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Veröffentlicht: 15.02.2017, 10:37 Uhr

Video-Filmkritik: „Elle“ Eine für sich statt für alle

Endlich kommt Paul Verhoevens Film „Elle“ auch in Deutschland in die Kinos. Der vieldiskutierte Film mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle kann die Erwartungen erfüllen. Auf neuem Terrain findet Verhoeven neue Bilder.

von Bert Rebhandl
© dpa, F.A.Z. Bert Rebhandl über „Elle“ mit Isabelle Huppert

Wir sehen in die Augen einer Katze, als der unbekannte Mann über Michèle herfällt. Eine Vase zerbricht, unterdrücktes Stöhnen vermischt sich mit dem verzweifelten Versuch einer Gegenwehr. Der Film hat noch kaum begonnen, und man ringt schon um Fassung. Michèle aber, „Elle“, ruft gleich danach bei einem Restaurant an und bestellt eine „Holiday Roll“. Reagiert man so auf eine Vergewaltigung? Vielleicht dann, wenn man sieben Leben hat, wie man von Katzen sagt, wie es aber auch für diese Frau namens Michèle Leblanc zu gelten scheint, die in Paul Verhoevens neuem Film ihr Geschlecht vertritt: „Elle“. Sie. „Eine Frau ist eine Frau“ hieß ein Film von Godard, in dem das Beziehungsleben junger Leute von (damals) heute zum ersten Mal als experimentell erkennbar wurde. Der Singular im Titel von „Elle“ ist vor diesem Hintergrund zugleich konsequent und irreführend. Denn die Konsequenz dessen, was wir hier von Michèle zu sehen bekommen, ist offensichtlich: Eine Frau ist viele Frauen, gerade deswegen kann eine für alle stehen. Das ergibt allerdings nur deshalb einen Sinn, weil es sich bei Michèle um eine in jeder Hinsicht herausragende Persönlichkeit handelt: herausragend in ihrer Nonchalance, in ihrem methodischen Umgang mit ihrem eigenen Leben, herausragend in ihrer Intellektualität, mit der sie ihre Schutzbedürftigkeit und ihr Begehren in Balance zu bringen versucht.

Isabelle Huppert war schon vorher die vielleicht größte europäische Schauspielerin. Mit „Elle“ aber hat sie eine Rolle gefunden, die ihrer Persona noch einmal neue Facetten verleiht und sie zugleich abrundet, wie eine Summe aus all den Erfahrungen, die sie mit ihren Rollen seit „Loulou“ oder „Der Saustall“, seit den siebziger Jahren schon, gemacht hat. Michèle Leblanc ist eine Figur, die nahezu alles enthält, was in ein heutiges Leben passen kann. Sie bewohnt allein ein großes Haus, nachdem ihr Mann ausgezogen ist, der jetzt mit einer Yogalehrerin zusammen ist. Mit ihrem Beruf wäre sie mehr als ausgefüllt, gemeinsam mit ihrer Partnerin Anna führt sie eine IT-Firma, die Computerspiele entwirft. Dazu kommen noch die Familie (eine bittere Mutter, ein schwächlicher Sohn und der alles überschattende Vater, der nach einer spektakulären Mordtat vor vielen Jahren im Gefängnis sitzt) und die Freunde und Nachbarn: Robert, der Gefährte von Anna, mit dem Michèle ein Verhältnis hat, bis sie seine Dummheit unerträglich findet; der attraktive Patrick, der mit einer Katholikin zusammen ist, die vor dem Essen ein Tischgebet spricht, und der von seinem Beruf spricht, als müsste er ihn beichten (er arbeitet bei einer Bank).

Neues Terrain für Verhoeven

Wenn alle diese Menschen zu Weihnachten an einem großen Tisch sitzen, natürlich bei Michèle, dann wird nicht „Stille Nacht“ gesungen, sondern es läuft „Lust for Life“ von Iggy Pop. Mit der Lust, und darum geht es schließlich auch, hat es aber eine komplizierte Bewandtnis: Sie will immer mehr, sie will das Leben selbst. Der Song hat durchaus programmatischen Charakter, aber er wird in „Elle“ durch das implizite Wissen der französischen Zivilisiertheit hindurch neu begriffen.

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Der Film ist das Resultat einer Ironie der Geschichte. Isabelle Huppert hatte den Roman von Philippe Djian gelesen, auf dem er beruht: „Oh...“ ist das rasant erzählte Porträt einer Frau, der all die Dinge widerfahren, die nun auch im Film geschehen. Paul Verhoeven sollte Regie führen, allerdings in Amerika, wo der niederländische Regisseur seit vielen Jahren lebt und arbeitet. Das Projekt kam so nicht zustande, es wurde erst möglich, als es schließlich nach Frankreich zurückkehrte. So ergab es sich, dass Verhoeven, auf den frivole Klassiker wie „Basic Instinct“ oder „Starship Troopers“ zurückgehen, zum ersten Mal mit der fremden und seltsamen Welt der französischen Bourgeoisie zu tun bekam.

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