Man muss Leute nicht von unten filmen, wenn man zeigen will, dass ihre Kämpfe und Leiden Größe haben. Aber wenn man’s kann, darf man’s auch - selbst bei Zwergen.
“Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ verlässt sich ganz auf J. R. R. Tolkiens Nase für breitwandtaugliche Stoffe: Ein Drache hat die Zwerge aus ihrer Felsenfestung vertrieben. Seither sind sie in Mittelerde weit verstreut, verdingen sich als Handwerker oder irren unstet umher - bis die Vorzeichen sich mehren, wonach der Drache langsam müde wird und man ihn verjagen könnte. Ein Streitlustiger aus der Zwergenkönigslinie lässt sich vom Zauberer Gandalf ermutigen, mit einer Handvoll Getreuer in die Drachenburg einzudringen, um das besetzte Zuhause zurückzuerobern. Auch ein Hobbit wird für die Mission gewonnen, weil seinesgleichen sich aufs Anschleichen, Einbrechen und Entwischen versteht.
Die nächste Kino-Trilogie
Was das denn sei, ein Hobbit, will Peter Jackson, der mit seiner „Herr der Ringe“-Trilogie bereits die umfangreichste bebilderte Taxonomie erfundener Geschöpfe in der Geschichte des Kinos gestemmt hat, jetzt abermals drei abendfüllende Werke lang ganz genau wissen.
Das letzte Mal hat er ein dreibändiges Epos bearbeitet, diesmal ist es ein Kinderbuch. Interessanterweise kehrt seine Besetzungspolitik dieses Quellenverhältnis um: Elijah Wood als Frodo war Kind in einer Welt der übermächtigen Erwachsenen, Martin Freeman als Bilbo ist nun ein Erwachsener in einer von infantilen Monstrositäten und ihren Leidenschaften zerrissenen Landschaft. „Kleine Leute“ sind alle beide, jener wie dieser.
Zwerge als Sinnbild der „kleinen Leute“
Der neue Film lässt sich zunächst Zeit, am Rouletterad der ethnisch-medizinisch-mythischen Bedeutungsfelder zu drehen, die man rund ums Sinnbild „kleine Leute“ arrangieren kann: Wichtel, Gnome, Pimpfe, Zwuckel, midgets, Schlümpfe, Kobolde, Pygmäen, Liliputaner dürfen dem Publikum einfallen, bis es schließlich auf eine quasisoziologische Lesart festgelegt wird: Kleine Leute, Hobbits und Zwerge, sind hier einfach die gesellschaftlich Zukurzgekommenen, die Unterdrückten, Ausgebeuteten, Ausgeschlossenen, Gejagten, die underdogs.
Klugerweise setzt Jackson, damit aus der Parteinahme fürs knuffig Antimonumentale ein Film wird, der sich sehen lassen kann, durchweg auf den größtmöglichen Kontrast zwischen der bescheidenen Erscheinung seiner sympathisch verbauten Helden einerseits und dem Äußersten, was sich an Wucht, Glanz und Dröhnen aus den Apparaten holen lässt, andererseits.
In Patinadunst getauchte Rückblenden
Allein seine verschwenderische Farbregie reicht hin, Kunsthistoriker in epileptische Zusammenbrüche zu stoßen: Das Rubin-, Beryll-, Smaragd- und Goldrauschflirren der Drachenburg wird durch fieberheiße Kristallfilter angestaunt, dann flammen die Polarlichtblitze des Krieges auf, gefolgt von den Elmsfeuern des Heimwehs und einigen mal in knochenweiße Nebeltünche, mal in bronzierten Patinadunst getauchten Rückblenden. Die höchste schwarzromantische Verfeinerung schließlich perlt in den windbewegten Schleiern sprühender Wasserfälle, wo sich der Schimmer einer fahlen kosmischen Leselampe bricht, mit deren Hilfe Mondrunen entziffert sein wollen.
