Er hat es wieder getan. Und das ist vielleicht das größte Problem. Dass wir den Trick kennen. Quentin Tarantino hat, nachdem die Juden in „Inglourious Basterds“ Rache an den Nazis nehmen und Hitler in die Luft sprengen konnten, jetzt die Schwarzen ermächtigt, der Geschichte der Sklaverei einen neuen Dreh zu geben. Genauer, einen Schwarzen, nämlich den Titelhelden in „Django Unchained“.
Für das Drehbuch hat Tarantino gerade den Golden Globe gewonnen. Wenn beim nächsten Mal die Indianer zurückschlagen und den Völkermord im Kino rückgängig machen dürften, hätten wir eine schöne Trilogie, die als „Die Rächer aus dem Totenreich“ die Geschichtsphilosophie des Quentin Tarantino als Genre-MashUp umreißen könnte.
Ein großes Western-Vergnügen
Und doch. Obwohl wir den Trick schon beim ersten Mal beklatscht haben und obwohl „Inglourious Basterds“ mit seinen vielen Ebenen der Bezugnahme auf die Filmgeschichte, die in der Errettung des Kinos als Wunschmaschine vor dem Propagandaapparat mündete, der kompaktere, der bessere Film war, ist „Django Unchained“ zunächst einmal ein großes Vergnügen. Ein Western, der mit Johnny Cashs düsterer Ballade „Ain’t no grave“ beginnt, die einen Zug aneinandergeketteter Sklaven begleitet, der, angetrieben von den Peitschenhieben berittener Weißer, durch die Nacht schlurft.
Ein Western, in dem der deutsche Dr. King Schultz, auf dessen Planwagen ein lustiger Backenzahn von der Größe eines ganzen Schinkens vor sich hin wackelt, nach der höflich vorgetragenen und abgelehnten Bitte an die Sklavenhändler, einen aus dem Zug, und zwar Django, zu kaufen, einfach die Knarre zieht und schießt. Auf die Weißen. Ein Western, der nach diesem Prolog, in dem Django befreit wird, in riesigen roten Lettern und mit dem alten Lied von „Django“, zu dem Franco Nero einst den Sarg mit dem Maschinengewehr durch den Matsch zog, klarmacht, dass nicht John Ford, sondern Sergio Corbucci sein großes Vorbild ist. Der bekommt im Lauf des Films in dieser Funktion allerdings Gesellschaft, von Sergio Leone, dann doch John Ford (Richard Richardson, der Kameramann, hat Bilder wahrhaftiger Grandiosität amerikanischer Landschaften beigesteuert), von Gordon Parks, Richard Fleischer und so weiter. Wie jeder Tarantinofilm, so kann auch dieser als heiteres Zitateraten die eine und andere Abendgesellschaft unterhalten.
Mit österreichisch akzentuierter Weichheit
Auch Christoph Waltz hat es wieder getan. Wie für seinen abgründig bösen SS-Offizier Hans Landa in den „Basterds“ hat er für seine Rolle des Dr. King Schultz gerade wieder einen Golden Globe gewonnen, für einen Oscar ist er auch wieder nominiert, und er ist tatsächlich wunderbar mit seinen geschliffenen Manieren und seiner in österreichisch akzentuierter Weichheit makellosen Grammatik, auf der er mühelos durch komplizierte Bandwurmsätze tanzt.
Schultz hat Django aus allgemeinem Ekel gegen das Prinzip der Sklaverei - hier sind die weißen Amerikaner die Herrenmenschen, und der Deutsche verachtet sie dafür - befreit, vor allem aber, weil er ihn braucht, um eine Verbrecherbande zu identifizieren, hinter der er her ist. Schultz ist Kopfgeldjäger, „Körper gegen Geld“, sagt er, „wie die Sklaverei“.
Die Geschichte von Siegfried und Brunhilde
Es beginnt die Zeit von Djangos Initiation, seinem Schießtraining, seiner Einübung in die Rolle des Rächers. Jamie Foxx, der diesen Django spielt, scheint schon vorher geübt zu haben. Kaum ist er seine Ketten los, ist der Rächer eigentlich schon fertig. Und so sehen wir ihm von nun an eine sehr lange Weile dabei zu, wie er rächt - und dürfen auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, innerlich bei jedem umgenieteten Sklaventreiber juchzend, während die beiden von Plantage zu Plantage reiten, wo Django als Schwarzer auf einem Pferd eine meist unwillkommene Sensation ist, wie in jedem Dorf, das sie passieren, auch. Wir befinden uns im Jahr 1858. Der Bürgerkrieg brach 1861 aus.
