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Veröffentlicht: 13.04.2016, 14:22 Uhr

Video-Filmkritik Liebe will mehr als schnuppern

Eine Frau, die sich in einen Wolf verliebt? In Nicolette Krebitz’ wildem Film „Wild“ geht das. Denn es ist das wilde Tier, das zurückkommt in eine Zivilisation, die auch die Natur längst erfasst hat.

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© F.A.Z., NFP Video-Filmkritik: „Wild“ von Nicolette Krebitz

„Wild“ ist ein Film, in dem sich eine Frau in einen Wolf verliebt. Ein wilder Film, wie es sich bei diesem Titel gehört, ein Film voller Überraschungen, von denen der Wolf und die Frau, gespielt von Lilith Stangenberg, zu den erstaunlichsten gehören, aber nicht die einzigen sind. Vermutlich hat noch niemand so etwas gesehen. Auf keinen Fall in einem deutschen Film.

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Denn der Wolf ist, anders als etwa der vollkommen aus Pixeln gemachte Bär, mit dem es Leonardo DiCaprio in „The Revenant“ zu tun bekam, tatsächlich ein Tier, das trainiert, aber nicht domestiziert werden kann. Lilith Stangenberg und der Wolf haben sich vor Beginn der Dreharbeiten angenähert, um gemeinsam spielen zu können, wie sich eine Frau in einen Wolf verliebt. Und wie der Wolf sie sich verlieben lässt.

Familie, Gesellschaft? Fehlanzeige

Der Film beginnt mit einem Skype-Gespräch zwischen Ania, das ist die Figur, die Lilith Stangenberg spielt, und Jenny, ihrer Schwester, gespielt von Saskia Sophie Rosendahl. Es ist ein Gespräch, in dem wir erfahren, dass Ania eine neue Arbeit bei einer IT-Firma angenommen hat, die sie unterfordert. Gleichzeitig wird spürbar, die Nähe zwischen den Schwestern ist überschaubar. Dass Jenny die Verbindung nicht kappt, als ihr Freund anfängt, an ihr herumzufummeln, sondern triumphierend zur Kamera ihres Computers hinüberlinst, als wollte sie Ania zeigen, wie gut sie’s hat, spricht nicht gerade von herzlichen verwandtschaftlichen Beziehungen. Für die war der Großvater da, der auf derselben Etage in dem Plattenbau wohnte wie Ania, jetzt aber im Krankenhaus liegt und sich vermutlich nicht mehr erholen wird. Manchmal geht Ania auf den Schießstand, allein.

39582875 © NFP Vergrößern Betörung durch einen Vierbeiner? Zumindest bei Ania (Lilith Stangenberger).

Familie ist kein Konzept hier, das funktionierte. Gesellschaft im eigentlichen Sinn auch nicht. Zwischen Ania und der Welt liegt oft eine Scheibe, regennass mitunter, so dass die Bilder von Reinhold Vorschneider verschwimmen und ihren Status als Wiedergabe faktischer Wirklichkeit verlieren. Es sind Vereinzelte, die in diesem Film aufeinandertreffen, wenn sie denn aufeinandertreffen, wie die Mitarbeiter der Firma, bei der Ania anfängt. Ihr Chef Boris, von Georg Friedrich auf eine mal gefährliche, dann wieder mit der Welt und seiner Rolle in ihr herzzerreißend unzufriedene Weise gespielt, ist ein Mann, der, wenn er einen Kaffee will, zwar einen Tennisball an die Trennscheibe zwischen seinem Büro und dem Großraum wirft, in dem auch Ania arbeitet. Aber Boris ist auch ein Mann, der in seiner jungen IT-Angestellten etwas sieht, das ihn zur Neugierde reizt, zur Hingabe auch, die sie nicht brauchen kann und beim Sex nicht erwidert. Es gibt kein Verständnis zwischen diesem Mann und dieser Frau, keines vielleicht zwischen Männern und Frauen überhaupt. Auch das spricht für den Wolf.

Die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verfliegt

Ania erblickt ihn eines Tages, als sie aus dem Bus steigt. Um zu der Plattenbausiedlung zu kommen, in der sie lebt, muss sie ein Stück Brachland überqueren, an dessen Rand eine zum Miniwald verwilderte Grünanlage liegt. Und da steht das Tier. Starrt sie mit seinen gelben Augen an. Dreht sich um und verschwindet. Ania will den Wolf wiedersehen. Sie hängt ein Steak an einen Ast, das er nicht abholt, sie kauft ein Kaninchen, das er nicht jagt. Bei dem Trick, den sie schließlich erfolgreich mit Hilfe einiger Vietnamesinnen aus einem Altkleiderlager anwendet, kann man erfahren, woher der Ausdruck „durch die Lappen gehen“ kommt. Unschlüssig, was sie mit ihm anfangen soll, sperrt sie ihn erst einmal ein.

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Während das Tier im Zimmer neben ihr auf und ab trottet, geschieht zweierlei. Nicht der Wolf passt sich in die Welt von Ania ein. Sondern Ania verwildert. Und die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit löst sich auf. Wobei wir als Zuschauer beides auf dieselbe Weise erleben, als Filmbilder, die konstatieren, was sie zeigen. Zum Beispiel dies: wie Ania ins Bad läuft, menstruierend, mit einer Spur aus Blutstropfen hinter sich, der der Wolf folgt, bis er an ihrem Bein ankommt, das Blut ableckt, mit seiner Zunge immer höher zielend, und sie in Ekstase bringt.

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich zu verlieren

Ein Traum? Ein Bild, inszeniert von Nicolette Krebitz. Sie ist eine furchtlose Regisseurin und Schauspielerin. Man spürt in diesem, ihrem radikalsten Film bisher, wie genau sie mit ihrer Hauptdarstellerin gearbeitet hat, damit sie diese hocherotische Szene mit einem Wolf als Partner spielen kann. Damit sie Brackwasser schlabbern kann, wenn sie mit ihrem Wolf in eine offenbar vom Kohlebau verödete Landschaft zieht.

Es gibt noch einige Szenen, die einem den Atem nehmen. Und bei alldem bleibt der Film immer ganz bei seinen drei Figuren, Ania und dem Wolf und Boris, der mit Ania die Sehnsucht nach einem Ausbruch teilt, aber weder den Mut noch das unbedingte Verlangen. Nicolette Krebitz hat von Lilith Stangenberg, mit der sie hier zum ersten Mal arbeitet, gesagt, sie sei ein „Wesen“, was nach der nötigen Transgressionsfähigkeit für eine Rolle klingt, in der sie naiv und durchtrieben, scheinbar planlos und strategisch vorgeht, um die Kontrolle über ihr Leben nicht zu gewinnen, sondern ihrem Instinkt zu folgen und sich einem Wunsch hinzugeben, der ein Trieb sein mag, einer Sehnsucht, die eine Trauer sein könnte, einer Verwilderung, die eine Findung ist. Wobei Ania nicht auf der Suche nach sich selbst ist. Sondern auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich zu verlieren.

Wofür steht der Wolf? Für nichts weiter als das, was er ist - ein wildes Tier, das zurückkommt in eine Zivilisation, die auch die Natur längst erfasst hat. Es gibt kein Jenseits der Zivilisation, nur etwas rauhere Ränder. Man kann sie ahnen, wenn der Wind durch das gekippte Bürofenster heult. Das Wilde ist durch und durch - die Kunst. Von Nicolette Krebitz und ihrem Film.

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