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Filmkritik „Birth of a Nation“ : Onkel Tom wohnt hier nicht mehr

Bild: F.A.Z., Twentieth Century Fox

Nat Turner erhob sich einst vergeblich gegen das Joch der Sklaverei in Amerika. Eine grausame Geschichte – aus der Nate Parker ein fragwürdiges Heldenepos gemacht hat.

          Hat Gott den Jungen auserwählt? Markiert mit drei kreisrunden Wölbungen unter dem Brustbein? Sendet Gott ihm später, als der Junge erwachsen ist, Zeichen? Läuft da tatsächlich Blut aus der Außenhaut eines Maiskolbens, aus der Frucht eines Baumwollstrauchs? Und was will Gott dem Jungen und später Erwachsenen, der Nat heißt, mit diesen Zeichen sagen? Gehe hin und töte?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Am 21. August 1831 erhob sich auf den Baumwollplantagen in Virginia ein Sklavenaufstand. Nicht Tausende, wie Nathaniel Turner es sich erhofft hatte, aber immerhin fünfundsiebzig Sklaven und freie Schwarze schlossen sich ihm an, zogen von Siedlung zu Herrenhaus und fielen über die Sklavenhalter her. Ungefähr fünfzig Weiße, ganze Familien einschließlich der Kinder, wurden mit Äxten, Messern, Mistgabeln oder Hacken getötet, bevor gut bewaffnete Milizen in unübersehbarer Überzahl die Rebellen niedermetzelten. Um die beim Aufstand Getöteten zu rächen, wurden mehr als hundert unschuldige Sklaven, darunter Frauen und Kinder, gehängt. Nathaniel Turner, genannt Nat, entkam zunächst. Einige Wochen später wurde er gefasst, auch er vor einer grölenden Menge hingerichtet und sein Leichnam geschändet.

          Erst begrüßt, dann geschmäht

          Das ist eine wahre Geschichte. Eine grausame Geschichte, von welcher Seite aus man auch auf sie schaut. Nat Turner glaubte sich von Gott erwählt. Erwählt, seine Leute aus der Gefangenschaft zu führen, koste es, was es wolle. Er konnte lesen, er kannte die Bibel, er predigte lange Gehorsam. Bis ihm Gott erschien (in Form einer Sonnenfinsternis) und Gewalt forderte, und der blutige Zug begann.

          Nate Parker hat aus diesem Stoff einen Film gemacht. Eine Heldenverehrung, in der er sich auch selbst spiegelt, denn dies ist ganz und gar sein Film: geschrieben, inszeniert, gespielt und produziert von ihm. Bei der Premiere beim Sundance Filmfestival im vergangenen Jahr bejubelt. Von der Fox teuer eingekauft. Als große Oscar-Hoffnung eines schwarzen Filmemachers mit einem heißen Thema gefeiert. Und dann – der Absturz. Eine alte Geschichte kam hoch. Ein Verfahren gegen Parker und einen Freund wegen Vergewaltigung einer Kommilitonin im Jahr 1999, das für Parker mit Freispruch endete. Aber die Kommilitonin nahm sich einige Jahre später das Leben, und Parker hat nicht gerade feinfühlig darauf reagiert. Die Medien stürzten sich auf die Geschichte, Parkers Stern sank. Auf den Sundance-Hype folgte keine Oscar-Nominierung. An der Kinokasse in den Vereinigten Staaten war das Interesse an dem Film mäßig. In Deutschland wurde der Starttermin mehrfach verschoben. Jetzt endlich können wir mit eigenen Augen sehen, was erst so sehr begrüßt und dann so sehr geschmäht wurde: „Birth of a Nation“. Ein Film von und mit Nate Parker.

          Überdrehte Südstaatenidylle

          Es beginnt mit einem nächtlichen Ritual, mit Trommeln im Wald und aschebestrichenen nackten Körpern im Feuerschein. Vor ihnen steht der junge Nat, und auf seiner Brust sehen wir drei Punkte. Seine Mutter glaubt an göttliche Markierung. Sie vergöttert ihren Sohn, der sich bald das Lesen beibringt, mit dem Sohn der Plantagenbesitzer spielt und ins Herrenhaus eingeladen wird, auch, um zu lesen – nicht die Bücher im Regal, die sind nur für Weiße, sondern nur eines: die Bibel. Die allerdings liest Nat genau.

          Bibelkundiger: Nat Turner (Nate Parker) steht zunächst im Dienst der Sklavenbesitzer
          Bibelkundiger: Nat Turner (Nate Parker) steht zunächst im Dienst der Sklavenbesitzer : Bild: AP

          Dieser erste Teil des Films fährt sämtliche Bildklischees des Südstaatendramas auf, die wir spätestens seit „Onkel Toms Hütte“ unmissverständlich wiedererkennen. Die Trauerweide vor dem Herrenhaus. Die weiten Baumwollfelder mit den fluffigen weißen Knospen. Den Schaukelstuhl auf der Loggia vor dem Eingang zum Haus im Kolonialstil, der noch ein wenig nachwippt, während der Plantagenbesitzer sich entfernt. Die spielenden Kinder, die nach verschiedenen Seiten davon laufen, das schwarze hierhin, das weiße dorthin. Die traurige Dame des Hauses. Und dazu die entsprechende Musik. Großes Orchester oder Geigensäuseln, so überdreht zum Teil, das sie den Gedanken ertränken, es handele sich möglicherweise um einen sarkastischen Blick auf jene Art der Südstaatenidylle, die unsere Vorstellung vom Plantagenleben geprägt hat.

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