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Video-Filmkritik : Was erzählen sie uns nicht?

Bild: NFP

Christoph Hochhäusler inszeniert mit „Die Lügen der Sieger“ einen politischen Thriller im Deutschland von heute. Trotz herausragender Bildsprache und analytischer Substanz fehlt dem Film die entscheidenden Emotionen.

          Wenn die Bürger und ihre Abgeordneten gläsern werden, wenn in allen Winkeln unseres Alltags Kameras lauern und Bilder sich springflutartig im Internet verbreiten, wenn nichts sicher scheint vor den tausend Augen und Ohren der Überwacher, dann müsste das eigentlich eine gute Zeit für Polit-Thriller sein, die von Verschwörung und Paranoia handeln, von Macht und Ohnmacht, von Whistleblowern und anderen Aufklärern.

          Analoge Geheimdienstarbeit ist längst passé

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist allerdings wohl unvermeidlich, dass man den politischen Thriller für das 21. Jahrhundert neu erfindet. Von Verschwörungen lässt sich nicht mehr erzählen wie vor rund vierzig Jahren, als Alan J. Pakula „Zeuge einer Verschwörung“ und „Die Unbestechlichen“ drehte oder Henri Verneuil „I wie Ikarus“. Die Konturen von Gut und Böse sind verschwommener, der Kalte Krieg ist längst vorbei und analoge Geheimdienstarbeit ein Anachronismus.

          Christoph Hochhäusler, 42, hat sich zumindest vorgenommen, etwas Neues zu probieren. Aus „Sehnsucht“ sagt er, Sehnsucht nach einem Genre, das die Auseinandersetzung mit Wirklichkeit sucht. Er hat dem Film, dessen Drehbuch er, wie schon bei „Unter dir die Stadt“, gemeinsam mit dem Schriftsteller Ulrich Peltzer geschrieben hat, einen Titel gegeben, der aber eher an die rebellischen Impulse der siebziger Jahre erinnert: „Die Lügen der Sieger“, nach einem Vers des Beat-Dichters Lawrence Ferlinghetti, in dem es heißt: „Geschichte wird gemacht aus den Lügen der Sieger.“ Klingt fast wie der Satz aus Don DeLillos „Sieben Sekunden“: „Geschichte ist die Summe aller Dinge, die sie uns nicht erzählen.“

          Der Odd-Couple-Zwangsmechanismus

          Dazu würde nun auch kein Hacker-Held wie in Michael Manns Film „Blackhat“ passen. Bei Hochhäusler ist das, was vom Helden übrigblieb, wie damals in den „Unbestechlichen“, ein Journalisten-Duo. Es arbeitet im Hauptstadtbüro eines Nachrichtenmagazins, das „Die Woche“ heißt. Florian David Fitz spielt Fabian, den männlichen Part, und der Film führt ihn recht hochtourig ein. Ein Macho, der einen Porsche hat und Diabetes, einen Kleinnager mit Laufrad und Spielschulden, der als Einzelgänger natürlich schlechte Laune bekommt, als ihn sein Chef mit der Praktikantin Nadja (Lilith Stangenberg) zusammenspannt. Auch dieser Chef ist stark vom Abgleiten in die Karikatur bedroht. Und das ungleiche Paar wird einer Affäre nicht entgehen. Das ist der Odd-Couple-Zwangsmechanismus, der auch dann greift, wenn zwischen den beiden Schauspielern keine Funken sprühen, so dass sie einem insgesamt ziemlich gleichgültig bleiben.

          Aber Hochhäusler schafft es, mit visuellen Mitteln von Beginn an eine Atmosphäre der Ungewissheit und latenten Bedrohung zu erzeugen. Früh sieht man, in Schwarzweiß und mit Tonstörung, wie Fabian beobachtet wird, als er einen Informanten trifft, der ihm von hässlichen Praktiken der Bundeswehr berichten soll. Reinhold Vorschneiders Kamera richtet sich immer wieder auf spiegelnde Flächen, auf Fenster, die keinen Durchblick ermöglichen, Autoscheiben, in denen sich nur die Häuser und Bäume am Straßenrand spiegeln. Oft wirken Einstellungen wie mehrfach kadriert, durch Tür- und Fensterrahmen; Gitter, Jalousien, Zäune oder Geländer verstellen die Sicht.

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