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Video-Filmkritik : Der Mann, der auf dem Hudson landete

Bild: Warner Bros.

Der Profi als Held, der Held als Profi: In „Sully“ erzählt Clint Eastwood die Geschichte des Piloten Chesley Sullenberger. Mit feinem Gespür für den Kampf nach der Heldentat und einem herausragenden Tom Hanks.

          In der Stimme liegt ein leises Vibrieren, das auf ziemliche Aufregung deutet, es knackt bedenklich in der Leitung, als könne die Funkverbindung jeden Moment abreißen, das Bild bleibt schwarz, und sobald es hell wird, ist da sofort ein Flugzeug am Himmel, das beängstigend tief über Manhattan fliegt, das an Höhe verliert und schließlich mit einem Wolkenkratzer zu kollidieren droht. Es ist ein Bild, das an das erste große Trauma dieses Jahrhunderts erinnert, und schon damals, in der Folge des 11. September 2001, wurde ja spekuliert, weil die Realität auf einmal einem Katastrophenfilm zu gleichen schien, ob es ein solches Bild im Hollywoodkino überhaupt noch würde geben können - oder, realistischer, wie lange es dauern würde, bis sich eine Variation in einem Blockbuster wiederfinden würde.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Sully“, der neue Film von Clint Eastwood, ist nun kein Katastrophenfilm, sondern ein Dokudrama, das auf der Geschichte des amerikanischen Piloten Chesley Sullenberger beruht, der am 15. Januar 2009 mit einer vollbesetzten Passagiermaschine auf dem Hudson notlandete und damit das Leben von 155 Menschen rettete. Und womit „Sully“, übrigens Eastwoods 35. Arbeit als Regisseur, beginnt, das ist ein Albtraum, der Albtraum Chesley Sullenbergers am Morgen des Tages, an dem er sich vor dem NTSB, dem National Transportation Security Board, verantworten muss. Gerade weil das so nüchtern gezeigt und nicht als Traumsequenz markiert wird, ist es umso wirkungsvoller. Auch später, wenn Sullenbergers Ängste wiederkehren, gehen die Imaginationen nahtlos aus dem Realen hervor.

          „Sully“ ist das Porträt eines Helden, der einfach nur seinen Job macht, und das eines Profis, den die Umstände zum Helden machen. Deshalb hätte man auch keinen besseren Hauptdarsteller finden können als Tom Hanks, der dank weißem Haar und weißem Schnurrbart eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem realen Sullenberger erreicht. Hanks als der All American Guy, als der einzige legitime Erbe der Jimmy Stewarts oder Gregory Pecks in der Rolle des bescheidenen, alltäglichen Helden, kommt in einer so umsichtigen wie schnörkellosen Inszenierung, die kaum einer beherrscht wie der 86-jährige Eastwood, auch mit Sätzen wie diesem davon, ohne dass es peinlich oder platt klänge: „Ich fühle mich nicht wie ein Held. Ich bin bloß ein Mann, der seinen Job gemacht hat.“

          Bei einem solchen Mann werden auch die Albträume glaubhaft, weil ihn eben die Frage nicht loslässt, was passiert wäre, wenn sich der Entschluss zur Notwasserung als falsch erwiesen oder er bei der Durchführung versagt hätte; einen wie ihm, der stolz ist auf seinen Beruf und dem seine langjährige Erfahrung als Militär- und Zivilpilot die Sicherheit und den Mut zu seiner Tat verliehen, einen solchen Mann erschüttert es auch, wenn man ihn dann im Zuge der Untersuchungen kurzzeitig für einen Hasardeur und Draufgänger hält, der ein unnötiges Risiko eingegangen sein soll.

          Viel Plot ist da ja nicht

          Dann scheint auf einmal die Moderatorin der Nachrichtensendung direkt aus dem Fernseher zu ihm zu sprechen und ihm Vorwürfe zu machen; dann muss er raus, aus dem Hotel in Midtown Manhattan, auf die Straße, ein bisschen joggen, weil er keinen Schlaf findet. Dass er nachts, in der Nähe des Times Square, dann auch kurz an einem großen Plakat vorbeiläuft, das für Eastwoods Film „Gran Torino“ wirbt (der im Dezember 2008 ins Kino gekommen war), ist ein eher ungewohnter ironischer Schlenker in einem Eastwood-Film.

          Man kann Eastwood jedoch immer wieder nur bewundern, wie er aus einer Story, deren Verlauf und Ausgang jeder Zuschauer kennt, einen unerwarteten Spannungsbogen entwickelt. Viel Plot ist da ja nicht. Deshalb kommt alles darauf an, wie man mit Raum und Zeit umgeht, wie man die Chronologie aufbricht, zu welchem Zeitpunkt man das Ereignis, die spektakuläre Landung, zeigt, wie Hindernisse und Widerstände konstruiert werden, die sich dem Helden in den Weg stellen.

          Ein Gespür für die nötige Dramatik

          Der Film macht, nach dem Albtraumauftakt, die Anhörungen vor dem NTSB zur dramatischen Konfrontation. In den Vereinigten Staaten hat es eine kleine Kontroverse um diese Darstellung des NTSB gegeben. Experten warfen Eastwood vor, er habe die Befragungen zu inquisitorisch inszeniert und zudem die Kompetenz des Untersuchungsgremiums in Frage gestellt, obwohl die Institution bekannt sei für Sorgfalt, Sachverstand und Fairness.

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