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„Der dunkle Turm“ im Kino : Schüsse durch die Leinwand

Bild: AP

Stephen Kings Herz kommt ins Kino: „Der dunkle Turm“ mit Idris Elba und Matthew McConaughey wirft einen langen Schatten.

          Wände und Grenzen sind Schein, die Wirklichkeit hat überall Türen. Durch eine davon betritt ein Junge namens Jake Chambers eine andere Welt. Er wundert sich nicht, dass es mehr als eine Welt gibt; seine unruhigen Künstlerhände wissen längst Bescheid, sie zeichnen wie besessen immer wieder einen unirdischen Turm aus lauter Zinnen, außerdem einen grausamen Mann in Schwarz und schließlich einen Samurai, der zugleich Clint-Eastwood-Double und mittelalterlicher Gralssucher zu sein scheint.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Wüste hinterm Zwischenweltportal ist von entzündeten Steinpocken und stehenden Sandstürmen übersät, umzingelt von zerbrochenen Bergen mit Bauten, die vergessen haben, wozu sie da sind. Jake findet hier den Revolverritter aus seinen Träumen. Der heißt Roland und ist verbittert bis ins radioaktiv verstrahlte Herz. Er jagt den Schwarzgekleideten, um ihn zu töten, und beider Welt „has moved on“ ins Geschichtslose, sagt Roland – ein schlimmerer Gegensatz zur Idee „Fortschritt“, als jede bloße Regression wäre.

          Der dänische Regisseur Nikolaj Arcel hat sich mit „Der dunkle Turm“ an die Filmfassung des Hauptwerks von Stephen King gewagt. Dessen „Dark Tower“-Epos umfasst je nach Zählweise sieben bis neun Bände. King hat daran (und an mancherlei Neben-, Vor- und Nacharbeiten) seit 1970 gerackert und wird damit wohl fortfahren, solange er schreiben kann. Die große amerikanische Traditionslinie romantischer Schattenprosa, die mit Poe und Hawthorne beginnt, um über Lovecraft und Shirley Jackson schließlich die Horrorphantastik der Gegenwart zu erreichen, hat King um drei Höhepunkte bereichert: „It“ (1986) ist die Lunge seines Textkörpers, sie atmet reinen Horror (eine neue Verfilmung auch dieses Romans kommt in diesem Jahr, in dem King siebzig wird, ins Kino); „The Stand“ (1978, überarbeitet 1990) ist das Hirn desselben Leibes, hier finden sich Kings Urteile über Gut und Böse. „The Dark Tower“ schließlich ist das Herz; ein Großversuch im Subgenre „portal fantasy“, das die Verkehrsverhältnisse zwischen Alltag und Wunder behandelt und dem zum Beispiel Lewis Carrolls „Alice“-Erzählungen (ab 1865) L. Frank Baums „Oz“-Geschichten (ab 1900), die „Narnia“-Bücher von C.S. Lewis (ab 1939), Michael Endes „Unendliche Geschichte“ (1979) und Clive Barkers Chef D’OEuvre „Imajica“ (1991) angehören.

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          In Kings „Dark Tower“-Zyklus braucht Roland, um aus dem Gefängnis seiner Racheblindheit zu entkommen, ein „ka-tet“, das heißt eine Gruppe von Menschen, die das Schicksal unauflöslich verbindet. Von diesem „ka-tet“ ist im Film nur Jake übriggeblieben; damit sortiert und deutet sich das Material wie von selbst: Der Junge, dem Tom Taylor sein waches Gesicht leiht, steht für King, während Roland – im Kino Idris Elba – dessen Selbstverpflichtung darauf bedeutet, als Mensch wie als Künstler über sich hinauszuwachsen. Der gewissenlose Mann in Schwarz wiederum, den Matthew McConaughey trockeneiskalt und grandios schmierig gibt, steht für alles, was die Kinder und Künstler dieser Welt daran hindert, übers Wirkliche hinaus ins Mögliche zu schauen, also für die seelische Leere einer arbeitsteilig durchautomatisierten Gesellschaft, die ihre eigenen Lebensgrundlagen frisst. (Walter zwingt die Kinder, die er fängt, in eine Maschine, mit deren Hilfe er den Turm zerstören will – den Turm, soll sagen: alles, was „hoch hinauswill“, also das Ideal an und für sich. Walter ist Satan als Pragmatiker, das abscheulichste Monster, das King je geschildert hat.).

          Das Tableau der zerstörten Heimat

          Diese Allegorie wird im Film rigoros zusammengestrichen auf sinnfällig-dramatische Momente und kommt hier zu sich selbst in Idris Elbas Ausdruck, seinem Gesicht, seinem Blick: Dies ist ein Mensch, der dem Weltverlust trotzt, nachdem man ihm sein Leben gestohlen hat; er betrachtet das Tableau der zerstörten Heimat genau so, wie Paul Newmans Augen in Robert Altmans wunderlichem Science-Fiction-Kleinod „Quintet“ (1979) still-verzweifelt am starrgefrorenen Zeithorizont nach moralischen Himmelsrichtungen suchen.

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