Literatur zu verfilmen, das wissen wir, ist eine ernste und schwierige Sache. Manchmal ist sie aber auch ganz leicht. Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ beispielsweise war nicht nur ein internationaler Bestseller, sondern dient in deutschen Schulklassen sogar als Unterrichtsstoff, so dass man die Kenntnis der Handlung bei Zehntausenden junger Kinobesucher voraussetzen kann.
Und dann hat das Buch auch keine sieben- oder siebzehnhundert, sondern bloß dreihundert Seiten, was die Umarbeitung zum Skript automatisch leichter macht. Und schließlich hat auch nicht irgendein routinierter Filmprofi, sondern der Autor selbst das Drehbuch verfasst, bevor er es in die bewährten Hände des Regisseurs und Schauspielers Detlev Buck legte, eine Transaktion, die, wie es scheint, die Freundschaft zwischen beiden noch gefestigt hat. Jedenfalls reden Kehlmann und Buck auch kurz vor dem Kinostart ihres gemeinsamen Werkes ausnahmslos Gutes übereinander.
Tote zum Leben wiedererwecken
Es spricht also einiges für Detlev Bucks „Vermessung der Welt“, und die ersten Minuten des Films sorgen dafür, dass die Hochstimmung, in der man ihn erwartet hat, noch eine Weile anhält. Wir sind in Tibet, im Lager eines Lamas, und vor diesem Lama, der auf einer Empore thront, sitzt mit verschränkten Beinen Alexander von Humboldt. Ein weißes, regungsloses Fellbüschel wird vor dem quasselnden Lama aufgetragen, und der Dolmetscher übersetzt, dies sei der gerade verstorbene Lieblingshund seines Herrn; Humboldt möge ihn bitte wiedererwecken.
Der Gast, ungläubig, lässt sich die Frage wiederholen, dann antwortet er zögernd, das könne er nicht. Es sei schade, sagt da der Lama, dass der weitgereiste Wissenschaftler keine Probe seines Könnens geben wolle. Die Wissenschaft, entgegnet Humboldt, sei machtlos gegen den Tod. Ach, mault der Lama, er habe schon verstanden, was der große Mann ihm sagen wolle. Er wolle gar nichts sagen, gibt Humboldt irritiert zurück. Doch, nörgelt der Lama. Schnitt.
Doppelbild menschlichen Wollens und Strebens
Da ist er, der melancholische Witz von Kehlmanns Buch, der Grund, warum man „Die Vermessung der Welt“ auch nach sieben Jahren und siebenhundert Rezensionen noch beglückt wiederlesen kann. Denn eigentlich geht es darin vor allem um Enttäuschungen: der Liebe, der Forschung, des Lebens. Humboldt, der berühmte Entdecker, versteinert im Alter zum belächelten Denkmal seiner selbst. Und Carl Friedrich Gauß, sein Widerpart in diesem Roman, ist noch schlimmer dran, er wird bereits zu Lebzeiten mehr oder weniger vergessen.
Aber die Art, in der von diesen Desillusionierungen, diesen Abschieden von der Traumwelt der Kindheit erzählt wird, lässt sie im hellsten Licht erstrahlen, sie macht aus den ineinander gespiegelten Lebensläufen von Humboldt und Gauß ein Doppelbild menschlichen Wollens und Strebens schlechthin. Und in der Vergeblichkeit, die den Großtaten des Naturforschers und den großen Gedanken des Mathematikers immer dicht auf den Fersen ist, erkennen wir unser eigenes Scheitern an den Kleinigkeiten des Daseins. Nur dass diese Kleinigkeiten bei Kehlmann so viel klarer und leuchtender erscheinen als im gewöhnlichen Leben.
Und der Film? Er setzt, nach dem tibetischen Prolog, ganz konventionell mit der Lehrzeit seiner Helden ein, hier ein überfülltes Braunschweiger Volksschulklassenzimmer, dort eine Lateinstunde mit Privatlehrer auf Schloss Tegel. Aber das Wesen der beiden Knaben blitzt dabei schon auf, der kleine Carl Friedrich rechnet seine Mitschüler mühelos an die Wand (und bezieht dafür später Prügel), während es den blonden Alexander aus dem Salon ins Freie zieht, in die weite Welt. An der Tafel des bornierten, verfressenen Herzogs von Braunschweig begegnen sie einander, der eine als Anwärter auf ein Stipendium, der andere als Gast des Hauses; einen Moment lang treffen sich ihre Blicke, und es passiert - nichts.
