http://www.faz.net/-gs6-8n0rh

„Die Ökonomie der Liebe“ im Kino : Wir waren ein Paar

Bild: Camino

Eine Liebe hört auf; eine Beziehung muss abgewickelt werden: In seinem neuen Film erzählt Joachim Lafosse, wie ein Paar versucht, dabei wie vernünftige Erwachsene auszusehen, und wie es ihm nicht gelingt.

          Mittwoch Nachmittag. Ein Haus im Hinterhof, mit einem Vorgarten hinter einem blauen Metalltor. Marie kommt mit den Kindern vom Einkaufen, sie muss das Essen kochen, die Wäsche aufräumen, während die Mädchen ihre Hausaufgaben machen. Boris, ihr Ehemann, ist plötzlich auch da. Was er hier mache, fragt sie ihn. Zu den Kindern, als Erklärung, sagt sie: „Es ist nicht sein Tag.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn zwei sich trennen, nach fünf oder, wie hier, nach fünfzehn Jahren, werden sie nicht einfach wieder zwei Einzelne. Sie bleiben die Hälften eines Ganzen, das zerbrochen ist. Wenn sie Kinder haben, in denen sich diese Ganzheit verkörpert, wird der Alltag zum Kampfgebiet. Der Vater hat seine Besuchszeiten, die Mutter ihre freien Wochenenden, die Schuhe der Kinder müssen bezahlt werden, der Kühlschrank ist leer, die Bücher, die Möbel, die Freunde gehören jetzt zu dem einen oder dem anderen.

          Ein zweites Unglück hilft über das erste hinweg

          Bei Marie und Boris kommt das Haus hinzu, in dem sie in getrennten Zimmern wohnen. In ihm stecken, wie in den Kindern, die fünfzehn Jahre, aber sein Wert ist materiell, er lässt sich aufteilen. Boris, der das Haus renoviert hat, verlangt die Hälfte, Marie, die es bezahlt hat, bietet ihm ein Drittel an. „L’économie du couple“ heißt der Film des Belgiers Joachim Lafosse im Original, und obwohl „Die Ökonomie der Liebe“ auf Deutsch besser klingt, sagt der Verleihtitel nur die halbe Wahrheit. Eine Liebe hört auf; eine Beziehung muss abgewickelt werden.

          Der Film erzählt, wie Boris und Marie versuchen, dabei wie vernünftige Erwachsene auszusehen, und wie es ihnen nicht gelingt. Am Ende hilft ihnen ein zweites Unglück über das erste hinweg, aber bis zu diesem Punkt, an dem die Erzählmechanik des Kinos wieder einsetzt, ist „Die Ökonomie ...“ der Ehekriegsfilm, den Robert Benton mit „Kramer gegen Kramer“ nicht gedreht hat.

          Die Körper können sich täuschen

          Die Geschichte spielt fast nur in den fünf Zimmern und in dem Garten davor, aber sie hat nichts Kammerspielhaftes, denn die Steadycam von Jean-François Hensgens lässt Bérénice Bejo und Cédric Kahn so viel Raum, dass keine ihrer Bewegungen auf ein Hemmnis zu stoßen scheint außer den Körper des anderen. Der wahre Widerstand ist innen, in der Erinnerung an das Glück, und es gibt Augenblicke, in denen sich die Vergangenheit über jede Vernunft hinwegsetzt. Einmal tanzen die beiden, von der Freude ihrer Töchter angesteckt, selbstvergessen durch ihr Haus, und anschließend verbringt Marie mit Boris die Nacht. Aber Lafosse ist zu klug, um daraus eine Versöhnung zu stricken. Die Körper können sich täuschen, die Seelen nicht.

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

          Mehr erfahren

          Die Dreharbeiten müssen für Bejo und Kahn und ihren Regisseur eine kleine Hölle gewesen sein. Die erste Einstellung wurde achtzigmal gedreht, andere Takes zwanzig-, dreißigmal. Aber nur so vielleicht konnten die Schauspieler dem Erschöpfungszustand, den der Film beschreibt, wirklich nahe kommen. Wenn man ihnen zuschaut, vergisst man, dass ihre Sätze aus einem Drehbuch stammen. Nur die Schnitte zwischen den Bildern erinnern daran, dass das, was man hier sieht, nicht das Leben ist, sondern eine Fiktion, ein Destillat.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Winkelzüge bis zum Abwinken

          Urheberrechte im Internet : Winkelzüge bis zum Abwinken

          Fast schien es, als sei der Plan, die Öffentlich-Rechtlichen könnten ohne Rücksicht auf Rechte von Produzenten im Internet alles zeigen, was sie wollen, im EU-Parlament gestoppt. Doch jetzt bricht ein SPD-Abgeordneter alles wieder auf.

          Grenzenlose Liebe Video-Seite öffnen

          Hochzeit durch den Zaun : Grenzenlose Liebe

          Auf der Grenzlinie zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko hat am Samstag ein Paar geheiratet - dafür wurde der Zaun extra geöffnet, die Grenze allerdings nicht überschritten.

          So lässt es sich schöner streiten

          Training für Paare : So lässt es sich schöner streiten

          Liebe ist ein flüchtiges Phänomen – doch, wer auch als junges Paar rechtzeitig ein paar Gesprächsregeln einübt, kann das Trennungsrisiko senken. Für eine produktive Streitkultur empfehlen Wissenschaftler deshalb präventive Trainings. Wie sehen die aus?

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Neubaustrecke München-Berlin : Drei Tage, drei ICE-Pannen

          Die Bahn verspricht schneller zu werden - will dafür in Zukunft aber auch mehr Geld. Trotz großer Investitionen erlebten Passagiere am Wochenende eine Blamage. Zu Beginn der Woche setzen sich die Probleme fort.

          Russischer Militäreinsatz : Putin ordnet Teilabzug aus Syrien an

          Der Kremlchef hat zum ersten Mal seit Beginn des russischen Militäreinsatzes in Syrien die Luftwaffenbasis Hamaimim besucht – und sich dort mit dem syrischen Präsidenten Assad getroffen. Dabei machte Putin offenbar eine weitreichende Ankündigung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.