16.04.2003 · In Paul Thomas Andersons neuem Film „Punch-Drunk Love“ kostet die Freiheit nur 25 Cents. Glück und Schrecken liegen nah beieinander in diesem Film, der Kafka gefallen hätte.
Von Michael AlthenIm Mai 1999 entdeckte ein Mann namens David Philips in seinem Supermarkt im kalifornischen Örtchen Davis ein Angebot der Firma Healthy Foods: Wer zehn Coupons einschickt, bekommt 500 Flugmeilen gutgeschrieben, wer es vor Monatsende schafft, die doppelte Anzahl.
Erst fand er Suppendosen von Healthy Foods für 90 Cents, doch dann entdeckte er Puddingbecher derselben Firma für nur 25 Cents. Er kaufte erst den örtlichen Supermarkt leer, klapperte dann die Nachbarschaft ab und lud auch dort sein Auto mit Pudding voll. Am Ende hatte er 12150 Becher Pudding zu Hause stehen, und weil das Abziehen der Coupons vor Monatsende selbst für eine vierköpfige Familie zu viel war, handelte er mit der Heilsarmee einen Deal aus: Wenn sie ihm beim Abziehen helfen würden, dürften sie den Pudding behalten. So sammelte David Philips über eine Million Meilen und mußte seither nie wieder ein Flugticket kaufen.
Magische Note
Geschichten wie diese sind der Stoff, aus dem Paul Thomas Andersons Filme sind. Wobei das Geheimnis seines Könnens in der Art liegt, wie er sie hinter sich läßt, wie er sie nur zum Anlaß nimmt, um die Merkwürdigkeiten des Lebens zu reflektieren. Auch in "Magnolia" hatte er um das bizarre Vorkommnis, daß es Frösche vom Himmel regnet, einen Film komponiert, der durchaus auch ohne die Frösche ausgekommen wäre, durch sie jedoch jene magische Note bekam, die uns im Kino den Zufall für Schicksal halten läßt - als würden in solchen physikalischen Rätseln alle anderen Ungereimtheiten des Lebens kulminieren.
Schon Andersons erster Spielfilm "Hard Eight" handelte von Leuten, die im Casino von Reno dem Zufall ein Schnippchen schlagen wollen, und wenn man will, dann verlieh die Tatsache, daß sein Held in "Boogie Nights" mit einem sagenhaft großen Geschlechtsteil ausgestattet ist, dieser Geschichte aus der Pornoindustrie die merkwürdige Unschuld einer Ritterlegende. Anderson tastet sich in seinen Filmen an die Leerstellen der Wahrnehmung, an die blinden Flecken der Wahrscheinlichkeitsrechnung, so wie die Zunge immer wieder zwanghaft eine Zahnlücke befühlt. Woran man schon sieht, daß seine Filme nicht nur von angenehmen Gefühlen handeln, im Gegenteil: Sein Amerika ist ein Land am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Otto bei Wim Wenders
Wenn "Punch-Drunk Love" beginnt, sieht man einen Mann an einem einsamen Schreibtisch in einem leeren Lagerschuppen ein Telefonat führen, in dem er sich erkundigt, ob die Sache mit den Coupons und den Flugmeilen nicht ein Irrtum ist. Der Mann am anderen Ende ist offenbar nicht zuständig oder aus sonstigen Gründen desinteressiert. Zu diesem Zeitpunkt weiß man weder, was es mit den Flugmeilen auf sich hat, noch, warum der Mann in so einem lächerlich blauen Anzug an so einem armseligen Schreibtisch sitzt. Am merkwürdigsten ist womöglich, daß es sich bei dem Mann um Adam Sandler handelt, den immens erfolgreichen Star einer Reihe von mittelmäßigen Komödien, dessen Mitwirkung an diesem Film so eigenartig ist, wie wenn Otto bei Wim Wenders eine Hauptrolle spielen würde.
