http://www.faz.net/-gs6-82zjh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 06.05.2015, 14:22 Uhr

Video-Filmkritik Eine Bösenachtgeschichte

Gleich mit ihrem Debüt etabliert sich die Australierin Jennifer Kent im Kanon des Horrorgenres: Ihr Film „Der Babadook“ ist ein finsterer Meilenstein.

von
© Capelight, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Der Babadook“

Ein Genick bricht, eine Diele knarrt, ein Mensch reißt sich mit der Hand einen Zahn aus dem entzündeten Mund: Geräuschregie auf diesem Niveau findet man normalerweise nur im Radio oder bei David Lynch.

Dietmar Dath Folgen:

Der zentrale Klangkörper in „The Babadook“, dem sensationell stilsicheren Spielfilmdebüt der australischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jennifer Kent, ist ein dunkles Haus als unentrinnbare Kammerspielkulisse. Jemand hat dieses Gebäude geschlachtet und ausbluten lassen, die Farben sind entwichen, nur ein böses Kinderbuch in einem verhexten Regal giftet den Blick noch mit seinem knallroten Umschlag an, aber auch auf dessen Seiten geht es überwiegend grau in grau zu - bis auf den Babadook, einen Schatten, der schließlich aus dem Papier klettert und sich seine Beute sucht: den verletzten, nie verheilten Stumpf einer Mutter-Kind-Kleinstfamilie, der man den Vater weggerissen hat und die seither stumm nach innen blutet.

Von wochenlanger Schlaflosigkeit entkräftet

Die tiefen psychischen Einschnitte, die schließlich zu klaffenden Wunden werden, zeigen sich visuell, aber auch auf der Sprachoberfläche in Gestalt haarfeiner Risse: Wenn das Kind der Mutter verspricht, dem Ungeheuer „den Schädel einzuschlagen“, oder die Mutter, von wochenlanger Schlaflosigkeit entkräftet, den kleinen Jungen anfährt, er rede zu viel und solle, wenn er so hungrig sei, wie er sagt, doch einfach „Scheiße fressen“, dann kündigen sich damit die physischen Brutalitäten des letzten Filmdrittels auf eine Weise an, die fast zur Erwartung einer Erlösung durch handgreifliche Gewalt führt: So schlimm wie das, was diese beiden in ihrer quälenden Liebe miteinander treiben, kann kein Schlag, Tritt oder Stich sein. Wie Jennifer Kent diese Erwartung aufbaut und dann in der schlechten Luft zerreißt, erwirbt ihr den Anspruch, ihren klugen, schrecklichen, schönen Film auf einer Höhe mit Polanskis „Repulsion“ (1965) und „Rosemary’s Baby“ (1968) oder William Friedkins „The Exorcist“ (1973) im Kanon des Terrorkinos einzureihen.

Mehr zum Thema

Friedkin persönlich und der nicht minder berufene Genrekenner Stephen King haben Kents Lob gesungen und dabei auch nicht übersehen, dass ihre besondere Stärke gegenüber jenen Vorläufern in einer perfiden gruselgesteuerten Zweckentfremdung diverser Sozialkompetenzen wurzelt, die man gemeinhin Frauen und Müttern zuzuschreiben pflegt: Nestbau, aufmerksame Fürsorge in Detailfragen, Selbstaufopferung - das alles packt sie in ihre weibliche Hauptfigur Amelia und zündet es dann an wie einen Sprengsatz. Essie Davis spielt diese alleinerziehende Witwe weisungsgemäß als vollständigen Katalog sämtlicher Formen von Furcht, die eine Frau in ihrer Lage aushalten muss: Angst ums Kind, Angst vor dem Kind, Angst vor der Angst des Kindes. Dieser kleine Samuel ist mit Noah Wiseman aber auch besonders unheimlich besetzt: der Junge sieht aus, als hätte Doktor Mabuse persönlich ihn aus Christopher Walken und einer Albino-Fledermaus zusammengeklont.

Der Widerhaken am Gruselstachel

Ein Kind, das mehr sieht als andere Menschen, zu beschützen und zu erziehen, das ist, zeigt „Der Babadook“, eine der anstrengendsten und demütigendsten Formen der Einsamkeit, die über eine Frau verhängt werden können. Das Mitleid mit ihr und ihrem Schützling ist der Widerhaken am Gruselstachel, den der Film ins Herz des Publikums treibt: Mutter und Kind kommen uns desto vertrauter vor, je heimgesuchter und monströser sie sich verhalten, weil wir solche alleingelassenen Leute natürlich alle kennen - nur dass wir, wenn sie neben uns in der S-Bahn sitzen oder vor uns in der Discounterschlange stehen, den Blick abwenden können, während Jennifer Kent uns Kinokomplizen mit ihren Bildern, Geräuschen und erzählerischen Tricks hypnotisiert, bis es zu spät ist, uns in eine Distanz zu retten, die uns das Unerträgliche ins bloß malerisch Groteske abmildern könnte.

„You can’t get rid of the Babadook“: Den seelenfressenden Unhold aus dem Bilderbuch loszuwerden erweist sich tatsächlich als unmöglich, obwohl Amelia den prachtvoll finsteren Band (den der Buchgestalter Alex Juhasz für Jennifer Kent geschaffen hat) erst in Fetzen reißt und dann, als er, davon unbeeindruckt, neu zusammengefügt auf der Schwelle liegt, mit Brandbeschleuniger verbrennt.

Hinreißende Schlafstörungen und Herzattacken

Der Babadook verlegt sich auf Geräuschbelästigung und Poltergeisterei, Amelia geht zur Polizei, die lässt sich wegen Unzuständigkeit für Übernatürliches entschuldigen, und so versagt die Gesellschaft ringsum: Amelias kleinbürgerlich verklemmte Schwester, die Schulbehörde, das Jugendamt, niemand hilft - und der Arzt, in dessen Sprechstunde sie sichtlich fast schon auseinanderfällt, ermahnt sie selbstgefällig, sie solle aber auch wirklich erst dann zu Medikamenten greifen, wenn die Lage ernstlich schlecht sei - „it’s really bad“, antwortet sie kaum hörbar; eine rührende Untertreibung. Verjagen, verdrängen, heilen, nichts hilft.

Die Lösung, die Amelia und Samuel schließlich gemeinsam finden, ist unter Jennifer Kents zahlreichen erstklassigen Einfällen einer der eigensinnigsten - es klingt schief, wenn man das undurchschaubare, aber seltsam schlüssige Ende von anderthalb Stunden hinreißender Schlafstörungen und Herzattacken „zauberhaft“ nennt, aber ein anderes Wort für den Moment, in dem eine begnadete Magierin den Deckel vom schwarzen Hexenkessel ihres Talents hebt und ein Wunder heraushüpft, wäre schlicht unhöflich.

Glosse

Beckers Frist

Von Christian Geyer

Eine britische Richterin sieht in Boris Becker einen Mann, der den Kopf in den Sand steckt. Dabei ist dieses Verhalten eine typisch menschliche Regung in gefährlichen Situationen. Mehr 11 17

Zur Homepage