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Video-Filmkritik : Frau Lobby braucht kein Hobby

Bild: Universum Film

Warum müssen die superklugen, supereloquenten, machtbewussten und siegesbesessenen Frauen im amerikanischen Film immer auch verletzbar sein? John Maddens „Die Erfindung der Wahrheit“ hebelt sich selber aus.

          Das tägliche Spektakel aus Washington setzt Maßstäbe für die Filme, die wir über Intrigen in der amerikanischen Hauptstadt, Hinterzimmerhändel, politische Meuchelmorde und dergleichen im Kino sehen wollen. Im Leben ist alles schlimmer, denken wir, alles schon passiert, alles schon gehört. Womit könnte uns ein Film da noch überraschen? Ein Politthriller? Ist das Genre nicht längst von den tatsächlichen Ereignissen überholt worden?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Erwartung an einen Politthriller aus Amerika ist also erst einmal gering. John Madden, der Regisseur einst von „Shakespeare in Love“, ist auch nicht gerade ausgewiesen im Fach, das im Fall europäischer Politschweinereien niemand besser beherrschte als Claude Chabrol. Ein unfairer Vergleich, schon wahr, denn wer könnte dem Meister aus Frankreich sowieso das Wasser reichen?

          Ein bisschen Schulfunk

          Angesichts der aktuellen Nachrichtenlage bringt der deutsche Verleih John Maddens Film unter dem Titel „Die Erfindung der Wahrheit“ in die Kinos. Das ist clever, aber auch ein wenig geschummelt. Denn das Thema sind nicht fake news und also Macht und Medien, sondern eine Lobbyistin, „Miss Sloane“ eben, wie der Film im Original heißt. Und in der Welt der Lobbyarbeit ist die Frage nach der Wahrheit von vornherein ohne Bedeutung. Was zählt, sind Interessen. Und wer die wirkungsvolleren Mittel hat, um sie durchzusetzen. Von außen meistens undurchschaubar, ist das eigentlich ein prima Filmthema, das allerdings die Gefahr birgt, ein wenig Schulfunk mit sich zu schleppen.

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          „Lassen Sie sich nie überraschen. Für Überraschungen sorgen einzig Sie. Ziehen Sie Ihren letzten Trumpf aus der Tasche, nachdem Ihr Gegner seinen letzten gespielt hat.“ Das sind nicht gerade Prinzipien, aber immerhin Handlungsanweisungen. Jessica Chastain in der Titelrolle spricht sie zu Beginn des Films direkt in die Kamera. Ein bisschen Schulfunk eben: Der Film will durchaus, dass wir etwas von der Arbeit, den Strategien und Taktiken der Lobbyisten in Washington zu verstehen lernen. Um welche Lobby es sich handelt, spielt da erst einmal keine Rolle. Am Anfang geht es um Palmöl. Bald aber um Waffen.

          Wer die Gefechte gewinnt, ist letztlich egal

          Die Waffenlobby, das weiß jedes Kind, ist die mächtigste in Washington. Deshalb will sich die National Rifle Association die mächtigste Lobbyistin der Stadt ins Boot holen, stellt sich dabei aber so dämlich an, dass Elizabeth Sloane abwinkt. Möglicherweise spielt auch ihre Haltung zu Hintergrundchecks vor dem Waffenkauf eine Rolle, denn irgendwann „zwischen Columbine und Charleston“ ist die Überzeugung in ihr gereift, nicht jeder sinistre Bursche sollte ungeprüft eine AK 47 bestellen können.

          Miss Sloane verlässt also ihre einflussreiche Kanzlei und geht zur Konkurrenz. Und dort beginnt der Kampf um einen klitzekleinen Zusatz im Waffengesetz, der genau zu dieser Überprüfung der Waffenkäufer führen könnte. Die Mittel, die sie einsetzt, reichen von einfacher Manipulation über die Bespitzelung der ehemaligen und aktuellen Kollegen zu Erpressung. Lobbyarbeit, so lernen wir, spielt sich im Zwischenbereich von Politik und Spionage ab. Nur das Gesetz setzt ihr gewisse Grenzen. Wo sie verlaufen und wohin sie sich verschieben lassen, das herauszufinden und das Gesetz zum Äußersten zu dehnen, das vor allem ist Aufgabe eines gewieften Lobbyisten.

          Das alles sagt noch nichts darüber, wie es im Film aussieht. Zäh leider. Zwar wird teilweise rasant geschnitten und mit einiger Schärfe geredet und argumentiert, aber die Figuren gewinnen keine Kontur, so dass es für den Zuschauer letztlich keine Rolle spielt, wer die Gefechte gewinnt. Wenn man Jessica Chastain mit Isabelle Huppert vergleicht, die solche Rollen immer wieder gespielt hat (etwa in Chabrols „Geheime Staatsaffären“), wird klar, was nicht stimmt: Im amerikanischen Film müssen die superklugen, supereloquenten, machtbewussten und siegesbesessenen Frauen immer auch verletzbar sein. Das macht sie als fiktive Figuren nicht etwa komplex, sondern schwach und im Kontext des politischen Kampfs uninteressant. So hebelt sich der Film in gewisser Weise selbst aus. Was bedeutet Macht für jemanden, der kein anderes Ziel als das Siegen hat? Das wäre ein Film, auf den es sich vielleicht zu warten lohnt.

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