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Video-Filmkritik : Er wollte doch nur spielen

Bild: Alamode Film

Er kämpft sich in ein Leben vor, das er nie gehabt hat, und opfert es aus Angst vor der Bühne, der er nie gewachsen war: In „Born to be Blue“ spielt Ethan Hawke die Jazz-Legende Chet Baker.

          Mal angenommen, sie hätten diesen Chet-Baker-Film wirklich gedreht, damals in den Sechzigern, als der zuvor in den großen amerikanischen Umfragen beliebteste Jazz-Trompeter abgestürzt und an seiner Drogensucht fast zugrunde gegangen war und in Italien hinter Gittern saß. Angenommen, es hätte nicht nur die Idee gegeben, aus der tatsächlich nie etwas geworden ist, sondern einen Produzenten, der den Star aus dem Gefängnis holt, welcher wiederum sich darauf einlässt, in einem Film mit lauter improvisierten Szenen sich selbst zu spielen. Und eine wunderbare Schauspielerin in der Rolle seiner Ehefrau, die sich beim Dreh in ihn verliebt und ihn schließlich wirklich heiraten will.

          Der Film „Born to be Blue“ des kanadischen Regisseurs Robert Budreau spielt diese Geschichte durch, er erzählt sie mit einigem Herz und einigem Blut: Nach dem ersten Date mit Jane wird Chet von seinem Dealer zusammengeschlagen. Als er im Krankenhaus aufwacht, hat er keine Vorderzähne mehr, ohne die Trompetespielen unmöglich ist. Neben ihm sitzt Jane, die ihren Job verloren hat, weil der Film auf Eis liegt. Sie glaubt an ihn, er glaubt eine Zeitlang an die Ersatzdroge Methadon, nimmt Jane mit auf die Farm seiner Eltern, wo er mit einer Zahnprothese spielen übt und sich von seinem Vater sagen lassen muss, der hätte zwar die Musik aufgegeben, den Namen Baker dafür aber nie in den Dreck gezogen. Später nimmt Jane ihn mit in ihren VW-Bus, in dem sie malerisch auf den Klippen über dem Pazifik wohnen, während sie für ihre Vorsprechen übt und er für eine nächste Platte, falls er seinen alten Produzenten Dick dazu überreden kann, ihn noch einmal ins Studio zu lassen.

          Die Szene, auf die der ganze Film zuläuft

          Ethan Hawke spielt diesen Chet Baker als gleichermaßen traum- wie selbstverlorenen, verantwortungslosen Kindskopf, der sich in einer für den Film im Film improvisierten Szene drogensatt in den Mutterbauch zurückwünscht und in der Wirklichkeit von „Born to be Blue“ glaubt, nur mit Heroin im Blut beim Spielen „wirklich in jede Note schlüpfen“ zu können. Er habe nie jemandem weh getan außer sich selbst, sagt er einmal, doch der Film zeigt einige, denen er weh tut, indem er sich selbst immer wieder an die Drogen verliert, wenn er sich in die Musik verlieren will: seine Geliebte (Carmen Ejogo) zum Beispiel, die allem entgegen, was sie in Vorbereitung ihrer Rolle über ihr Gegenüber im Film gelernt hat, gegen seine und gegen ihre Eltern zu ihm steht. Oder sein Produzent, der ihm doch noch eine Chance gibt, eine Platte aufnimmt, den Bewährungshelfer beschwichtigt, wichtige Leute ins Studio bittet, damit sie den neuen Chet Baker hören können, der sich zurückgekämpft hat.

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          Schließlich schafft es Chet wieder nach New York ins Birdland, in jenen Club, der sich selbst „The Jazz Corner of the World“ nannte, tatsächlich aber eines der Herzen dieser Musik war. In der Garderobe vor dem Auftritt gesteht er seinem Produzenten verzweifelt, seit zwei Tagen kein Methadon mehr zu haben. Der verspricht, das Zeug zu holen, und muss bei seiner Rückkehr sehen, dass sich Chet inzwischen selbst besorgt hat, was Methadon ersetzen soll. Das ist die Szene, auf die der ganze Film zuläuft, das ist die Wahl, vor der dieser ausgedachte, der wirklichen Person aber durchaus nicht unähnliche Chet Baker schließlich steht: Rausch oder Leben; die trügerische, verlockende Sicherheit der Droge oder eine Geborgenheit, die sich im gemeinsamen Leben mit Jane andeutet, die ein Kind von Chet erwartet. Dick lässt ihn allein mit dieser Wahl und geht in den Zuschauerraum, wo Miles Davis gerade entnervt aufbrechen will.

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