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Filmkritik zu „Shape of Water“ : Die ozeanische Badewanne

Bild: Shape of Water

So viel Lob und Ehren empfängt ein Märchen mit erotischem Stoff sonst nicht: Der Fantasy-Film „The Shape of Water“ von Guillermo del Toro ist nominiert für dreizehn Oscars – und kommt jetzt auch bei uns ins Kino.

          Letztes Jahr im Herbst, nach dem Filmfest von Venedig, fragten in aller Welt Daheimgebliebene die Zurückgekehrten, was denn so wunderbar sei an „The Shape of Water“, dass Kritik, Jury, Gäste und Branchenvolk dermaßen außer sich geraten konnten über einen Monsterfilm, in dem ein stummes, aber nicht taubes Mauerblümchen Sex mit einem schuppig sumpfgrünen Fischmenschen hat. Seitdem hat der Film obendrein Golden-Globe-Ehren eingesackt und ist für dreizehn Oscars nominiert. Warum? Eine teils lustige, teils gruslige, liebevoll mit Zeitdekor aus der härtesten Knirschphase des Kalten Krieges dekorierte Phantastikedelschnulze samt Spionagekolportage und inklusive rassistischer Entgleisungen eines weißen, nicht nur heteronormativ durchneurotisierten, sondern sogar hyperpatriarchalisch verheirateten, in seinen soziosexuellen Status also geradezu einbetonierten Fieslings soll den ewigen Märchennerv des Kinos getroffen haben, ja: ein Meisterwerk sein und zugleich die von niemandem je erwartete Synthese aus „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ (1973), „Die Schöne und das Biest“ (beste Version, von Jean Cocteau: 1946) und „Alien“ (1979)?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Seltsam, aber so steht es geschrieben (und stimmt). Ein wichtiger, wenn auch längst nicht der einzige Grund dafür ist die überlegene Tauchtechnik, mit der die Regie von Guillermo del Toro das Publikum in die süßsaure, ungeheuer wohlschmeckende, erzromantische Lavasoße tunkt, die langsam, aber unaufhaltsam durch diesen Film strömt: Während immer mehr Serien von uns wollen, dass wir sie am Stück sehen, während das Kino (nicht nur beim 3D-Rambazamba) panisch auf Immersion setzt, auf induzierte Selbstvergessenheit beim Filmerleben, während Virtual-Reality-Schnickschnack auch auf elitärsten Kunstkinoforen veranstaltet und prämiert wird und während das Lichtspielwesen insgesamt der elektronischen Popmusik in Richtung „Ambient“ hinterherhetzt, also eine mediatisierte Umgebung werden will, die Menschen mit ihren Tiefenträumen verwechseln sollen, hat sich del Toro bei der Arbeit an „The Shape of Water“ an etwas erinnert, was Künste, Religionen und magische Systeme seit zehntausenden Jahren nutzen, nämlich das archaische „ozeanische Gefühl“.

          Es geht nicht um Sinnesreize, sondern um Gemütswerte

          Diese Formel gebrauchte folgenreich der Schriftsteller Romain Rolland, als er sich bei Sigmund Freud darüber beschwerte, dessen Psychoanalyse könne zwar die meisten Inhalte der Religionen auf die Lerngeschichte des Kinderköpfchens zurückrechnen, aber doch keine Erklärung für die ekstatische, in der Mystik und im Herzen des Religiösen verankerte Ahnung finden, alles sei irgendwie mit allem verbunden – eben das „ozeanische Gefühl“. Der eiserne Rationalist Freud erwiderte darauf, es handele sich bei besagtem Gefühl einfach um einen Rückfall des Erwachsenenbewusstseins in frühkindliche kognitive Schichten, in deren Datenverarbeitungsfunktionalität die Grenze zwischen dem individuellen Menschen und seiner Umwelt noch unklar sei. Das ozeanische Gefühl ist damit, anders als die angedrehte Überwältigung durchs schiere Effektkino zwischen Lichtblitz und Lautstärke, keine Frage der Wahrnehmung, sondern etwas genuin Seelisches – es geht dabei nicht um Sinnesreize, sondern um Gemütswerte.

          So sieht sie aus, die Frau, deren Träume die gesamte Macht des Bösen nicht aufhalten kann: Sally Hawkins als Elisa Esposito staunt über einen Engel aus der Tiefe.

          Deren Keimen, Blühen, Früchtetragen ordnet Guillermo del Toro in „The Shape of Water“ jede Einzelkunstanstrengung unter, vom Amphibienmanndesign der Veteranen Dave Grasso und David Meng über die vom Lieblichen bis zum Grotesken gespannte musikalische Epik des Soundtrack-Komponisten Alexandre Desplat bis zu den Leistungen der Darstellerinnen und Darsteller, every single one of them at the absolute top of their game: Die Knuffigkeit des kauzigen Richard Jenkins war noch nie so knuddelig, die erdige Komik der Naturgewalt Octavia Spencer noch nie so brodelbrühwarm, und Michael Shannon stinkt und wütet vorbildlich als maßgeschneiderter Drecksack, der sich Gliedmaßen, wenn er sie verliert, einfach wieder an den Körper tackert, auch wenn sie dann eitern, egal, passt prima zu seinem stockfinsteren Herzen, das verwest nämlich auch beim Schlagen.

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