http://www.faz.net/-gs6-3qkm

Film : Die Animation greift sich das Leben

Film-Kritik: Richard Linklaters „Waking Life” Bild: 20th Century Fox

Richard Linklater schuf mit einer alten Technik einen ästhetisch neuen Film: „Waking Life“.

          Es gibt fast keine Schatten in diesem Film, doch das Leben seiner Protagonisten ist verdunkelt. Es gibt keine Namen in diesem Film, doch eine nicht abreißende Kette von Individualisten tritt auf die Leinwand. Es gibt keine Schauspieler in diesem Film, doch Regisseur Richard Linklater hatte mehr als fünfzig Akteure vor der Kamera. Es gibt in "Waking Life" nicht einmal Leben, doch seinen Titel löst er trotzdem ein.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          "Waking Life" ist ein gezeichneter Film, "illusion of life", wie Disney das nannte, und doch kein Werk, das man einfach Zeichentrick nennen könnte. Denn es gibt keine Tricks. Alle Szenen, die der Film enthält, wurden mit Schauspielern auf Digitalvideo aufgenommen und dann computerunterstützt übermalt - im Animationsgewerbe nennt man dieses Verfahren "Rotoskopieren". Die Technik ist fast so alt wie das Zeichentrickgewerbe selbst, im Studio der Brüder Max und Dave Fleischer wurde sie in den zwanziger Jahren entwickelt.

          Richard Linklaters Film verlacht jedoch die Tradition. Es gibt kein Werk der Animationsgeschichte, das sich so wenig um die klassische negative Definition des Metiers schert, die bezeichnenderweise von Max Fleischer stammt: "Wenn es im richtigen Leben passieren kann, dann ist es kein Zeichentrick." Alles, was "Waking Life" erzählt, kann im richtigen Leben passieren. Mehr als das: Das, was in diesem Film geschieht, ist jedem schon einmal passiert. Seine Protagonisten unterhalten sich hundert Minuten lang über Leben und Tod, sie entwickeln ihre individuellen Zugänge zur condition humaine, oft banal, manchmal tiefschürfend, in Monologen oder Zwiegesprächen, auf Kinoleinwänden und im Fernsehen, in der Kneipe oder im Bett.

          Aus der Zeit gefallen

          Der Protagonist ist tot. Zumindest glaubt er das. Gleich am Anfang des Films sammelt ihn in der fremden Stadt ein Amphibienfahrzeug mit zwei seltsamen Insassen auf. Der Fahrer ließ ihn überraschend an einer Kreuzung mit der Bemerkung aussteigen, nun sei sein Leben determiniert - einen Augenblick später wird der junge Mann überfahren. Fortan wird er immer wieder in seinem Bett erwachen, doch die verlaufene Anzeige seines Digitalweckers lässt ihn auch immer wieder erkennen, dass er aus der Zeit gefallen ist. So stromert er durch die Stadt und hört sich die Ansichten der Menschen zum Menschen an.

          Linklater hat sich mit diesem Film inhaltlich nicht sehr verändert. Seine grandiosen drei Filme aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre, "Slacker", "Dazed and Confused" und "Before Sunrise", waren ausnahmslos auch schon Selbstvergewisserungen junger Leute auf der Reise: zum Erwachsensein, zu Wohlstand, in andere Welten. Im schönsten der drei Filme, in "Before Sunrise", durchstreifen Julie Delpy und Ethan Hawke nach ihrer zufälligen Begegnung im Zug unentwegt redend das ihnen fremde nächtliche Wien. In "Waking Life" schreiben sie ihre Gespräche von damals fort, nun jedoch als postkoitales Liebespaar am hellen Tag. Ein schönes Selbstzitat. Und überzeichnet.

          Traumland ohne Schatten

          Es ist diese Zeichentricktechnik, die Linklaters Film von einem textlastigen, man sollte fast sagen: geschwätzigen Filmessay zu einem visuellen Experiment macht, das seinesgleichen sucht. Linklater hat auch ungelernte Kräfte als Animatoren engagiert, und so entsteht ein ganzes Spektrum von Übermalungen - vom realistischen Stil bis hin zu konstruktivistischen Ansätzen. Niemals haben Linklater und sein Art Director Bob Sabiston übergroße Sorgfalt auf Perfektion der Zeichnungen gelegt. Im Gegenteil: Gerade die Hintergründe wackeln beinahe ständig, man fühlt sich wie auf hoher See, doch durch diese schwankende Szenerie wird die Gefährdung der Welt, der Verzicht auf alle Sicherheit mustergültig vorgeführt. Deshalb auch keine Schatten. Es ist ein Traumland, das der junge Mann durchwandert. Und er will um jeden Preis wieder aufwachen.

          Am Schluss scheint es ihm zu gelingen: Richard Linklater selbst greift (überzeichnet) in die Handlung ein und klärt den Träumenden auf. Er erwacht. Doch als er das Haus verlässt, beginnt er plötzlich zu schweben, steigt hoch und höher, verschwindet wie der Hubschrauber in der Schlusseinstellung von Tom Tykwers "Heaven" langsam als winziger Punkt im unendlichen Himmel. Es ist bemerkenswert, wenn zwei ambitionierte Filmemacher unabhängig voneinander dieselbe optische Lösung für ein narratives Problem finden. Linklaters Film ist eines jener seltenen Beispiele, wo Kino alles wagt. Dieser Film muss nicht auch alles gewinnen, um zu den herausragenden Ereignissen seines Genres gezählt zu werden.

          Weitere Themen

          Anita, Yoko und me, too

          Marianne Faithfull im Gespräch : Anita, Yoko und me, too

          Marianne Faithfull ist einundsiebzig Jahre alt. Mit siebzehn wurde sie ein Star, jetzt erscheint „Negative Capability“, ihr 21. Album. „Es war furchtbar“, sagt sie über die sechziger Jahre im Pop. Ein Gespräch.

          Wie es mir gefällt

          Spezialhotels im Trend : Wie es mir gefällt

          Nur für Hundebesitzer, nur für Kinderlose, nur für Mittelalterfans: In der individualisierten Gesellschaft geht der Trend zum Spezialhotel. Manche Zielgruppen klingen allerdings erfunden.

          Topmeldungen

          Diesmal kommt die Kritik für SPD-Vorsitzende Andrea Nahles aus den eigenen Reihen: Die Europawahlliste sorgt für Aufregung.

          FAZ Plus Artikel: SPD und die Europawahl : Nach oben geschubst

          Die SPD-Liste für die Europawahl sorgt für Ärger, weil gewählte Kandidaten lediglich auf den hinteren Plätzen landen. Die Parteispitze steckt in einer Zwickmühle.

          Livestream : Schlagabtausch im Bundestag

          Im Mittelpunkt stehen die Haushaltsberatungen und der Etat der Kanzlerin. Doch mit Sicherheit wird im Bundestag auch wieder über andere Themen diskutiert. Verfolgen Sie die Generalaussprache jetzt im Livestream.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.