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Video-Filmkritik Des Meeres und der Liebe Höllen

 ·  Jacques Audiards Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“ bringt zwei Verlierer des heutigen Lebens in einer Geschichte zusammen, die ein phantastischer Gewinn für das Kino ist.

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© Central Video-Filmkritik: „Der Geschmack von Rost und Knochen“

Das unvergessliche Bild dieses Films ist ein Mann, der mit bloßen Fäusten auf eine Eisfläche trommelt. Darunter, im Wasser, treibt sein Kind. Der Mann hat eine Ausbildung als Profiboxer begonnen, er weiß, dass er sich die Fingerknochen brechen und seine Karriere ruinieren wird, aber er schlägt trotzdem weiter. Bis das Eis zerbricht.

Das zweite unvergessliche Bild dieses Films ist eine Frau, die einem Mann beim Schwimmen im Meer zuschaut. Die Frau hat beide Beine oberhalb der Knie verloren. Ob sie nicht auch reinkommen wolle, fragt der Mann. Sie erklärt ihn für verrückt, aber dann lässt sie sich von ihm ins Wasser tragen. Sie treibt auf dem Rücken, dann beginnt sie zu kraulen, und man sieht das Glück, das durch ihren Körper fließt, der seine Kraft wiederfindet.

Eine Mischung aus Sunshine und Noir

Die Filme des Franzosen Jacques Audiard handeln von Händen, Armen und Beinen, Augen und Ohren, von den Körperteilen, die uns mit der Welt und mit anderen Menschen verbinden. Und sie erzählen davon, was es bedeutet, sich auf all das nicht mehr verlassen zu können: der Klavierspieler Thomas, dessen Finger in Jahren der Untätigkeit steif geworden sind („Der wilde Schlag meines Herzens“), die gehörlose Carla, die durch ihr Talent, Lippen zu lesen, in eine Gangstergeschichte hineingezogen wird („Lippenbekenntnisse“), der Kleinkriminelle Malik, dessen Hände bei seinem ersten Auftragsmord zittern, bis er lernt, sie zu beherrschen.

In Audiards neuem Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“ kommt noch etwas anderes hinzu: das Meer. Die Geschichte beginnt in Nordfrankreich, springt aber von dort sofort an die Côte d’Azur. Und Audiard lässt die französische Mittelmeerküste so aussehen, wie Los Angeles in den Filmen Robert Altmans ausgesehen hat: glitzernd, hektisch, überbelichtet, mit einem Stich ins Trostlose, einer Mischung aus Sunshine und Noir.

Eine Panne in der Orca-Show

Es ist, als trüge das Wasser, dessen Schillern ständig spürbar ist, die Figuren zueinander. Ali (Matthias Schoenaerts) wohnt mit seinem kleinen Sohn bei seiner Schwester in Antibes und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch; Stéphanie (Marion Cotillard) arbeitet als Orca-Trainerin in einem großen Meeresvergnügungspark. In einer Diskothek, wo er als Türsteher arbeitet, begegnen sie sich zum ersten Mal, sie liegt nach einem Gerangel mit blutender Nase am Boden, er begleitet sie nach Hause.

Dann geschieht, mit unfassbarer Plötzlichkeit, das Unglück, das die Geschichte in Gang bringt: Bei der Orca-Show gibt es eine Panne, Stéphanie fällt ins Becken, und eins der Tiere stürzt sich auf sie. Man sieht nicht, was passiert, nur ihren treibenden Körper und eine zarte Wolke Blut an ihren Beinen, aber dieser Anblick ist von so schrecklicher Raffinesse, dass man ihn nicht mehr los wird, er balanciert auf demselben Grat zwischen Poesie und Grausamkeit wie der ganze Film. Als Ali und Stephanie sich das nächste Mal gegenüberstehen, ist er, der Fremde aus der Diskothek, ihre letzte Zuflucht, der Einzige, dem sie sich nach dem Verlust ihrer Beine noch zeigen will.

