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Film von Luca Guadagnino : Sommermomente im Fluss

Bild: Sony Pictures

Zwischen Heidegger und Swimmingpool: „Call Me By Your Name“ von Luca Guadagnino überzeugt im Kino durch Ästhetik, Schwerelosigkeit und die Temperatur des Sommers.

          Was aussieht wie ein Traum, ist manchmal großes Kino. „Call Me By Your Name“ von Luca Guadagnino hat diese Qualität. Schwerelos, obwohl es auch um so ernste Dinge wie die Jugend und die Liebe geht, fließend in jeder Hinsicht, vorläufig und auch für die Ewigkeit gefühlt und dann doch auf ein Ende zulaufend, das schmerzt, weil es für Elio, eine der Hauptfiguren, das erste Ende überhaupt ist. „Halte es aus“, rät der Vater, „töte den Schmerz und die Trauer nicht, sonst bist du mit dreißig innerlich bankrott.“

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Vater, das wird deutlich in dieser letzten großen Szene eines Films, der an großen Szenen, um die nicht viel Aufhebens gemacht wird, nicht arm ist, hätte als Siebzehnjähriger auch gern gehabt, worum sein Sohn nun trauert. Doch er traute sich nicht. Und dann war die Möglichkeit vorbei. Dass er sich an sie erinnert, das zeigt er nicht nur am Schluss. Michael Stuhlbarg, der diesen Professor Perlman spielt, hat es uns den ganzen Film durch spüren lassen, in einem zärtlich-ironischen Blick, einem Wegschauen, einem besonders geschmeidigen Gang zum Tisch, an dem die anderen bereits warten, dem geneigten Kopf, wenn er zuhörte, wie ein schöner junger Gast brilliert.

          Ein Gast bringt ein umfassendes Begehren mit sich

          Irgendwo in Norditalien verbringt Professor Perlmans Familie den Sommer 1983, wie jeden Sommer mit zahlreichen Gästen, Bach auf der Gitarre oder am Klavier, „so wie Liszt ihn gespielt hätte“ (oder Busoni). Die Kernfamilie sind nur drei, der Vater, die Mutter (Amira Casar) und der siebzehnjährige Sohn Elio (Timothée Chalamet). Ihn sehen wir als Erstes, zärtlich hinter einem Mädchen stehend, neben dem Bett, aus dem sie gerade kommen, um dann einen Blick aus dem Fenster zu werfen, unter dem ein Taxi hält. „Der Besatzer“, sagt Elio. Was in gewisser Weise stimmt. Der Mann, der aus dem Taxi steigt, wird Elios Zimmer beziehen, und sie werden ein Bad teilen. Der Mann, der aus dem Taxi steigt, wird aber auch die Atmosphäre, die Temperatur dieses Sommers verändern. Mit ihm kommt ein umfassendes Begehren an diesen Ort, das alle ergreift, den Professor und seine Frau, die Mädchen im Dorf, die Alten in der Bar, nur die Haushälterin ist immun, wie es scheint, und bleibt kühl. Oliver heißt der Mann aus dem Taxi.

          Er kommt als Graduierter in Residenz, als Gast des Professors, der jedes Jahr einen seiner Studenten über den Sommer einlädt, um zu arbeiten. Um einen Gesprächspartner zu haben und einem jungen Mann die Chance zu geben, inmitten von anderen Sommergästen, die zum Lunch vorbeischauen und auch gern reden, bei einigen Gläsern Rosé zu fachsimpeln, etwas anzugeben und schließlich ermattet im Schatten herumzudösen, bis es Zeit wird, schwimmen zu gehen oder Volleyball zu spielen oder aufs Rad zu steigen, um etwas herumzufahren.

          Eine Aura, in der jeder baden will

          Professor Perlmans Fach ist die klassische Archäologie, was zu einem Ausflug an den Gardasee führt, aus dem gerade eine antike Bronzestatue geborgen wird, und zu ebenso gelehrten wie leichthin geführten Gesprächen etwa über die etymologische Herkunft des Worts „apricot“ und wie es über das Arabische, Griechische und Lateinische offenbar in die englische, italienische oder französische Sprache gewandert ist. Das sind die drei Sprachen, die in der Villa der Perlmans gesprochen werden, wobei Elio auch mitten im Satz zwischen ihnen wechselt, ganz natürlich, als sei sein Wesen in ihnen allen zu Hause. Fließende Übergänge, sie sind Thema wie ästhetisches Konzept dieses Films, in dem sich Oliver einmal in den Pool rollen lässt oder freihändig auf dem Rad fährt, während drumherum ein leichter Wind durchs Gras weht.

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