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Film zu zerstörtem Antikenort : Was mit Palmyra verloren ging

Die Zerstörung der Tempel von Palmyra durch den IS sorgte weltweit für Entsetzen. Bild: Zentralpark

Endlich kommt Hans Puttnies’ Film über die Sprengung des syrischen Palmyra durch den IS in die Kinos. Eine Elegie auf den Untergang der Kultur durch die Barbarei ist das nicht. Der Autor setzt einen überraschend anderen Akzent.

          Im September 2008 kam Hans Puttnies nach Palmyra. Eine Freundin, die Witwe eines bekannten Archäologen, hatte ihn eingeladen, mit ihr zusammen die Ruinenstadt zu besuchen. Puttnies, der als Journalist und Medienwissenschaftler gearbeitet hatte, brachte seine Videokamera mit. Er filmte, was er sah und was damals noch jeder sehen konnte: den Baaltempel, den Tempel des Baalschamin, das Archäologiemuseum, den Hadriansbogen, die Säulenstraße, den Löwen von Allat, den Grabturm des Elahbel.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Würde Puttnies heute wieder nach Palmyra fahren, fände er fast nichts mehr von dem wieder, was er vor zehn Jahren aufgenommen hat. Das Museum ist verwüstet, die Löwenstatue zerschlagen. Den Baalschamintempel und die Grabtürme haben Handlanger des „Islamischen Staats“ im August 2015 gesprengt, der Hadriansbogen folgte im Oktober.

          Vom großen Baaltempel stehen nur noch die Außenmauern und der Torzugang der Cella. Der Tetrapylon an der Kreuzung der Kolonnaden mit der antiken Ost-West-Achse, der dem ersten Vernichtungsfuror entgangen war, wurde bei der zeitweiligen Rückeroberung Palmyras durch den IS im Frühjahr 2017 gesprengt. Die Ruinenstätte, seit 1980 Weltkulturerbe, ist praktisch planiert, der Anblick, den sie einmal bot, eine ferne Erinnerung.

          Im vergangenen Jahr hat Puttnies deshalb aus seinem Material einen Film geschnitten, der die Erinnerung an Palmyra beleben soll. Aber er hat der Versuchung widerstanden, eine Elegie auf die Zerstörung der Kultur durch die Barbarei anzustimmen. Stattdessen erzählt „Palmyra“ eine doppelte Geschichte: die Geschichte einer Oasenstadt, in der die Kulturen der griechisch-römischen Antike und des alten, vorislamischen Orients sich kreuzten, und die Geschichte ihrer Wiederentdeckung, Ausgrabung und geistigen Inbesitznahme durch europäische Forschungsreisende, Künstler und Archäologen.

          Im Rückblick betrachtet Puttnies die Wunder, die er gefilmt hat, mit zwiespältigen Gefühlen. „Als Zwerg, als Nachkomme von Riesen“ ist er in die Cella des großen Tempels gegangen, in der die Panzerstatuen von Baal, Jaribol und Aglibol standen, und staunend stand er unter der Kassettendecke des Elahbel-Turms mit ihren Porträtreliefs der antiken Erbauer. Aber ist die kulturtouristische Sichtweise nicht lebensfremd? Im vierten Jahrhundert wurde der Baaltempel zu einer Kirche, im siebten zu einer Moschee, und bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert existierte ein arabisches Dorf in seinen Mauern. Es gebe doch gar keine Geschichte, so Puttnies, „nur ehemalige Gegenwarten“.

          Aber für diese Gegenwarten hat sich die abendländische Phantasie nicht interessiert. Seit den ersten Stichen des Holländers Hofstede van Essen, die einen Säulenwald im Niemandsland zeigten, war Palmyra, dieser Schmelztiegel der Kulturen, ein Inbegriff der unversehrt überlieferten Antike. Schon vor Beginn der Ausgrabungen wussten die Forscher, was sie dort finden wollten. Die Idealzeichnungen von Louis-François Cassas wurden zu Designvorlagen für europäische Schlösser, die Reliefs und Statuen wanderten in westliche und syrische Museen.

          Gegen diese „geistige Eroberung“ setzt Puttnies seine Momentaufnahmen des Alltags von 2008. Er spricht mit Händlern, die den Tagestouristen Halsketten und Motorradtouren verkaufen. Und er lässt sich durch die Kleinstadt Tadmor fahren, die neben der Ruinenstätte entstand und von den Bewohnern der entkernten Monumente besiedelt wurde.

          Heute weiß Puttnies, dass nur wenige hundert Meter neben der Hauptstraße eine der Folterhöllen des Assad-Regimes lag, in der Tausende Menschen starben. Als der IS das Gefängnis 2015 sprengte, vernichtete er auch dessen Archiv. Für Puttnies ist diese Zerstörungstat nicht weniger verheerend als die Schändung der Antiken: So wie Buchenwald zu Weimar gehöre, lasse sich auch Palmyra nicht mehr ohne das Gefängnis von Tadmor denken.

          Es gibt Momente, in denen dieser Essayfilm die Bühne des Faktischen verlässt, so bei der Behauptung, das Assad-Regime selbst habe den Hadriansbogen gesprengt, weil er der syrischen Opposition als Symbol diente. Und es gibt einen Soundtrack, der völlig fehl am Platz ist, weil er die Bilder mit exotisierenden Computerklängen zukleistert.

          Trotzdem kann man sich im Augenblick keinen besseren Kommentar zur Zerstörung Palmyras vorstellen als Puttnies’ strenge Selbstbefragung. Dass dieser Film nach seiner Premiere (F.A.Z. vom 4. Februar) einen regulären Verleih gefunden hat, ist ein unverhofftes Geschenk. Man wünscht ihm möglichst viele Zuschauer.

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