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Veröffentlicht: 04.11.2016, 19:00 Uhr

„Die Ökonomie der Liebe“ im Kino Wir waren ein Paar

Eine Liebe hört auf; eine Beziehung muss abgewickelt werden: In seinem neuen Film erzählt Joachim Lafosse, wie ein Paar versucht, dabei wie vernünftige Erwachsene auszusehen, und wie es ihm nicht gelingt.

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© Camino Filmkritik: „Die Ökonomie der Liebe“

Mittwoch Nachmittag. Ein Haus im Hinterhof, mit einem Vorgarten hinter einem blauen Metalltor. Marie kommt mit den Kindern vom Einkaufen, sie muss das Essen kochen, die Wäsche aufräumen, während die Mädchen ihre Hausaufgaben machen. Boris, ihr Ehemann, ist plötzlich auch da. Was er hier mache, fragt sie ihn. Zu den Kindern, als Erklärung, sagt sie: „Es ist nicht sein Tag.“

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Wenn zwei sich trennen, nach fünf oder, wie hier, nach fünfzehn Jahren, werden sie nicht einfach wieder zwei Einzelne. Sie bleiben die Hälften eines Ganzen, das zerbrochen ist. Wenn sie Kinder haben, in denen sich diese Ganzheit verkörpert, wird der Alltag zum Kampfgebiet. Der Vater hat seine Besuchszeiten, die Mutter ihre freien Wochenenden, die Schuhe der Kinder müssen bezahlt werden, der Kühlschrank ist leer, die Bücher, die Möbel, die Freunde gehören jetzt zu dem einen oder dem anderen.

Ein zweites Unglück hilft über das erste hinweg

Bei Marie und Boris kommt das Haus hinzu, in dem sie in getrennten Zimmern wohnen. In ihm stecken, wie in den Kindern, die fünfzehn Jahre, aber sein Wert ist materiell, er lässt sich aufteilen. Boris, der das Haus renoviert hat, verlangt die Hälfte, Marie, die es bezahlt hat, bietet ihm ein Drittel an. „L’économie du couple“ heißt der Film des Belgiers Joachim Lafosse im Original, und obwohl „Die Ökonomie der Liebe“ auf Deutsch besser klingt, sagt der Verleihtitel nur die halbe Wahrheit. Eine Liebe hört auf; eine Beziehung muss abgewickelt werden.

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Der Film erzählt, wie Boris und Marie versuchen, dabei wie vernünftige Erwachsene auszusehen, und wie es ihnen nicht gelingt. Am Ende hilft ihnen ein zweites Unglück über das erste hinweg, aber bis zu diesem Punkt, an dem die Erzählmechanik des Kinos wieder einsetzt, ist „Die Ökonomie ...“ der Ehekriegsfilm, den Robert Benton mit „Kramer gegen Kramer“ nicht gedreht hat.

Die Körper können sich täuschen

Die Geschichte spielt fast nur in den fünf Zimmern und in dem Garten davor, aber sie hat nichts Kammerspielhaftes, denn die Steadycam von Jean-François Hensgens lässt Bérénice Bejo und Cédric Kahn so viel Raum, dass keine ihrer Bewegungen auf ein Hemmnis zu stoßen scheint außer den Körper des anderen. Der wahre Widerstand ist innen, in der Erinnerung an das Glück, und es gibt Augenblicke, in denen sich die Vergangenheit über jede Vernunft hinwegsetzt. Einmal tanzen die beiden, von der Freude ihrer Töchter angesteckt, selbstvergessen durch ihr Haus, und anschließend verbringt Marie mit Boris die Nacht. Aber Lafosse ist zu klug, um daraus eine Versöhnung zu stricken. Die Körper können sich täuschen, die Seelen nicht.

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Die Dreharbeiten müssen für Bejo und Kahn und ihren Regisseur eine kleine Hölle gewesen sein. Die erste Einstellung wurde achtzigmal gedreht, andere Takes zwanzig-, dreißigmal. Aber nur so vielleicht konnten die Schauspieler dem Erschöpfungszustand, den der Film beschreibt, wirklich nahe kommen. Wenn man ihnen zuschaut, vergisst man, dass ihre Sätze aus einem Drehbuch stammen. Nur die Schnitte zwischen den Bildern erinnern daran, dass das, was man hier sieht, nicht das Leben ist, sondern eine Fiktion, ein Destillat.

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