Mit diesen Irritationen wird man erstmal alleingelassen, sieht statt dessen, wie der Mann das Tor des Schuppens öffnet, wie er ins Freie geht und an die Straße tritt, die durch eines jener Gewerbegebiete führt, die auch im San Fernando Valley der reinste Alptraum sind. In diesem Ödland des Warenverkehrs sieht der Mann, wie sich plötzlich ein Auto überschlägt, aber noch ehe man sich darüber klarwerden kann, ob der Unfall womöglich nur ein böser Tagtraum ist, hält ein Lastwagen vor der Einfahrt, setzt ein Harmonium ab und fährt davon. Über dem San Fernando Valley geht die Sonne auf, es ist ein Tag wie jeder andere - und auch wieder nicht.
Sieben Schwestern
Der Mann, er heißt Barry Egan, hat eine Firma, die mehr oder minder unnütze Artikel vertreibt, sowie sieben Schwestern, die ihn dauernd drangsalieren und unter die Haube bringen wollen. Und weil ihm auch sonst im Leben nichts leichtfällt und ihn alles Unvorhergesehene schreckt, verheißen einzig die Bonusmeilen so etwas wie eine letzte Fluchtmöglichkeit.
Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist bei Anderson jedoch kein Versprechen, sondern eine Drohung. Daß alles möglich ist, kann in "Punch-Drunk Love" eben entweder bedeuten, daß ein Auto auf einer leeren Straße verunglückt, oder daß aus heiterem Himmel ein Harmonium auftaucht. Daß entweder eine zauberhafte Frau (Emily Watson) kommt und Barry bittet, auf ihr Auto aufzupassen, oder daß ein unbedachtes Wort beim Rendezvous mit derselben Frau dazu führt, daß sich der Held auf die Toilette entschuldigt und dort in einem Anfall die Einrichtung zertrümmert. Daß man entweder eine Telefonsex-Nummer anruft und fortan erpreßt und bedroht wird oder daß man eben den Irrtum einer Werbeabteilung entdeckt und mit billigem Pudding teure Flüge erwirbt. Das Glück und der Schrecken liegen bei Anderson immer so nahe beieinander, daß man sie oft nicht voneinander unterscheiden kann.
Wunder und Wahn der Warenwelt
Die Oberflächen schillern bei ihm nicht, weil sie irgendwas verheißen, sondern weil sie zum Platzen gespannt sind und nur darauf warten, ihren Inhalt über die Menschen zu ergießen. Nicht nur weil "Punch-Drunk Love" auch in Supermärkten spielt, erinnert der Film an Andreas Gurskys hypnotische Fotografie "99 Cent", in der man über die wohlgeordnet bunten Regale eines Billigmarktes blickt und Wunder und Wahn der Warenwelt wie nirgends sonst erleben kann. Obwohl äußerlich betrachtet alles im Lot zu sein scheint, kommt man sich in dieser Aufnahme wie in Andersons Film manchmal vor wie im Kabinett des Dr. Caligari: alle Perspektiven sind verzerrt, alles ist aus dem Gleichgewicht, ein Schlund scheint sich aufzutun.
Wie immer bei Anderson herrscht eine gespannte Ruhe, und noch bei den alltäglichsten Verrichtungen wirken seine Helden so, als müßten sie einen Hochseilakt vollführen. Gerade dadurch wirken seine Filme auf so beunruhigende Weise realistisch, obwohl sie stets mit kühner Geste ihre Künstlichkeit betonen. Wie gebannt blicken sie auf die Leerstellen des Lebens und geben sich ganz dem Gefühl der Paranoia hin, die dieses Vakuum ausfüllt. So wie Anderson die Situationen dann zuspitzt, wie er die Schicksale verstrickt, wird man den Eindruck nicht los, daß das Verhängnis der einzige Ausweg ist. Es knüpft zusammen, was sich sonst im Niemandsland des Alltags verlieren würde. Kafka hätte sich in diesen Filmen zu Hause gefühlt.