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F.A.Z.-Videofilmkritik „Lone Ranger“ Der Gute hat was am Kopf

Große Sause im Wilden Westen: „Lone Ranger“ könnte man getrost vergessen, wäre da nicht Johnny Depp. Der sollte eine Nebenrolle spielen, aber er trägt den ganzen Film.

© F.A.Z., Disney Vergrößern F.A.Z.-Filmkritik: Lone Ranger

Auf dem Rummelplatz der Genres haben sie den Western herausgeputzt als schießwütigen Transvestiten. Ist es eine Tragödie? Ist es eine Farce? Ja und ja! Mit dem „Lone Ranger“ kann die Postmoderne noch mal richtig zeigen, was sie draufhat. Wo sie post ist und die geschichtlichen, ideologischen Differenzen locker hinter sich lässt. Und wo modern, das heißt, mit einem Schuss Utopie ausgestattet.

Regie führte Gore Verbinski alias der Mann, der mutmaßlich eine Trillion Kinogänger auf die digital animierten Weltmeere lockte. „Fluch der Karibik“, vier Filme, ein Gedanke: die quietschende Ausgelassenheit des Vergnügungsparks in eine Freibeuterstory übersetzen. Das Ganze mit dem dramaturgischen Schmiss eines epileptischen Anfalls und en passant auch noch ein Stück Globalisierungskritik: Piraten machen als Ozean-Guerrilla mobil gegen das britische (Finanz-)Imperium. Die Sause wird nun in den Wilden Westen verlegt. Die Freibeuter sind Pistoleros, statt brausender Wellenberge gibt es brütende Canyons. Ansonsten ist das Prinzip das gleiche: die Vergangenheit als schrilles Theater.

Western Prekariat gegen anständige Helden

Hier wäre das die amerikanische Gründerzeit, Mitte neunzehntes Jahrhundert. Der Eisenbahnbau befeuert die Konjunktur, man hat gerade eine Depression verkraftet, umso größer ist die Gier nach Aufschwung, Profit, Kapital. Dort, wo Tagelöhner, Glückssucher und Hasardeure die Verkehrswege in die Zukunft legen, spielt die Geschichte. Kojoten heulen, Dampfloks zischen, in der Prärie sitzen die Colts locker, und lax ist auch die Moral. Man wird keine Industrienation per Händchenhalten, sondern mit dem Finger am Abzug. In einem Wort: Zielbewusstsein.

Männer wie Butch Cavendish (William Fichtner) verfehlen ihr Ziel nur selten. Was für ein Schurke! Narben quer durch die Visage gefräst, Zähne wie ein kariöser Vampir. Und seine Entourage erst: Western-Prekariat, wie man’s noch nicht gesehen hat. Killerfressen aus dem Bilderbuch des Bösen. Wie kriegt man so eine Epidermis überhaupt hin? Indem man mit Schrot perforierte Schuhsohlen über zerbeulte Schädel tackert?

Klar, dass der gemeinsame Sache macht mit dem Bonzen (Tom Wilkinson als soignierter Abzocker); die Bahnlinien werden eigentlich nur verlegt, um in Minen erbeutetes Silber wegzuschaffen.

Und jetzt: Auftritt des Helden. Ostküsten-Beau (Armie Hammer), Staatsanwalt, wollte eigentlich nur mal kurz im Outback dem Sheriff hallo sagen. Dann macht dieser Cavendish den Bruder kalt, entführt die Geliebte, es schreit nach Vergeltung und Mannwerdung im Charles-Bronson-Stil. Weil wir uns aber im Augenzwinkerblockbusterkino befinden und der Unterhaltungsmythos des Lone Ranger belebt werden soll - es gibt die Figur seit den dreißiger Jahren, erst als Hörspielreihe, dann als Fernseh- und Filmstoff -, kommt der Humorträger ins Spiel, der, der das schießpulververrauchte Szenario mit Ironie aufhellt. Tonto, der Indianer, war ursprünglich als Nebenrolle angelegt, aber „man engagiert Johnny Depp nicht, um ihn dann klein zu halten“, wie Produzent Jerry Bruckheimer erklärte. Deshalb ist Tonto nun das Zentrum des Films, man kann sich an ihn klammern wie an eine Gestalt gewordene Regieerklärung. Sie lautet: auftretend mit absurder Melancholie.

Nummernrevue eines exzellenten Darstellers

Wie die amerikanische Kritik richtig monierte, ist der Film zu lang, die Handlung wirr, die digitale Effekthascherei enorm. Aber sieht man das Ganze als Nummernrevue eines exzellenten Darstellers, der seinem Portfolio einen weiteren Typus im Zeichen der Maske hinzufügt, dann ist es ein ästhetisch vollkommen stimmiger Spaß.

Johnny Depp war einst die Gruftiversion von Struwwelpeter (“Edward mit den Scherenhänden“), das Dragqueen-Pendant des „Roten Korsars“ (Jack Sparrow in „Piraten der Karibik“), ein viktorianischer Dandy auf LSD (“Alice im Wunderland“). Jetzt läuft ihm der Kajal übers weiß verputzte Gesicht, als sei er Alice Cooper nach einem Heulkrampf. Auf dem Kopf thront eine ausgestopfte Krähe - ab diesem Film das offizielle Wappentier aller Verlierer.

Natürlich hilft er dem Ranger beim Aufmischen der Schurkenökonomie, aber eigentlich brauchte es das ganze Actiongebrause nicht. Es reicht, wenn Tonto die per Schießerei hergestellten Leichen um Habseligkeiten erleichtert und ihnen dafür Kleinigkeiten hinterlässt, ein paar Perlen, ein bisschen Sand. Oder wenn er, als sei’s ein Kontrakt, der unbedingt zu erfüllen sei, den toten Vogel füttert. Da ist die Pathologie einer ganzen Wirtschafts- und Gesellschaftsform in wenigen Gesten dargestellt. Dieser Mann ist bereits so tief geprägt vom kapitalistischen Gebaren, dass er es zwanghaft wiederholen muss. Und während sich die wahren Gangster, die Spekulanten und bad banker, schon lang nicht mehr mit dem Tausch und seinen Regeln zufriedengeben, spielt Tonto ihn weiter nach, als absurdes Theater.

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“Es wird eine Zeit kommen, in der die Guten Masken tragen“, heißt es zu Beginn des Films. Nicht um sich zu verkleiden, sondern um sich auszuweisen, in einer Zeit verkehrter Verhältnisse. Wenn das Böse sich mit den Insignien des Anstands ausstaffiert, im Dreiteiler am Konferenztisch Nationen verscherbelt, dann liegt im traurigen Make-up des Indianers ein Stück ungeschminkter Wahrheit.

Quelle: F.A.Z.

 
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