Eines Nachts sitzt Schultz mit Django zusammen und erzählt diesem die Geschichte von Siegfried und Brunhilde, von deren Gefangennahme durch Wotan, vom Kampf mit dem Drachen und der Errettung der Liebe - und von nun an wird aus einem Film, dessen Vorbilder immer nur von einsamen Rächern handelten, die von Blutbad zu Blutbad reiten, eine Liebesgeschichte. „Kein Deutscher könnte einem Siegfried die Hilfe verweigern“, sagt Schultz.
Comic- und Blaxploitation-Verweise
Damit ist die erste Hälfte des Films, die Schuss auf Schuss in perfektem Erzählrhythmus nach vorn galoppierte mit ihren brutal schnellen Zooms, die manche Gesichter trafen wie Fausthiebe, mit seinen langsamen Ritten durch den Schnee und Djangos Einführung in das Geschäft der Kopfgeldjagd, vorbei. Der zweite Teil ist langatmig und noch außerordentlich blutiger. „Nicht so blutig wie die Wirklichkeit“, hat Tarantino immer wieder betont, und da hat er recht.
Django, das ist der Liebesteil der Geschichte, sucht seine Frau Broomhilda, so kam das Nibelungenlied überhaupt erst ins Spiel. Sie ist auch eine Sklavin, und Kerry Washington bekommt leider gar nichts zu spielen außer der verängstigten Geschlagenen, Gedemütigten, Gefolterten, die ihren Mann, ihren Retter anhimmelt. Broomhilda von Shaft lautet ihr voller Name, aber ihre Vererbungslinie bleibt unklar. Broom Hilda ist ja auch die Hexe eines Comicstrips und Shaft der erste Held eines Blaxploitation-Films überhaupt, Gordon Parks’ „Shaft“ von 1971. Leider hat Tarantino vergessen, der Figur jenseits dieser verzweigten Abstammungs- und Vererbungslinien einen Charakter zu geben. Sie bleibt die Platzhalterin romantischer Gefühle - da hatte es Mélanie Laurent in „Inglourious Basterds“ besser, die ihre Rache selbst in die Hand nahm.
Die Liebesgeschichte kommt zu kurz
Für die Liebesgeschichte also geben die Figuren, auch wenn Schultz ihnen als Folie die deutsche Mythologie und Tarantino einige Löffel voll Popikonen anbietet, dann doch nicht genug her. Aber sie führt die beiden Männer an so grausame Orte wie die Plantage Candyland, auf der ihr Besitzer Calvin Candie (Leonardo DiCaprio in einer seiner sehr seltenen richtig bösen Rollen) sich die Zeit damit vertreibt, Mandingo-Kämpfern beim langsamen Sterben zuzusehen.
Candie hat einen mächtigen Haussklaven, Stephen (gespielt von Samuel Jackson), der ihm obsessiv ergeben ist und nicht einmal daran, dass sein Master sich mit diesen Nacktfaustkämpfen bis zum Tod vergnügt, Anstoß nimmt. Dieser Onkel Tom mit seinem falschen Hinkegang ist die unheimlichste Gestalt des Films. Dass sie noch auftaucht, erlöst den zweiten Teil zwar nicht ganz aus seiner (in einzelnen Szenen immer wieder brillant inszenierten) Wiederholung ähnlicher Situationen, aber sie gibt „Django Unchained“ einen zusätzlich giftigen Ton.
Der Italo-Western war ein so beliebtes Genre, weil die Grausamkeit Figuren traf, von denen man sagen konnte, sie hätten es verdient. Das ist in „Django Unchained“ genauso. Die Welt wäre zu retten gewesen, heißt das, und wenn die Geschichte anders verlief, kann einer wie Tarantino das im Kino wieder rückgängig machen. Er hat das schon einmal getan.
Mein Fazit: Kurzweilig mit Längen.
Roberto Krebs (RobsnRob)
- 18.01.2013, 08:58 Uhr
@Andreas Neubert
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 18.01.2013, 04:15 Uhr
Auch diese kritik ist immer noch zu positiv....
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 17.01.2013, 01:05 Uhr