Es darf ja nichts passieren, weil es so nicht im Buch steht, und das ist der erste große Fehler dieses Films. Bei Kehlmann bildet die späte Begegnung zwischen Humboldt und Gauß, 1828 auf einem Kongress in Berlin, den Rahmen für die Erzählung ihrer Lebensläufe. Bei Buck dagegen steht sie ganz am Ende, ohne dass der Film richtig erklärte, warum gerade diese beiden Biographien schicksalhaft verbunden sind.
Kaum dramaturgische Reibung
Denn sie haben ja so gar nichts gemein, der taffe Humboldt (Albrecht Abraham Schuch) und der zarte Gauß (Florian David Fitz): Der eine steigt auf den Chimborazo, der andere vermisst die Äcker des Ländchens Braunschweig und entdeckt dabei die Gaußsche Krümmung (und liest in den Zeitungen gelegentlich von den Abenteuern des einen). Und wo Gauß seinerseits die Freudenhäuser seines Herzogtums erkundet, bis er in den Armen seiner Jugendliebe Johanna zur Ruhe kommt, hält sich Humboldt in keuschem Wissensfuror an seinen französischen Reisegefährten Bonpland (der sich seinerseits allerdings gern den Reizen ecuadorianischer Indianerinnen ergibt).
Es gibt also kaum dramaturgische Reibung zwischen diesen parallelen Lebenslinien, und dass sie sich nicht erst im Unendlichen, sondern schon bald in Preußen kreuzen werden, sieht man ihnen keineswegs an. Stattdessen spult der Film brav ab, was der Roman aufgefädelt hat. Gauß fährt zu Kant nach Königsberg, Humboldt zu den Kannibalen am Orinoko. Gauß berechnet ein Siebzehneck, Humboldt kauft ein Dutzend Sklaven frei.
Dem Film geht die Puste aus
Das plätschert eine Weile dahin, bunt und leichtgewichtig wie die Schmetterlinge, die man immer wieder leitmotivisch in Großaufnahme sieht, ohne eine Spur des existentiellen Pathos, das Buck an seinem Vorbild Werner Herzog bewundert, aber auch ohne die federnde Ironie, mit der Kehlmanns Roman diesem Pathos eine Nase dreht. Und dann, als er die Linien seiner Geschichte endlich zusammenführen, die Antipoden des Weltwissens in einem Bild vereinen kann, geht dem Film plötzlich die Puste aus.
Das liegt nicht an den Dialogen, die Kehlmann und Buck mit akribischem Fleiß aus der indirekten Rede des Buchs in die direkte des Kinos übertragen haben. Es liegt an den Bildern. Detlev Buck hat „Die Vermessung der Welt“ in 3D gedreht, dem Format, das aus jeder Einstellung ein Terrarium macht. Deshalb musste er nicht nur ein paar Drehtage opfern, die dem Film vermutlich gutgetan hätten.
Kostümgreise in der Untiefe des Raums
Er musste auch auf jene Beweglichkeit von Kamera und Erzählung verzichten, die aus der Begegnung von Humboldt und Gauß auf der Leinwand das gemacht hätte, was sie im Roman war: ein himmlisches Gespräch. Einen Wechselgesang der Geister. Ein Missverstehen in höchsten Tönen. Jetzt sieht und hört man von alledem nichts. Zwei Kostümgreise schlurfen durch die Untiefe des Raums. Statt eines Showdowns serviert der Film einen toten Hund. Und Daniel Kehlmann gibt aus dem Off seine Erzählerstimme dazu.
“Die Vermessung der Welt“ zeigt in ernüchternder Deutlichkeit, wo der deutsche Film im Augenblick steht: zwischen der ererbten Sehnsucht, aus großen Büchern große Filme zu machen, und der neuen Lust am hochgezüchteten Spektakel. Es ist der Zwiespalt, in dem sich der im letzten Jahr verstorbene Bernd Eichinger mit seinen Großproduktionen erfolgreich bewegt hat. Detlev Buck hatte jetzt alles beisammen, was auch Eichinger brauchte: den Stoff, den Autor, die Schauspieler, das Budget. Und doch zerfällt ihm alles unter den Händen. Einen literarischen Bestseller in Kinobilder zu bringen sieht so leicht aus. Aber es ist schwerer, als man denkt.
Antwort auf die Befragungen nach dem Aba-Besuch des US-Botschafters Luo Jiahui
Juergen Lee (Juergenpk)
- 26.10.2012, 04:06 Uhr
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- 24.10.2012, 21:58 Uhr