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Video-Filmkritik : Wer mit James Brown spielt, geht aufrecht

Bild: Universal

Wie inszeniert man das Leben des am härtesten arbeitenden Unterhaltungskünstlers? Tate Taylors Filmbiographie über den Soul-Paten James Brown hat die richtige Musik und einen preiswürdigen Hauptdarsteller.

          In Gestalt James Browns trat an Weihnachten 2006 kein Onkel Tom ab, auch kein komisch aussehender, sexuell aggressiver und ungemein gelenkiger Hampelmann. Der Tod des Godfather of Soul markierte eine musikalische und eine soziale Zäsur. Der Sänger, Komponist und Bandleader hat vermutlich mehr für das Selbstbewusstsein der schwarzen amerikanischen Bevölkerung getan als jeder andere Entertainer. Dass er dies auf sehr ruppige Weise tat, wird auch an den Verhältnissen gelegen haben und deswegen eine Art Notwehr - für sich und andere - gewesen sein.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Stoff für ein ordentliches Biopic ergibt dieser schillernde Lebenslauf auf jeden Fall. Der hierzulande noch vergleichsweise unbekannte Regisseur Tate Taylor, mit dem Sozialdrama „The Help“ (2011) bereits gut ausgewiesen, hat sich, mit Unterstützung unter anderem von Mick Jagger als Produzent, an die Sache gewagt. Dass ein Rolling Stone, der nicht dafür bekannt ist, sich mit Projekten zu verzetteln, dabei mitmacht, mag andeuten, welche befreiende, milieuübergreifende Wirkung von der Musik und der Person James Browns seit Mitte der fünfziger Jahre und bis heute ausgeht.

          Wie schon Ray Charles und Johnny Cash

          „Get On Up - The James Brown Story“ ist vom Zuschnitt und der Qualität her vergleichbar den anderen Film-Biographien großer amerikanischer Musiker, „Ray“ (2004) über Ray Charles und „Walk the Line“ (2005) über Johnny Cash. Wie diese beiden hat die James-Brown-Geschichte ein Pfund, mit dem sich’s dramaturgisch wuchern lässt: eine außerordentlich schwierige Kindheit im amerikanischen Süden der frühen dreißiger Jahre, von deren Ärmlichkeit und psychischem Druck man sich heute schwer einen Begriff machen kann. Eine solche Erfahrung, die im Film eher noch abgemildert dargestellt werden muss, um nicht zu drastisch zu wirken, ist als Antrieb und dann eben auch Gefährdung einer jeweils einmaligen Karriere allemal triftig.

          Das Kind James Brown sehen wir in einem Holzverschlag in South Carolina aufwachsen, der Vater gewalttätig, die Mutter nimmt irgendwann reißaus. James entgeht nichts von den Spannungen und Ausbrüchen, er saugt alles in sich auf, um daraus einen eisernen Willen zu formen, der ihn, im Bewusstsein, auf buchstäblich niemandes Hilfe mehr angewiesen zu sein, nach ganz oben führt, mit Privatflugzeug, Pelzmänteln und eigener Radiostation. Bis es so weit ist, muss er zunächst ins Gefängnis und übernimmt dann handstreichartig das Kommando über die Gospel Starlighters, die er in The Famous Flames umbenennt, auf einen harten Rhythm & Blues-Kurs bringt und damit, ungefähr zur selben Zeit wie Ray Charles, den Soul aus der Taufe hebt.

          Der Rest ist Plattengeschichte

          Diese Episode, in der sich Musikgeschichte in einem einzigen Moment persönlicher Entschlossenheit verdichtet, gehört zu den überzeugendsten des Films. Der Rest ist, wie die meisten noch wissen werden, Plattengeschichte: das kreischende Debüt „Please, Please, Please“ (1956), mit dem James Brown die Firmenbosse irritiert, „Out of Sight“, „It’s a Man’s Man’s Man’s World“, „Cold Sweat“, „Say It Loud - I’m Black and I’m Proud“ und, sein wohl berühmtestes Lied, das dem Funk den Weg bereitete, „Get Up (I Feel Like Being a) Sex Machine“.

          Es wäre wohl für keinen Darsteller in Frage gekommen, die mal lüstern hechelnde, dann wieder falsetthaft explodierende Diktion nachzuahmen, die James Brown so einzigartig macht. (Ein Fall wie Val Kilmer, der 1991 in Oliver Stones Doors-Film selbst so täuschend echt sang, dürfte sich so schnell nicht wiederholen.) Durch den bei Universal erschienenen Soundtrack mit der originalen Musik von dieser Bürde befreit, kann der Titeldarsteller Chadwick Boseman in jeder Hinsicht frei aufspielen. Zwischen Jamie Foxx’ Ray-Charles-Imitat und Joaquín Phoenix’ Johnny-Cash-Annäherung hält er ungefähr die Mitte, ein Mann, der James Brown verdammt, aber nicht zum Verwechseln ähnlich sieht.

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