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Video-Filmkritik zu „Dunkirk“ : Die Explosion des Augenblicks

Bild: Warner Bros. Germany

Christopher Nolans Film „Dunkirk“ bricht mit den gewohnten Regeln des Kriegskinos: Statt uns einen Überblick über die Schlacht von Dünkirchen zu geben, wirft er uns mitten in das Drama von 1940.

          Man wüsste nicht zu sagen, wo der Film eigentlich spielt. Denn Dünkirchen, die Stadt am Ärmelkanal, nach der er benannt ist, kommt nur in ein paar kurzen Einstellungen vor: graue Häuser, enge Straßen, eine Barrikade an einer Kreuzung, dann ist „Dunkirk“ schon in den Dünen und am Strand. Aber auch dort, in der sandigen, mit Leichen gesprenkelten, von Explosionen aufgewühlten Einöde findet die Geschichte keinen Halt – sie muss weiter, zwischen den Reihen wartender Soldaten hindurch auf den schmalen Damm, der geradewegs ins Meer führt, auf das überfüllte Schiff, das gleich ablegen wird, bevor die nächste Staffel von Sturzkampfbombern angreift. Doch da sind sie schon, das gellende Pfeifen kommt näher, der Menschenteppich knickt ein, schwarzer Rauch quillt aus dem Schiff, und die Welle des Geschehens rollt auf den Strand zurück, an diesen Nicht-Ort, von dem es vorerst kein Entkommen gibt. Vorerst, das heißt: eine Woche lang.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Die Mole: eine Woche“, lautet das erste von drei Inserts in Christopher Nolans Film. Es folgen „Die See: ein Tag“ und „Die Luft: eine Stunde“. Das sind scheinbar präzise Angaben über Ort und Zeit der Handlung, aber in Wahrheit verunsichern sie den Zuschauer noch mehr als die ruhelosen Bewegungen der Kamera am Anfang. Die See, die Luft, ein steinerner Steg in der Brandung: Nirgendwo, scheint es, bekommt die Geschichte festen Boden unter die Füße. Und wie sollen eine Stunde, ein Tag und eine Woche in den knapp zwei Stunden dieses Films zusammentreffen? Wenn sonst im Kino die Zeit der Erzählung gerafft oder gedehnt wird, kann man sich wenigstens auf ihre innere Logik verlassen: darauf, dass sie nicht mit anderen Erzählzeiten zusammenstößt. Diese Sicherheit gibt es hier nicht. Die Zeit ist aus den Fugen, so wie der Raum, in dem sie sich ereignet.

          Diese Bilder fangen ganz neu an

          Man braucht nicht lange, um zu begreifen, dass „Dunkirk“ kein normaler Kriegsfilm ist. Aber es dauert eine Weile, bis man merkt, dass er überhaupt kein Film im herkömmlichen Sinn sein will – kein Drama, das einen Stoff und seine Figuren von A bis Z durchbuchstabiert. Statt dessen geht es in „Dunkirk“ darum, uns aus dem Erzählkäfig herauszureißen, der uns vor dem direkten Kontakt mit dem Geschehen schützt. An seine Stelle, an die Stelle des üblichen Kontinuums von Zeit und Raum, tritt ein unaufhörliches, unabweisbares Jetzt. Jetzt wird die Mole von Fliegerbomben getroffen. Jetzt schlägt ein Torpedo in den Rumpf des voll beladenen Minensuchboots. Jetzt stoßen die beiden Spitfire-Piloten auf ihre deutschen Gegner herab. Der Unterschied zwischen diesen Szenen und ihren Vorläufern im Kriegskino ist auf den ersten Blick nicht gewaltig. Erst im Lauf des Films entfaltet er seine Wirkung. Denn Nolan benutzt die Bilder aus den Cockpits, den Rettungsbooten und dem Inneren der sinkenden Schiffe nicht, um eine Geschichte über die Schlacht von Dünkirchen auszuschmücken. Diese Bilder sind die Geschichte. Sie passen in kein Klischee. Sie setzen kein Genre fort. Sie fangen ganz neu an.

          Dies ist kein gewöhnlicher Kriegsfilm: Durch den Blick der Verlierer wird klar, was wirklich passierte.

          An den Stränden von Dünkirchen warteten Ende Mai 1940 vierhunderttausend britische und französische Soldaten auf ihre Evakuierung. Bis zum 4. Juni wurden vier Fünftel von ihnen vor den herannahenden deutschen Truppen gerettet. Darunter war die Masse des britischen Berufsheeres, der Kern der Truppen, die später bei El Alamein, Monte Cassino und in der Normandie gegen die Wehrmacht kämpften. Die Hintergründe des „Wunders von Dünkirchen“ sind unter Historikern noch immer umstritten. Sicher ist, dass Hitler zögerte, seine Panzer gegen die fliehenden Engländer einzusetzen. Die Royal Navy, der es um das militärische Überleben des Landes ging, zögerte nicht.

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