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Video-Filmkritik : Scarletts Skin, nackt!

Bild: F.A.Z., Senator

„Under the Skin“ erzählt von einem außerirdischen Wesen, das den Körper einer Frau bewohnt - den von Scarlett Johansson. Der Film von Jonathan Glazer ist aufregend, exzentrisch und lässt einen nicht los.

          Wie uns ein Film empfängt, ob er uns anlockt oder umgarnt, ob er sich ranschmeißt oder verschlossen gibt und wie wir darauf reagieren, das ist nicht nur eine Frage des Geschmacks. Es hängt auch davon ab, wie neugierig man ihm gegenübertritt, ob man bereit ist, sich einzulassen auf das Spiel und sich ihm womöglich zu überlassen, ohne Gewähr, nicht enttäuscht zu werden. Und es hängt natürlich auch daran, was man über den Film weiß - sofern man überhaupt mehr wissen will als Titel, Darsteller und womöglich noch den Regisseur.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bei Jonathan Glazers Film „Under the Skin“ ist für Kinointeressierte kaum zu vermeiden, dass sie zumindest gehört haben, Scarlett Johansson, die zuletzt in „Her“ nur Klang und körperlose Stimme war, trete hier nackt und ohne Make-up auf. Das ist nicht bloß ein Gerücht (oder ein Body Double), man muss auch nicht lange warten, um sie zu sehen, auch wenn sie unter der schwarzen Perücke nicht auf Anhieb zu erkennen ist - und es ändert doch nichts daran, dass dieser Film uns in ein Dunkel lockt, das sich bis zum Ende kaum gelichtet haben wird.

          Es beginnt mit einem winzigen weißen Punkt, das Schwarz der Leinwand kommt einem schwärzer vor als üblich, es liegt ein ominöser Geräuschteppich unter dem, was erst Bild werden muss. Aus dem Weiß wird Form, ein blaugrüner Strahlenkranz füllt die Leinwand, aus dem Punkt wird ein Auge und das Schwarz so zur Pupille. Ein Lichtpunkt auf einer Landstraße wird zum Motorradscheinwerfer, der Fahrer passiert einen weißen Van, steigt ab, trägt einen Frauenkörper die Böschung hinauf und legt ihn in den Van. Der Realismus der Nacht weicht einem leuchtenden, weißen Hintergrund. Er verwandelt zwei Körper in Scherenschnitte: den der Toten und den einer nackten Frau, die die Tote entkleidet, um selber in die Kleider zu schlüpfen. Und selbst als die nun Bekleidete ein Insekt vom Körper der Toten aufliest und es in Nahaufnahme auf ihrem Finger zu sehen ist, hat Scarlett Johansson noch nicht ganz ihre vertraute, identifizierbare Physiognomie gewonnen.

          Ein rätselhafter Film

          Man muss das ausnahmsweise einmal so genau nacherzählen, weil man es nach dem Film in Gedanken wieder und wieder rekapituliert, es noch mal sehen möchte, wie ein Beweisstück, weil man hofft, etwas übersehen zu haben und nun eine Spur zu entdecken, die einem weiterhilft. Manche Zuschauer werden sich von dieser Ouvertüre zurückgestoßen fühlen und den Spaß, die Lust, die Neugierde verlieren, diesen seltsamen Weg weiterzugehen. Man wird sie nicht überzeugen können, wenn man sagt, dass „Under the Skin“ kein Film ist, der am Ende all die Rätsel gelöst haben wird, die er unterwegs gestellt hat.

          Was wir zu wissen glauben, das haben wir auch nicht unmittelbar aus dem Film erfahren. Seine erzählerische Strategie beruht auf der Verknappung von Information und der Fragmentierung von Zusammenhang. Dass die namenlose Frau, welche Scarlett Johansson spielt, ein Alien ist, dass sie auf die Erde gekommen ist und menschliche Gestalt angenommen hat, das wird in der Handlung bis fast zur letzten Sekunde nicht bestätigt oder gar ausgesprochen. Es gibt da nur eine Ahnung und Spekulationen - und den Roman von Michel Faber, auf dem der Film beruht, der „Die Weltenwanderin“ heißt und von einer Alien-Frau handelt. Alles, was man sieht, ist, dass diese Frau im Stile eines Serienkillers jüngere Männer in den Straßen von Glasgow anspricht, in den weißen Van lockt und schließlich auf eine Weise umbringt, die mit den einschlägigen Tötungsarten nicht allzu viel zu tun hat.

          Versteckte Kamera

          Jonathan Glazer, 49, der zahlreiche, ziemlich gute Musikvideos gemacht hat, nimmt die in diesem Format häufige Zersplitterung einer Geschichte und die sehr assoziative Montage auf, ohne das verbindende Element eines Songs, und er kombiniert das mit einem Realismus der versteckten Kamera. Wenn die namenlose, nennen wir sie halt: Alien-Frau durch eine Shopping Mall geht und den blutroten Lippenstift einer Femme fatale kauft, wenn sie beim Cruisen Männer anspricht, dann ist das oft ohne Wissen von Personal und Passanten gefilmt, die erst später informiert wurden und zum Teil unter der schwarzen Lockenperücke nicht erkannten, dass sie Scarlett Johansson vor sich hatten - für die das vermutlich eine gespenstische Variante dessen war, was sie in ihrem Alltag tun muss, um nicht überall erkannt zu werden.

