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Video-Filmkritik „The Cut“ : Rosen und Steine

Bild: Pandora

In „The Cut“ will Fatih Akin vom Völkermord an den Armeniern erzählen. Eine große Aufgabe, der er mit seinem Film kaum gerecht werden kann.

          Für Fatih Akin muss das nicht leicht gewesen sein, auf einmal die Ablehnung, ja die Häme zu spüren, die ihm im September bei den Filmfestspielen in Venedig entgegenschlug. Einem, der Zuneigung der Kritik gewohnt ist und große Sympathien in der Öffentlichkeit genießt, könnte man nun zwar entgegnen, irgendwann sei jeder, der Filme dreht, Songs komponiert, Romane schreibt oder Bilder malt, mal fällig. Und dass es ihn mit inzwischen auch schon 41 Jahren erst jetzt erwischt habe, sei schon fast ein Wunder. Aber das hilft ihm nicht, es hilft vor allem dem Nachdenken über die Wirkung seines Films nicht.

          Das größte, teuerste, ambitionierteste Projekt

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Denn „The Cut“ ist das größte, teuerste, ambitionierteste Projekt, das der Mann aus Hamburg-Ottensen bislang in Angriff genommen hat. Entstanden in Jordanien und Kanada, auf Malta und Kuba, mit einem Budget von 15 Millionen Euro, will der Film vom Genozid an den Armeniern erzählen, den die Osmanen in den Jahren 1915/16 begingen, der in der Türkei lange geleugnet wurde und Menschen Gefängnisstrafen einbrachte, die ihn beim Namen nannten; oder den Tod, wie dem Journalisten Hrant Dink, den Rechtsextreme 2007 ermordeten. Dinks Leben wollte Akin ursprünglich verfilmen, vor Jahren schon, doch der türkische Schauspieler, ohne den er sich diesen Film nicht vorstellen konnte, mochte den Part nicht übernehmen.

          Es ist also ein heikler Stoff, politisch leicht entzündlich. Freunde gewinnt man damit kaum. Dass gerade Fatih Akin diesen Stoff angepackt hat, ist ein Signal, weil der in Deutschland geborene Sohn türkischer Eltern auch in der Türkei ein bekannter Regisseur ist, dessen Äußerungen etwas gelten. Und man muss dazu wissen, dass der von Historikern in seiner Angemessenheit nicht bezweifelte Begriff „Völkermord“ nicht einmal vom deutschen Bundestag benutzt wird, der es in einer Resolution aus dem Jahr 2005 vorzog, von einer „menschlichen Tragödie“ zu sprechen. Darunter könnte man ohne weiteres auch einen Flugzeugabsturz fassen.

          Die märchenhafte Geschichte einer Suche

          Akin hat für das komplizierte Terrain den einfachen Weg gewählt, geleitet vom Kompass des Genrekinos. „The Cut“ ist die Geschichte eines Mannes, der sein Schicksal nicht hinnehmen will, der eine Mission hat. Es ist ein Abenteuerfilm und Western, ein Epos mit mächtigen Landschaftspanoramen und die bisweilen märchenhafte Geschichte einer Suche. Akin hat sich Unterstützung geholt bei dem armenischstämmigen Autor Mardik Martin, der für Martin Scorsese unter anderem das Drehbuch zu „Wie ein wilder Stier“ geschrieben hat; er hat Tahar Rahim als Hauptdarsteller gewonnen, der Jacques Audiards großen Film „Ein Prophet“ fast ganz alleine trug.

          Und Akin geht seinen Weg mit einem Maß an Unerschrockenheit und Naivität, mit einem Willen zur erzählerischen Reduktion, die eine ganze Weile so gut funktionieren, als wäre eine Gestalt des Historienfilms, die seit den frühen sechziger Jahren verschollen schien, zu neuem Leben erwacht. Es beginnt mit der Idylle vom ehrbaren Schmied Nazaret mit schöner Frau und wohlgeratenen Zwillingsmädchen. Es folgt die Zwangsrekrutierung der armenischen Christen, welche jedoch nicht an die Front deportiert werden, sondern zum Straßenbau in der Wüste, wo man sie wie Sklaven arbeiten lässt.

          Eine fast apokalyptische Szenerie

          Eher beiläufig erlebt Nazar, dass auch andere Armenier verschleppt werden. Er verliert nicht sein Leben, aber seine Stimme, weil ein anständiger Türke ihm nicht die Kehle, sondern „nur“ die Stimmbänder durchschneidet. Es verschlägt ihn unter Deserteure und in ein Lager deportierter Armenier - eine fast apokalyptische Szenerie in der Wüste, welche der Film in eine sehr künstlich wirkende Monochromie taucht, als zweifle er an der Darstellbarkeit, ohne auf eine Darstellung ganz verzichten zu wollen. Da ist das Konzept der maximalen Schlichtheit erstmals sichtlich überfordert.

          Nach dem guten Türken kommt ein guter Seifenfabrikant aus Aleppo, wo Nazar das Ende des Kriegs und den Zerfall des Osmanischen Reiches erlebt. In märchenhafter Fügung läuft ihm sein ehemaliger Lehrling über den Weg. So erfährt Nazar vom Schicksal seiner Familie. Den Leiden der Verfolgung und Trennung folgen die Entbehrungen der Suche. Über den Libanon gelangt er nach Kuba, von dort nach Florida, Minneapolis, schließlich North Dakota. Armenien, die Türkei, der Völkermord verblassen mehr und mehr am Horizont.

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