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Veröffentlicht: 28.12.2016, 17:39 Uhr

Video-Filmkritik Zwei fliegen übers Kuckucksnest

Klapsmühlenfilme, gerade solche, die auch Komödien sind, können leicht im Klischee steckenbleiben. „Die Überglücklichen“ von Paolo Virzi ist anders. Nicht nur wegen seiner beiden überwältigenden Hauptdarstellerinnen.

von Julia Dettke
© F.A.Z., Neue Visionen Filmverleih Video-Filmkritik: „Die Überglücklichen“

Über ihn zu schreiben ist eigentlich nicht der richtige Modus für diesen Film. Zu gewöhnlich, zu sachlich, vor allem: viel zu beherrscht. Lachen und Weinen, beides laut und hemmungslos, das sind die richtigen Modi für „Die Überglücklichen“ (sehr schöner Originaltitel: „La pazza gioia“, die verrückte Freude). Das ist es, was passiert, wenn man ihn sieht, und auch das, woran man denkt, wenn man an diesen Film denkt, immer noch verwundert, immer noch überwältigt.

Als sie im Bus nach ihrem Fahrschein gefragt wird, empört sich Beatrice, eine der beiden Hauptfiguren: „Biglietto, biglietto - also wirklich, immer diese Einschränkungen der Spontaneität!“ Über diesen Film sachlich zu schreiben, das kommt einem ein bisschen so vor, als würde man ihn nach seinem Fahrschein fragen.

Paolo Virzis neuer Film schafft es, dass einem solche Regeln willkürlich, absurd vorkommen, weil man in ihm zwei Frauen dabei zusieht, wie sie mit diesen Regeln tanzen, über sie stolpern, sich an ihnen stoßen. Und selbst in diesem Sich-Stoßen noch graziler wirken als der Fahrscheinkontrolleur.

Dieses unkontrollierbare Lachen und Weinen

Die beiden Frauen sind Beatrice (Valeria Bruni Tedeschi) und Donatella (Micaela Ramazzotti), zwei Psychiatriepatientinnen. Dort lernen sie sich auch kennen: Beatrice ist schon da, als Donatella eingeliefert wird, längst hat sie alle anderen Patientinnen mit ihrer exaltierten, aufreizend-überheblichen Art gegen sich aufgebracht. Sie ist schließlich eine Gräfin, wenn auch eine Gräfin mit einer bipolaren Störung und einem langen Vorstrafenregister. Auf die anderen Patientinnen schaut sie herab.

Donatella aber ist anders, sie ist zwar tätowiert und zerzaust und verstört, aber trotzdem noch schön, wie Beatrice ihr sogleich versichert, um die Neue dann entschieden und in sehr langen Wortschwällen als Freundin zu erobern. Als die beiden, natürlich, zusammen fliehen, begegnet ihnen unterwegs ihr ganzes schlimmes jeweiliges Lebenschaos wieder, bei dem sie einander abwechselnd helfen und bekämpfen und lachen und weinen - und bei dem einen als Zuschauer eben dieses unkontrollierbare eigene Lachen und Weinen überfällt.

Ein zweiter Grund für die Großartigkeit des Films

Das muss ein Film ja erst mal schaffen, die Gefühle seiner Figuren so direkt zu transportieren. Dass das jetzt gerade einem Film aus Italien gelingt, war wirklich nicht vorherzusehen, auch nicht bei einem Film von Paolo Virzi. Das ist ein guter Regisseur, aber sein letzter Film zum Beispiel, „Die süße Gier“, wollte unbedingt kapitalismus- und gesellschaftskritisch sein und war dabei vor allem ziemlich klischeehaft. Klischees kennt man ja auch aus Klapsmühlenfilmen, gerade aus solchen, die auch Komödien sind, und es ist also erst recht eine Überraschung, dass ihm jetzt ein solcher Film bei einem solchen Thema gelingt. Das liegt erstens an Valeria Bruni Tedeschi und Micaela Ramazzotti. Beide spielen so wahnsinnig (ha!) gut, ohne Angst vor dem Lauten, Vulgären, Grellen, doch ohne dabei jemals ins Parodistische abzugleiten.

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Beatrices exzentrische Blondinenauftritte, sei es in der Gärtnerei, im Restaurant, in der Bank, ihr ständiges penetrantes Namedropping, das noch penetrantere permanente Flirten, ihr pausenloses Gerede haben bei aller Überdrehtheit unendlich viel Charme und Unterhaltungswert. Donatella, die aussieht wie ein kleiner wilder Punk, ist ruhiger, offensichtlicher verletzt und verletzlich, aber auch vernünftiger und noch mit etwas mehr Realitätssinn ausgestattet als Beatrice. Am Ende des Films liebt man beide für ihre Durchgedrehtheit - und würde ihnen, gerade weil man sie so mag, ein wenig Ruhe trotzdem so sehr gönnen.

Diese Ambivalenz ist der zweite Grund für die Großartigkeit der „Überglücklichen“: Er ist glaubwürdig albern und glaubwürdig schlimm, er widersteht der Harmonisierung und der Dämonisierung. Er lacht über seine Figuren, aber nicht von oben herab, er ist einfühlsam, aber nicht gönnerhaft. Mehr muss man darüber wirklich nicht schreiben, außer das noch: Wehe, Sie gehen jetzt mit so hohen Erwartungen ins Kino, dass der Film sie nicht mehr übertreffen kann, wehe, Sie sind enttäuscht!

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