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Video-Filmkritik : In einem Land vor unserer Zeit

Bild: Daniel Ammann

Das Wahlrecht allein genügt nicht, ist aber ein guter Anfang: „Die göttliche Ordnung“ erzählt im Kino vom späten Erwachen der Schweiz in Sachen Gleichberechtigung.

          Stillstand. Das ist das erste Wort, das einem in den Sinn kommt beim Schnitt auf das Schweizer Bergdorf, in dem dieser Film spielt. Wir schreiben das Jahr 1971, aber das spielt keine Rolle: Hier ist alles noch genauso, wie es immer war. Es sind nicht nur die praktischen Kopftücher und kratzigen Wollröcke, an denen man das sieht, sondern vielmehr die Kleinigkeiten. Wie der Schwiegervater pfeiferauchend im Sessel sitzt und immerhin die Füße hebt, damit Nora putzen kann. Wie ihr Mann Hans nur „Nora, Tee!“ durchs Haus ruft und das gar nicht böse meint – genauso wenig, wie als er ihr bei Tisch wortlos seine leere Bierflasche reicht, damit sie aufsteht und ihm eine neue bringt.

          Es gehört zu den Stärken dieses Films von Petra Volpe, dass er nicht über große Gesten erzählt – was die Schauspieler wunderbar zurückgenommen mittragen. Und es passt zum Thema, denn die absurd späte Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz war das Ergebnis vieler kleiner Schritte. Vielleicht wurde die Geschichte deshalb nie als Filmstoff adaptiert: Ein zäher, gesellschaftspolitischer Prozess, wie soll man den auf eine Leinwand bringen? Als die Regisseurin sich diese Gedanken machte, schrieb sie gerade noch am Drehbuch zu „Heidi“. Tatsächlich gibt es eine zarte Verwandtschaft zwischen Heidi und Nora: Bei ihren Ausflügen in die Stadt (hier Frankfurt, dort Zürich) lernt die eine lesen und die andere, selbstbestimmt zu denken. Das verändert ihrer beider Leben und die Leben derer, die ihnen nahestehen.

          Denn eigentlich denkt Nora, überzeugend verkörpert von Marie Leuenberger, gar nicht ans Wählen. Sie möchte nur ganz gern wieder arbeiten, denn ihre zwei Söhne sind aus dem Gröbsten raus, und ihr ehemaliger Arbeitgeber sucht wieder eine Sekretärin. In Teilzeit. Aber Hans (Max Simonischek) ist dagegen, und der Film bildet absolut beklemmend ab, wie diese gegensätzlichen Interessen ausgetragen werden. Erst sagt Hans nur, die Kinder sollten doch ein richtiges Essen daheim bekommen und keines aus Konservendosen, dann kommt die nächste Stufe: „Ich will nicht, dass ständig fremde Männer um dich herum sind.“ Bis er schließlich das berühmte Machtwort spricht – denn dies ist eine Welt, in der Männer Machtworte sprechen – und ihr klarmacht, dass er das zu entscheiden hat und nicht sie, denn „so ist das Gesetz“.

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          Tatsächlich überlebte dieses Ehegesetz in der Schweiz überraschend lange. Obwohl die Frauen ab 1971 wählen durften, wurde es erst 1988 nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau aufgebaut. Bis dahin blieben solche Entscheidungen Männersache. Auch in Deutschland, wo das Frauenwahlrecht 1918 eingeführt wurde, galt noch bis 1977 eine gesetzlich vorgeschriebene Aufgabenteilung in der Ehe: Die Frauen waren zur Führung des Haushaltes verpflichtet, und die Männer konnten ihnen verbieten, arbeiten zu gehen. Schon zuvor waren Männer und Frauen laut Grundgesetz gleichberechtigt – aber eben nicht in der Ehe.

          Man könnte annehmen, dass diese Situation nur den Männern von Nutzen war. „Die göttliche Ordnung“ zeigt pointiert und entlarvend, wie auch Frauen sich gegen das Frauenstimmrecht stemmten. In Noras Heimatort ist das vor allem die Besitzerin der Schreinerei (Therese Affolter), die täglich zwanzig Männer herumkommandiert, aber verhindern will, dass auch andere Frauen etwas zu sagen haben könnten. Deshalb steht sie dem „Aktionskomitee gegen die Verpolitisierung der Frau“ vor und sammelt allen Ernstes von den Rechtlosen Geld dafür ein, ihre Rechtlosigkeit zu erhalten. Dafür bekommen sie schließlich „das Privileg, sich ganz der Familie widmen zu können“. Doch Marie gewinnt auch Verbündete: die alte Vroni (Sibylle Brunner) und die Italienerin Graziella (Marta Zoffoli), die das Wirtshaus am Ort gekauft hat. Die drei Frauen fahren gemeinsam nach Zürich, stehen völlig erleuchtet am Rande einer Demonstration und lernen in einer herrlichen Szene inmitten von anderen Frauen mit kleinen Spiegeln ihre Vulven kennen. Einen Tiger habe sie zwischen den Beinen, sagt Nora anschließend mit neuem Selbstbewusstsein.

          Wie der Kampf um das Frauenstimmrecht ausging, ist bekannt. Den Weg dahin zu verfolgen ist trotzdem aufregend. Dazu trägt die unaufdringlich authentische Ausstattung genauso bei wie das Schweizerdeutsch mit Untertiteln in der nicht synchronisierten Fassung. Beide vervollständigen das Gefühl, der Film spiele in einem Land, das sehr viel weiter von uns weg ist als die Schweiz, und in einer Zeit, die eher hundert denn sechsundvierzig Jahre vergangen ist. Das zeigt über das Thema des Films hinaus eines: Hinter gesellschaftliche Veränderungen, so zäh sie auch vonstattengehen, geht es keinen Schritt zurück.

          Quelle: F.A.Z.

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