Nicht weniger ausgefeilt als dieser selbstbewusste Palettengebrauch ist das Sound-Design, vom klirrenden und krachenden Schlachtenlärm bis zum Summen und Murmeln des Mormonenchors der Zwerge, wenn deren Kehlköpfe vom ganz Alten, längst Verschütteten künden.
Drachenfeuer als unentrinnbarer Prolog
Einmal mehr wird derlei technischer Aufwand bei Jackson dazu eingesetzt, die dargestellte Archaik mit einer Medienwirklichkeit zu verschränken, die dem Publikum außerhalb der Höhle namens Kino tägliche sinnliche Heimat ist: Blendwerk, Radau und Krach wissen im Hobbitfilm all das über Fukushima, „Desert Storm“ und Occupy-Theater, was die Zuschauerschaft auch weiß.
Die Zerstörung der Zwergenheimat durch Drachenfeuer vom Himmel ist hier daher so unentrinnbarer Prolog, wie die Anschläge vom 11. September 2001 auf die Twin Towers in New York die Vorgeschichte aller Kriegs- und Bedrohungsmythen der Gegenwartsöffentlichkeit sind. Der Hobbit unterschreibt einen Vertrag, der die Zwerge aus der Verantwortung für Verstümmelungen und Verbrennungen entlässt, die er sich auf der Reise zuziehen könnte, als wäre das Abenteuer eine Show im Dschungelcamp.
Mehr ist mehr
Jackson hat Tolkiens Vorlage allerdings nicht nur mit solchen Anachronismen, sondern auch mit allerlei Marginalem aus Tolkiens eigenen Textbeständen rund um die „Herr der Ringe“-Trilogie angereichert - und ist dabei gewitzter als die Kritik, die ihm jetzt vorwirft, seine Quellen zu verwässern. Auf den Vorwurf, Gandalf habe eine Anekdote ausgeschmückt, die er erzählt, lässt sein Regisseur ihn erkennbar pro domo antworten: „All good stories deserve embellishment.“ So clever das klingt, es ist nicht wahr. Denn kein allgemeines Gesetz des Erzählens wird befolgt, wo jemand die spezifische Ereignisdichte einer literarischen Fantasy-Vorlage im Kino absichtlich erhöht und deren Körnigkeit verändert.
Jackson pariert vielmehr einen sehr spezifischen genregeschichtlichen Zugzwang: High Fantasy, Sword-and-Sorcery-Epik, ja Phantastik überhaupt, auch Horror und Science Fiction sind heute nicht mehr nur von der Entrückung aus dem Alltag, sondern auch von der Tiefe und Fülle dessen geprägt, wohin man da jeweils entrückt wird. Fernsehserien wie „Game of Thrones“, Filmreihen im Hypertextraum der Marvel-Comics sowie interaktive Spiele, in die man immer wieder zurückkehren kann, um sich dem potentiell unendlichen Wechselspiel von Variation und Wiederholung auszusetzen, bestimmen die Maßstäbe. Deren oberstes Gesetz heißt: Mehr ist mehr.
Auch kammerspielhaft präzise
Sehr selten tut Jackson, von diesem Imperativ genötigt, des Guten tatsächlich zu viel: Ein zitternder Schnuppernäschen-Igel im Todeskampf weckt das Verlangen nach der Insulinspritze, und Steinriesen, die sich mit ihren Köpfen ihre Köpfe einrennen, treiben den Gigantismus ins Lächerliche. Auch patscht ein ziemlich stumpfer Körperhumor - es wird gerotzt und gerülpst, wie sich das weder Bud Spencer noch Louis de Funès in ihren einfallslosesten Momenten getraut hätten - zu oft und zu gern im Matsch.
Der Quatsch findet sich allerdings ausbalanciert durch unübersehbare Hinweise darauf, dass Jackson den Menschen, die er unterhalten will, Intelligenz zutraut: Sosehr zum Beispiel physischer Horror zwischen Blutspritzern und Ungeheuern mit Schilddrüsenfehlfunktion sich breitmacht, so kammerspielhaft präzise ist der unheimliche Rätselwettkampf zwischen Bilbo und Gollum in der eiskalten Höhle des Letzteren inszeniert - ein Bonbon der Kinogotik, wie es etwa Tim Burton seinen nach derlei lechzenden Fans seit zwanzig Jahren nicht mehr serviert hat.