Nach dem Unfall wie ausgelöscht

Sie sind der reine Gegensatz: Matthias Schoenaerts, den Audiard in dem belgischen Film „Bullhead“ entdeckt hat, mit seinem wuchtigen, muskulösen Körper und seinem eingefrorenen Mienenspiel. Und Marion Cotillard, die nach dem Unfall wie ausgelöscht wirkt, mit einem Gesicht aus Pergament, und die selbst nach ihrer Wiederbelebung etwas Durchscheinendes hat, als wäre sie nie mehr ganz zurückgekehrt aus dem Becken voller Blut. Und doch ist es, als könnten sie sich gerade in dieser Konstellation erst auf Augenhöhe begegnen, der Sozialverlierer Ali und die versehrte Stéphanie, der Unhold und die kaputte Schöne. Er bringt sie zum Strand und lockt sie ins Wasser, und in ihrer Wohnung fragt er sie, ob er mit ihr schlafen solle, damit sie sehen könne, ob „es“ noch gehe. Er sei fast immer „opé“, einsatzfähig, sie müsse nur Bescheid sagen.

Es ist die Liebesgeschichte zweier Menschen, die keine Melodramen erleben wollen, sondern das Leben selbst, hier und jetzt. Und als Ali im Schlepptau eines Kollegen aus der Überwachungsfirma, für die er inzwischen arbeitet, bei illegalen Boxkämpfen antritt und Stéphanie ihn begleitet, als sie zu seiner Managerin wird und für ihn die Wettgelder einstreicht, da kommt dieses Leben für kurze Zeit ins Gleichgewicht und nimmt die Farbe des Glücks an, eine Helligkeit, die vorher nicht da war. Sogar der Orca, der Stéphanie zum Krüppel gemacht hat, kehrt zu ihr zurück, sie hebt die Hände, und sein riesiger schwarzer Leib erscheint hinter der Glasscheibe des Aquariums wie ein Schatten aus der Vergangenheit.

Das Schicksal gönnt sich eine Pause

Natürlich kann dieses Glück nicht dauern. Den Titel und einige Motive seines Films hat Audiard einer Kurzgeschichtensammlung des Kanadiers Craig Davidson entnommen, der von den Verlierern der Deindustrialisierung erzählt. Dadurch bekommt die Geschichte von Stéphanie und Ali, die überall und nirgends spielen könnte, einen präzisen Ort in der Gegenwart. Die Überwachungskameras, die Ali in dem Supermarkt installiert hat, in dem seine Schwester arbeitet, führen zu ihrer Entlassung und seinem Rauswurf aus der gemeinsamen Wohnung.

Nach gewohnter Kinologik müsste Audiard nun die Liebesgeschichte weiterverfolgen. Stattdessen konzentriert er sich auf die brüchige Vater-Sohn-Beziehung zwischen Ali und dem fünfjährigen Sam. Noch einmal also riskiert der Film alles, und noch einmal spitzt er das Geschehen auf eine Weise zu, dass es einem den Atem verschlägt. Am Schluss ahnt man, dass dies nicht der Schluss ist, sondern nur eine Pause, die sich das Schicksal gönnt.

Hände, Arme, Beine, Ohren und Augen

Beim Start in Frankreich wurde „Der Geschmack von Rost und Knochen“ mit dem Kassenerfolg „Ziemlich beste Freunde“ verglichen. Das ist auf den ersten Blick plausibel und auf den zweiten falsch. Bei Audiard geht es nicht um Versöhnung, weder im sozialen noch im sexuellen Sinn, sondern darum, das Gewicht des eigenen Daseins auszuhalten.

Deshalb ist sein Film zugleich düsterer und tröstlicher als das Märchen vom reichen armen Mann und seinem schwarzen Fahrer. Das Unglück, das sieht man in dieser Geschichte, verliert seine Macht, sobald man aufhört, vor ihm zu fliehen. Am Ende kommt es nur darauf an, die eigenen Hände, Arme, Beine, Ohren, Augen richtig zu gebrauchen. Oder das, was davon übrig ist.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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