aber es hilft natürlich, sich die Sache einmal „in extremis“ anzuschauen, dort also, wo die Temperaturen ins Metaphorische umschlagen und wo die Minusgrade auf den Zustand der Gesellschaft verweisen. „Le grand froid“ herrscht in Paris, die große Kälte. Die Franzosen haben es mit der Größe, alles wird in der Grande Nation schnell einmal umfänglich bedeutsam. Und Alexandra Leclère, Regisseurin und Drehbuchautorin des Films, schlägt folgerichtig eine große Lösung vor: „Le grand partage“, so lautet der Originaltitel: „Das große Teilen“.

Wie viel Leute passen in 300 Quadratmeter?

Während die Menschen auf der Straße wegen des Mangels an Wohnraum demonstrieren, sitzen die Dubreuils vor dem Fernseher und lernen dazu. „Geringverdiener, was ist das?“, fragt Madame Christine (Karin Viard). Sie bekommt eine Antwort von ihrer Tochter, die ein bisschen näher am richtigen Leben ist. Die Dubreuils leben auf 300 Quadratmetern in einem dieser wunderbaren Pariser Altbauten, die in vielen anderen Städten dieser Welt auch als Schloss durchgehen würden. Sie haben typische Nachbarn, ein schlechtgelauntes jüdisches Paar im Stock darüber, eine linke Kleinfamilie, sie Professorin, er Schriftsteller, darunter, einen etwas seltsamen, aber nobel wirkenden Herrn nebenan. Hier hat alles seine leicht griesgrämige Ordnung.

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Den Haushalt bei den Dubreuils führt eine Philomena, die jeden Tag eineinhalb Stunden hin und eineinhalb Stunden zurück nach Hause fährt. Auch das macht deutlich, wie die Verhältnisse in Paris so sind. Wobei es Alexandra Leclère zweifellos nicht auf eine präzise Darstellung von Wirklichkeit ankommt, sondern auf eine Zuspitzung: „Es ist das Zeitalter“, ruft Audrey Dubreuil, die Tochter, zwischendurch einmal. Das Zeitalter ist eines von neuen Klassenverhältnissen, die gar nicht im Detail definiert werden müssen, um in Komödienform ein radikales Experiment mit ihnen zu wagen. Das große Teilen betrifft in diesem Fall den Wohnraum. Als eine Notmaßnahme beschließt die Regierung eine allgemeine Einquartierung. Paris muss zusammenrücken. Und so läuft „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ irgendwann ganz konkret auf die Frage hinaus, wie viele Leute man in einer Wohnung mit 300 Quadratmetern unterkriegt. (237, die Antwort darf verraten werden, weil der Weg dahin mit so vielen lustigen Übertreibungen gepflastert ist, dass man sich dann schon über nichts mehr richtig wundern wird.)

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