Frauen gibt es fast keine
Viel Schönheit steckt in Details: Fisch brutzelt, Zwerge räumen akrobatisch das Geschirr zusammen, eine Feder taucht ins Tintenfass, und Gandalf erfindet den Molotow-Tannenzapfen. Das Schauspielensemble ist, auch dies bei Jackson üblich, von erheblicher Dignität: Martin Freemans Bilbo, britisch-kauzig und ehrpusselig, trägt gewiss drei Filme; Ian McKellens Gandalf reizt sein Spektrum zwischen paternalistischer Bonhommie und obstinater Bärbeißigkeit genüsslich aus. Unter den Zwergen bestechen vor allem der noble, leicht verschnupfte Ernst des Anführers Thorin Eichenschild (Richard Armitage) sowie die ironiegespickte Würde des alten Balin (Ken Stott).
Andy Serkis ist abermals der beste und gruseligste Gollum, den man für Geld kaufen kann, und wer den vor lauter understatement schon fast wieder hochmütigen Sylvester McCoy nicht schätzt, der hier einen dauerbekifften Gandalf-Kollegen gibt, wie ihn die Ökologiebewegung in der Ära ihrer administrativen Erstarrung dringend gebrauchen könnte, hält von Schauspielerei wohl generell nichts. Nur Frauen gibt’s fast keine; Cate Blanchett dominiert dafür mit vielsagendem Lächeln jede Szene, die Jackson ihr gönnt.
Das schwere Leben der Zwerge
Zuschauermassen, die ihm seit den „Herr der Ringe“-Filmen auf jeden Berg und in jede Schlucht folgen, lockt der Regisseur diesmal in ein unerwartetes Gespräch darüber, was eine der wichtigsten Filmkonventionen, die abenteuerliche Queste oder Reise, heute überhaupt noch wert sein könnte. Ob der Schatz der Sierra Madre auf dem Spiel steht, der Malteser Falke oder ein Ring - im Western, im Krimi und in der Fantasy hält das Unruhige, Aufgescheuchte große Filme zusammen. Funktioniert das weiterhin? Und wenn ja, warum und wie? Peter Jacksons Antwort ist ein Versuch, jene Filmkonvention mit Kunst und Bombast zur aktuellen Schicksalsmetapher aufzurüsten.
“We don’t belong anywhere“: Das Los der Zwerge ist eines, das im 21. Jahrhundert Klimaflüchtlinge wie von Kriegen um Öl und Wasser Verjagte betrifft und betreffen wird. Die Kernbestimmung der Fantasy, „Eskapismus“ zu liefern, wird vor solchem Hintergrund auf neue Art mehrdeutig. Bilbo, sagt einer der Zwerge misstrauisch, wisse gar nicht, was das ist, ohne Zuhause zu sein oder von Orks in Pogromen ermordet zu werden. Bilbo erwidert: Ja, er vermisse seine Bücher, seinen Garten, aber ebendeshalb könne er sich vorstellen, wie schwer das Leben der Zwerge sei.
Humanismus heute: Man muss von der Phantasie zur Empathie finden. Sonst sind alle verloren, nicht nur die Kleinen.
Empfehlung an den Kritiker: Erstmal das Buch lesen...
Stefan Jäkel (sjaekel)
- 19.12.2012, 13:52 Uhr
Einfach mal 5 Gänge runterschalten,
Jan Buri (jbur)
- 13.12.2012, 15:41 Uhr
Ich freu mich nur auf eienen guten Film zu einem guten Buch
Erik Staack (E_Staack)
- 12.12.2012, 22:30 Uhr
Immer wieder erstaunlich ...
Max Muster (MannomannX)
- 12.12.2012, 17:36 Uhr
Ich freue mich, Herr Dath!
Daniel Aumann (danchaum)
- 12.12.2012, 16:54 Uhr