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Video-Filmkritik : Dieses tückische kleine Monster

Bild: X-Film

Wolfgang Becker hat Daniel Kehlmanns Roman „Ich und Kaminski“ verfilmt. Die ersten fünf Minuten sind großartiges Kino. Dann geht es stufenweise bergab.

          Kino hat nicht direkt mit Kunst zu tun. Sonst wäre „Caravaggio“ der größte Spielfilm aller Zeiten, weil er von Caravaggio, und „Picasso“ der größte Dokumentarfilm, weil er von Picasso handelt. Beide Filme, der von Derek Jarman und der von Henri-Georges Clouzot, haben ihre Qualitäten, aber sie hängen nicht an der Kunst, die sie zeigen. Im Gegenteil: In „Picasso“ werden mehr Bilder ausgewischt als gemalt, und in „Caravaggio“, einer Liebes- und Mordgeschichte aus dem barocken Rom, hat die Malerei die Funktion eines emotionalen Brandbeschleunigers. Vielleicht hat Kino viel weniger mit Kunst als mit Kunstzerstörung zu tun.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wolfgang Beckers Film „Ich und Kaminski“ beginnt mit einer fünfminütigen Bildmontage, die das Leben des verstorbenen Malers Manuel Kaminski rekapituliert. Wir erfahren von seinen Lehrjahren bei Matisse, seiner Begegnung mit der Pop-Art, seinen Erfolgen als blinder Maler in Paris und New York, seinen Auftritten im Jetset der fünfziger und sechziger Jahre und seinem späteren Rückzug in die Schweizer Berge. Mal sind es Wochenschauen, die diese fiktive Biographie beglaubigen, mal Ausschnitte aus Interviews mit berühmten Künstlern, mal nachgedrehte und auf alt getrimmte Szenen mit Schauspielern. Es ist eine abenteuerliche Tour de Force, ein rasantes Spiel mit echten und getürkten Bildern, ein hinreißender Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen Glaubwürdigkeit und Parodie. Und es ist der Höhepunkt dieses Films.

          Es geschieht nichts

          Von da an geht es in „Ich und Kaminski“ bergab. Nicht, weil die Geschichte der Begegnung eines alten Malers und eines jungen, ehrgeizigen Kunstjournalisten nicht mit Liebe und Sorgfalt erzählt wäre (das ist sie). Und auch nicht, weil der Film etwa zu viel Kunst zeigte (dazu lässt er sich nur in einer einzigen, in einem Kelleratelier spielenden Szene hinreißen). Sondern weil die hundertzwanzig Minuten, die auf die Eingangssequenz folgen, den Zauber und das Tempo dieses Anfangs in keinem einzigen Augenblick erreichen. Weil der Film, allen seinen Mühen und Meriten zum Trotz, nie auf der Höhe des Versprechens ist, das er mit seinem Präludium gegeben hat.

          Die Röte des Rots von Technicolor ist nichts gegen diesen Morgenmantel: Daniel Brühl und Jesper Christensen erkunden die verschwimmenden Ränder des Kunstbetriebs.
          Die Röte des Rots von Technicolor ist nichts gegen diesen Morgenmantel: Daniel Brühl und Jesper Christensen erkunden die verschwimmenden Ränder des Kunstbetriebs. : Bild: dpa

          Das merkt man spätestens, als Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) in der erwähnten Atelierszene im Keller des Alpen-Chalets, in das sich der greise Kaminski (Jesper Christensen) zurückgezogen hat, dessen unbekannte und nie ausgestellte Spätwerke entdeckt. Bis dahin ist der Film mit Zöllner, der als Künstlerbiograph nur zweite und als Lebensgefährte offenbar dritte Wahl ist (weshalb ihn seine von Jördis Triebel gespielte Freundin verlassen hat), halbwegs amüsant hangauf, hangab gerutscht, hat Kaminskis Tochter Miriam (Amira Casar) tief in die dunklen Augen geblickt und den Meister selbst auffallend in Ruhe gelassen. Mit der Auffindung der Bilder, die allesamt überlebensgroße Köpfe im neo-expressionistischen Stil mit zerkratzten, blutenden oder leeren Augenhöhlen zeigen, sollte dieses Geplänkel endlich etwas mehr Gewicht bekommen. Denkt man. Aber es geschieht: nichts.

          Keine gemeinsame Schwingung

          „Ich und Kaminski“ war ein Roman von Daniel Kehlmann, bevor daraus ein Film von Wolfgang Becker wurde, und Becker hat das Buch, wie es sich gehört, überaus gründlich gelesen. Er nennt es „ein tückisches kleines Monster“ und „eine zu lang geratene Novelle“, und er bringt auch die Schwierigkeit, das Monster zu verfilmen, auf den Punkt: „Mehr als die Geschichte stehen die Figuren hier im Vordergrund.“ Die Frage ist nur, warum Becker nicht die Konsequenz aus dieser Einsicht gezogen hat. Denn der Film traut seinen Figuren nicht. Stattdessen klammert er sich an die Story, an jede Biegung, jeden Schlenker, den sie macht. Er stopft sie mit Rückblenden voll, in denen Zöllners Recherche abgeklappert wird. Und er verkleistert sie mit einem Soundtrack, der das Geschehen mal pathetisch überlädt, mal parodistisch bespöttelt. Er sucht eine Tonlage und findet sie nicht.

          In Wirklichkeit passiert in „Ich und Kaminski“, dem Roman, der für eine Novelle zu lang war, nämlich nur dies: Zwei Männer fahren ans Meer. Ein Blinder und ein Gefühlsblinder. Ein Ausgebrannter und ein Ehrgeizling. Sie suchen eine Frau, die der Ältere der beiden vor fünfzig Jahren geliebt hat. Sie finden sie. Und die Liebe ist weg. Die Geschichte löst sich auf, sie zerfließt wie die Wellen des Meeres, in denen Zöllner am Ende seine Tonbänder und Notizen versenkt.

          Jesper Christensen, Denis Lavant und Daniel Brühl.
          Jesper Christensen, Denis Lavant und Daniel Brühl. : Bild: X Verleih

          Zu viel Tiefsinn, zu viel Kunst

          Aber als hätte er mit der Wahl des Dänen Jesper Christensen, der mit Daniel Brühl nie in jene gemeinsame Schwingung gerät, die für eine Zweimännergeschichte unentbehrlich ist, nicht schon genug Unheil angerichtet, hat Becker den Part von Kaminskis Jugendliebe mit Geraldine Chaplin besetzt. Sie spielt eine Holländerin, die trockene Kuchen backt und Talkshows guckt, und sie steht so flagrant neben ihrer Rolle, dass man ständig auf den Einsatz des Regisseurs wartet, der die Szene abbläst und nach der Zweitbesetzung ruft. Aber niemand kommt. Der Film schleppt sich weiter. Schließlich lädt er den Maler am Meeresufer ab. Das soll uns rühren. Es lässt uns kalt.

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          Zurück zum Vorspann. Was haben wir da gesehen? Eine Ausstellung mit Gemälden, „painted by a blind man“. Vielleicht hätte ein Blinder Daniel Kehlmanns Roman entziffern können. Wolfgang Becker aber hat zu viel darin gesehen, zu viel Tiefsinn, zu viel Kunst. Gegen beide ist das Kino allergisch. Nicht, weil sie ihm fremd sind. Sondern weil es sie schon hat.

          Ab Donnerstag im Kino.

          Quelle: F.A.Z.

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