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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik Die ältesten Bilder der Menschheit

 ·  Vor rund dreißigtausend Jahren entstanden in der Ardèche die ältesten Wandmalereien. Werner Herzogs Dokumentarfilm wirft einen atemberaubenden Blick auf diesen streng gehüteten Schatz.

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Achtbeinige Pferde, Wollnashörner in Kampfhaltung, ein Frauentorso, über den sich ein Bisonkopf beugt, Löwenköpfe im Profil, ein Bärenschädel, auf einem Steinklotz arrangiert wie eine Opfergabe auf einem Altar, Fußspuren von Kindern und Wölfen – Höhlenbilder aus einer Zeit vor zweiunddreißigtausend Jahren. Dass diese Bilder mehr als zehntausend Jahre älter sind als jene, von denen wir bisher dachten, sie seien die frühesten der Menschheitsgeschichte – das wird für die meisten jenseits der Wissenschaften eher ein spiritueller denn ein augenfälliger Unterschied sein. Dass Vertreter des Homo sapiens sie gemalt haben, steht wohl außer Frage, dass gleichzeitig noch Neandertaler die zum Teil längst ausgestorbenen Tiere jagten, die wir durch diese Bilder streifen sehen, auch.

Die Malereien stammen aus der Höhle von Chauvet, genannt nach ihrem Entdecker, der 1994 das Ardèche-Tal durchwanderte und durch einen Luftzug, der ihn aus einem Kliff hoch über dem Fluss streifte, auf die Existenz dieser Höhle aufmerksam gemacht wurde. Ein Felssturz hatte den Eingang versiegelt und aus der Höhle eine Art Zeitkapsel gemacht, in der jeder Handabdruck an der Wand im Augenblick des Felssturzes konserviert wurde. Auch das ist lange her, zwanzigtausend Jahre, wie die Forscher vermuten.
Was sie fanden, nachdem sie den Eingang freigelegt hatten, war ein Kristallpalast, der in vollkommener Dunkelheit lag, ein langgezogener Raum voller Nischen und Winkel, angefüllt mit annähernd viertausend Knochen und Schädeln – und eben den ältesten Wandmalereien der Menschheitsgeschichte, die bisher gefunden wurden. Eine Sensation, aber auch ein Haufen von Rätseln in einem Raum, der unbedingt zu schützen war. Niemand außer den Forschern, die die Höhle vermessen und jedes Staubkorn in ihr untersuchen, sollte jemals Zugang haben, damit verhindert werde, was in anderen prähistorischen Höhlen längst geschehen ist – Pilzbefall durch menschlichen Atem oder Zerstörung durch Vandalen.

Haben die Maler nachts geweint?

Werner Herzog hat es dennoch geschafft, Zugang zur Chauvet-Höhle zu bekommen, um diesen Film zu drehen. Die Restriktionen, denen sein Plan unterlag, waren streng: ein Filmteam von nicht mehr als vier Leuten, eine Drehzeit von nicht mehr als einer Woche, Drehtage von nicht mehr als vier Stunden, flache Kaltlichtlampen, keine Berührung der Wände, Stalaktiten, Knochen oder sonstigem und kein Schritt ab vom Weg, den die Höhlenforscher mit schmalen Aluminiumbohlen vorgegeben haben. Nach einer ersten Besichtigung der Höhle entschloss sich Herzog, in 3D zu arbeiten. Denn die Malereien sind selbst schon mit räumlicher Wirkung angelegt, Ausbuchtungen in den Wänden dienen als Hängebäuche der Tiere, Felsvorsprünge als langgezogene Köpfe, Beulen als Hindernisse, Nischen als Weideplatz.

Und so drehte Herzog in einer Technik, von der er eigentlich nicht viel hält, einen Film, der einem den Atem verschlägt in seiner Schönheit, seiner Komik und einer Traumverlorenheit, wie der Regisseur sie in seinen Spielfilmen immer geschaffen hatte, von den Urlandschaften in „Fata Morgana“ (1968) zu den überschwemmten Katakomben in „Bad Lieutenant – Port of Call New Orleans“ (2009), und die er in seinen Dokumentarfilmen überall findet, wohin auch immer es ihn treibt: unter Bären in „Grizzly Man“ (2005) oder in der Antarktis in „Encounters at the End of the World“ (2008). Die Höhle von Chauvet, an deren Wände er mit seinen Kaltlichtpaneelen Schattenspiele wirft, werden wir für immer mit diesen Augen sehen, die nicht fragen: Was ist das für eine Farbe? Sondern: Haben die Maler nachts geweint?

Die Seele hinter den Bildern

Herzog spricht mit den Wissenschaftlern, die mit Laserscans die Höhle vermessen haben und uns ein dreidimensionales Pünktchenbild schenken, in dem jede noch so kleine Delle in der Wand abgebildet ist. Aber er hat keinen Wissenschaftsfilm gedreht. Die Forscher werden vor seiner Kamera schrullige Besessene, von denen einer in einem Weinberg den Gebrauch prähistorischer Speere vorführt, bis Herzog ihn zur Ordnung ruft, ein anderer, ein Parfümeur, schnüffelnd über die Hänge läuft, um möglicherweise weitere Höhlen aufzuspüren, und ein junger Archäologe, der früher Jongleur war und der nach seinem Besuch in der Höhle immer wieder von Löwen träumte, aus der Fassung gerät, als Herzog ihn fragt: Von lebendigen Löwen? Oder von den Bildern?

Er will das wissen, weil er durch die Bilder an den Höhlenwänden hindurch nicht auf eine prähistorische Wirklichkeit blickt, als deren Abbild wir diese Malereien verstehen sollen, sondern in einen inneren Raum, dessen Volumen er mit etwas penetranter Huhhuh-Musik von Cello oder Flöte umreißt. Wo solche Bilder gemalt wurden, meint Herzog, da muss auch eine Seele wohnen, da muss der Mensch schon Mensch gewesen sein. Und das heißt bei Herzog immer auch: durchgeknallt. Denn zum Malen zogen sich unsere frühen Vorfahren offenbar in die hintersten stockdunklen Winkel zurück, die sich entlang des Tals der Ardèche finden ließen.

Heute wird an den Ufern der Ardèche nicht gemalt, sondern Atomstrom erzeugt. Das Kühlwasser, so zeigt uns Herzog in einem Postscript, wird in ein Gewächshaus geleitet. Dort ist mit der Zeit ein Dschungel entstanden, in dem sich Albino-Krokodile tummeln – Mutanten der Jahrtausende, zwanzig Kilometer entfernt von den Wollnashörnern von Chauvet.

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Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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