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Video-Filmkritik : Hello, Steve Jobs

Bild: Universal

Danny Boyle liefert mit „Steve Jobs“ keine neuen Enthüllungen über den Apple-Mitgründer. Seine filmische Erzählung der Mediengeschichte ist dafür umso innovativer.

          Steve Jobs, einer der Gründer der Firma Apple, berühmt geworden für seine mitreißenden Produktpräsentationen, hat uns kein neues Weltbild geschenkt wie Kopernikus, nicht die Kunst mit den Naturwissenschaften vermählt wie Leonardo, nicht den Kosmos gedanklich erfasst wie Einstein, nichts entdeckt wie Madame Curie, nicht einmal ein Sofa entworfen wie Florence Knoll. Er hat sich Konzepte für Computer ausgedacht, die andere programmierten, und hatte Designideen, die andere ausführten. Und er hat eine Menge Computer verkauft. Dafür haben ihn die Käufer vergöttert, als sei er der Messias.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Natürlich mussten über einen solchen Mann Bücher geschrieben, Filme gedreht werden. Ein Verkäufer mit Charisma und einer Ware, für die weltweit Leute vor den Geschäften kampieren, um am Erstauslieferungstag ein Stück zu ergattern, das muss doch einer sein, über den es Geschichten zu erzählen gibt, der Geheimnisse hat, deren Enthüllung uns weiterbringt, dessen Persönlichkeitsbild, schwankend zwischen Monster und Genie, uns etwas mitteilt über uns und unsere Zeit. Aber was?

          Die Bücher sind geschrieben, wenn auch vermutlich noch nicht alle, obwohl eines davon, die von Jobs selbst vor seinem Tod im Jahr 2011 noch autorisierte Biographie von Walter Isaacson, den Mann erschöpfend darstellt. Ashton Kushner hat ihn in einem Film gespielt (der relativ erfolglos blieb), eine Dokumentation ist auch schon im Kasten, und nun dies: „Steve Jobs“, der Film, den David Fincher erst drehen und dann doch nicht drehen wollte, über den Mann, den Leonardo DiCaprio und Christian Bale erst spielen und dann doch nicht spielen wollten, der Film von Danny Boyle also mit Michael Fassbender in der Titelrolle. Erzählt er uns eine Geschichte, die wir nicht kannten? Zeigt er uns einen Mann unserer Zeit, einen Großen, einen Pionier? Bricht er den Kult, oder zelebriert er ihn?

          Vor allem zeigt er uns einen großen Schauspieler, eben Michael Fassbender. Und eine große Schauspielerin, die schon lange keine so gute Rolle mehr hatte, nämlich Kate Winslet als Marketingchefin von Jobs, Joanna Hoffman, seine rechte Hand und oft in beruflichen wie privaten Dingen seine Rettung. Die beiden liefern sich Dialoggefechte wie einst Katharine Hepburn und Cary Grant - aber worum genau streiten sie sich? Ob er seine Tochter, die er erst verleugnet und dann, als sie sich am Computer als talentiert erweist, annimmt und ungelenk liebt, vor einer Präsentation noch empfangen soll. Darum, ob Jobs mit gutem Grund erwarten kann, dass ein Computer „Hello“ sagt, wenn er das will, oder ob das eine überzogene Forderung an den Programmierer ist, der mit diesem Hallo-Sagen die letzten zwei Wochen verbracht hat.

          Das „Hello“ des Computers - es handelt sich um den ersten Macintosh aus dem Jahr 1984, jenen Würfel, der vermutlich noch in vielen Kellern steht - war der Beginn eines neuen Zeitalters der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, und zwar potentiell jedem Menschen und seiner Maschine. Das sagte Steve Jobs. Das sagt Apple bis heute. Das sagt auch dieser Film. Ist das „die Delle im Universum“, von der Joanna spricht, wenn sie Jobs zuruft: „Now go out there and put a dent in the universe“? Geht es auch eine Nummer kleiner? Eine Oktave kritischer?

          Eine visuelle Mediengeschichte

          Genie, Schöpfung, Geist (im Sinn von „spirit“) - das ist die Dreifaltigkeit im Konzern des Steve Jobs, hier gespiegelt in drei jener legendären Produktpräsentationen, die für Apple-Anbeter biblischen Ereignissen gleichkommen. Für einen Film ist eine Drei-Akt-Struktur weder neu noch biblisch, sondern eine bewährte Idee, und ihr folgt Aaron Sorkin in seinem Drehbuch. Es besteht, wie immer bei Sorkin - die Serien „The West Wing“ und „Newsroom“ sowie David Finchers „The Social Network“ bezeugen es -, vor allem aus Dialogen, die vor allem im Laufen gesprochen werden, auf Gängen, in Fluren, backstage oder in Garderoben der drei unterschiedlichen Schauplätze.

          Ein Außen gibt es kaum jemals, die ganze Welt des Films gruppiert sich um jeweils ein neues Produkt, das Jobs unter die Leute bringt: 1984 wird der Macintosh in einer College-Aula in Cupertino vorgestellt (erster Akt), 1988 im San Francisco Opera House der NeXT (das Rache-Konkurrenzprodukt nach dem Rauswurf von Jobs bei Apple, zweiter Akt) und schließlich 1998 nach seiner Rückkehr der iMac in der Davies Symphony Hall, ebenfalls in San Francisco (dritter Akt). Jeder Akt hat seinen eigenen Look, nicht nur der Mode, sondern auch filmisch, der erste auf 16mm gedreht, etwas körnig für heutige Ansprüche, der zweite grandios leuchtend auf 35mm, der dritte digital in unendlicher Pixelschärfe. Das ist im Visuellen mehr Mediengeschichte als im Rest des Films.

          Hyperaktion trifft auf Stillstand

          „Steve Jobs“ macht klar, Steve Jobs war kein besonders interessanter Mann. Er konnte Massen begeistern, er hatte Ideen, die andere ausführten, er war seinen Mitarbeitern gegenüber ungerecht, sich selbst gegenüber selbstgerecht, und er hatte offenbar als Adoptivkind keine besonders strahlende Jugend. Das ist alles nicht neu, und es erklärt gar nichts.

          So ist dieser Film in seiner Dynamik, für die Steadycam, Schnitt und Dialoge gleichberechtigt sorgen, nahezu generisch unterhaltsam: als eine seltsame Mischung aus Hyperaktion und Stillstand, aus dauerndem Gebrabbel und Kommunikationsstörung, aus Hype und iMac.

          Ausgeklügeltes Filmemachen also, verschenkt an die Geschichte eines Mannes, der es nicht wirklich wert ist? Wie wäre es mit einem Film über Steve Wozniak, hier gespielt von Seth Rogen, den ewig Abgehängten im Apple-Reich? Oder, am liebsten: mit einem Film über Joanna, die im Orchester von Steve Jobs die erste Geige spielt, und die zweite dazu und auch die Pauke schlägt? Gern auf 16mm, 35mm und auch noch digital, mit Dialogen von Aaron Sorkin. Das schlüge eine Delle ins Universum!

          Quelle: F.A.Z.

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