          Dieses Unkenntlichmachen des Ikonischen lässt im Kino den Starstatus natürlich erst recht hervortreten, aber das muss Jonathan Glazer nicht kümmern. Er ist eher ein Regisseur, bei dem ein Star sich auf ein anderes Terrain wagt. In „Birth“ (2004) verstrickte sich Nicole Kidman in die seltsame Beziehung zu einem zehnjährigen Jungen, der beteuerte, die Reinkarnation ihres zehn Jahre zuvor verstorbenen Ehemannes zu sein. Und was da in den drei Minuten in ihrem Gesicht geschieht, als sie in der Oper Wagners „Walküre“ hört, das wirkt, als sei dafür der Close-up erfunden worden.

          Nicht von dieser Welt

          Nun durchläuft also Scarlett Johansson eine Verwandlung, und dass sie zwar vertraut, zugleich aber nicht wiederzuerkennen ist, das ist das größte Kompliment, das man ihr machen kann. Denn ihr Verhalten, ihr Blick auf die Welt und der Widerschein dessen, was sie sieht, in ihrem Gesicht - das sind ja fast die einzigen Indizien dafür, dass sie nicht von dieser Welt ist. Sie spricht kaum, und wenn, dann klingt es, als ahnte sie nur vage, was eine Konversation ist. Sie schaut mit fremden Augen auf die Welt - und die schaut sehr, sehr fremd zurück.

          Nach einem Bissen Schokoladenkuchen muss sie sich übergeben. Normale Straßeneindrücke werden zur Reizüberflutung, bis die Bilder vor ihren Augen verschwimmen. Einen jungen Mann mit entstelltem Gesicht behandelt sie zu dessen Überraschung, als nähme sie die Deformation überhaupt nicht wahr. Einen anderen stößt sie kurz vor der Penetration zurück und leuchtet mit einer Lampe erschreckt aus, was da wohl in ihrem Schoß sein mag. So spielt sie ein amorphes Wesen in Menschenhaut, die sie trägt wie ein maßgefertigtes und dennoch nie ganz passendes Kleidungsstück.

          So wenig sich Glazer in „Birth“ ernstlich für übernatürliche Phänomene interessierte, so wenig geht es ihm in „Under the Skin“ um Außerirdische. Was ihn fasziniert, sind die Effekte. Wie verändern sich Wahrnehmung und Verhalten, wenn man die Existenz von Aliens unterstellt? Und genau deshalb müssen viele Dinge auch nicht ausbuchstabiert werden, wie das in einem normalen Science-Fiction-Film erforderlich wäre.

          Einigen wird dieses Vorgehen zu kryptisch sein: das Genre eine Fassade, zu wenig Plot, zu wenig Klarheit bis zum Schluss. Doch wenn man der Anziehungskraft des Films in die Nacht seiner Geschichte folgt, wird er einem auch das Bild zeigen, in dem man sich als Zuschauer wiedererkennt. Die Männer, welche der Alien-Frau folgen, betreten einen schwarzen Raum, der nie in einem realen Setting verortet wird, sie legen ihre Kleidung ab und gehen hinein in eine schwarze Flüssigkeit, zäher als Wasser, bis sie darin versinken, während die nackte Frau elegant auf ihr voranschreitet, als sei da fester Boden.

          Leider nur ein Festivalfilm

          „Under the Skin“ ist ohne Zweifel einer der exzentrischsten, unheimlichsten, rätselhaftesten Filme seit langem. Er lässt auch die Frage völlig unerheblich erscheinen, ob er nun gelungen ist oder nicht, ob er große Kunst ist oder nur Prätention; er lässt einen einfach nicht los. Er zeigt, wie heftig einen das Kino noch überraschen kann. Er geht einem unter die Haut.

          Dass der deutsche Verleih „Under the Skin“ jetzt nur auf einigen Festivals zeigt, um ihn dann gleich auf DVD und Blu-ray auszuwerten, habe damit zu tun, dass „wirtschaftlich eine Kinoauswertung nicht sinnvoll ist“, wie Peter Heinzemann, Geschäftsführer von Senator Film, sagt. Weit mehr hat es allerdings zu tun mit der trostlosen deutschen Kino- und Verleihlandschaft. Es fehlen Ideen und Phantasien für eine gute, zeitgemäße Kampagne, obwohl in den sozialen Netzwerken längst ein vitales Interesse an dem Film sichtbar geworden ist. Was sich nicht eindeutig als multiplextauglicher Mainstream oder gediegenes Arthouse-Produkt mit künstlerischer Haltungsnote verkaufen lässt, hat keinen Ort und keine Chance. Da hilft dann nicht mal die nackte Scarlett Johansson. So wird der Film selber zum Alien.

          „Under the Skin“ ist im August und September auf dem Fantasy Filmfest zu sehen, das in sieben deutschen Großstädten stattfindet. Ab morgen ist er als UK-Import auf DVD und Blu-ray zu beziehen (bei Studiocanal), ab 10. Oktober dann auch in Deutschland (bei Senator Home Entertainment).

          Quelle: FAZ.NET

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