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„Axolotl Overkill“ im Kino : Total lurchgedreht

Glanz und Elend des WG-Lebens: Jasna Fritzi Bauer als Mifti mit Tiermetapher Bild: Constantin Film Verleih

Zugedröhnt durch die Nacht: Helene Hegemann hat ihren Roman „Axolotl Roadkill“ verfilmt. Er heißt jetzt „Axolotl Overkill“ und ergeht sich in dekorativer Kaputtheit.

          Ging das vor sieben Jahren wirklich, dass man einfach ein ganzes Buch lang einen renitenten Teenager durch Berlin fallen lässt und anhand einer Checkliste alle Klischees abarbeitet, die diese Stadt in ihren Feuilletons auswalzt? Also alles vom Herumkoksen mit Filmstars in schwarzen Limousinen über lebensmittelsnobistische Endfünfziger in Rohbetonwohnungen mit Loft-Charakter bis hin zum exzessiven Gehopse in berghainähnlichen Clublokalitäten, ohne dass irgendetwas Nennenswertes passiert, abgesehen davon, dass die Hauptfigur irgendwann einen Lurch kauft? Anscheinend ging das, denn Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ sorgte im Jahr 2010 für großes Aufsehen, bevor er wegen einiger bei anderen Autoren ausgeborgter Passagen für noch größeres Aufsehen sorgte.

          Nun hat Hegemann ihren Roman unter dem Titel „Axolotl Overkill“ gleich selbst verfilmt und als Darstellerin der ziellos widerspenstigen Mifti, die eigentlich Mafalda heißt, Jasna Fritzi Bauer verpflichten können. Mifti tut genau das, was sie auch im Buch tut, sie ist dekorativ kaputt, umgibt sich mit dekorativ kaputten Leuten in dekorativ verwahrlosten Altbauwohnungen, kichert herum oder guckt genervt. Sie fühlt sich sehr erwachsen und lässt sich durch Erwachsenenwelten treiben, durch Restaurants mit ostentativ ausgestellten Dry-Aged-Fleischbrocken in Glasvitrinen und durch Boxspringbetten teurer Hotelzimmer. Die ganzen fiesen Auswüchse dessen, was Menschen als Luxus der großen weiten Welt missverstehen, aber das passt, denn Mifti missversteht das Erwachsenwerden mindestens ebenso gründlich. Wahrscheinlich ist sie in Alice (Arly Jover) verliebt, und wahrscheinlich ist die Schaupielerin Ophelia (Mavie Hörbiger) ihre beste Freundin, genau kann man das nicht sagen, dazu sind alle zu gestört. Das liegt an den Medikamenten oder daran, dass sie diese Medikamente gerade nicht nehmen, oder an den Drogen oder daran, dass sie gerade ekelhaft nüchtern sind. Irgendwas ist ja immer.

          Immerhin ein Pinguin

          Am besten erwartet man keinen roten Faden, keine Handlung, keine Entwicklung. Dann flimmern diese gut ausgewählten, gut fotografierten und detailreich hindrapierten Settings mit geschmackvoller Musik an einem vorbei. Man kann der verpassten Gelegenheit hinterhertrauern, aus der dauerüberforderten großen Schwester Annika (Laura Tonke) und dem stahlrohrmöblierten Vater (Bernhard Schütz) interessante Figuren zu machen, die mehr tun, als der Protagonistin auf die Nerven zu gehen. Und immerhin hat die österreichische Ausnahmemusikerin Soap&Skin (alias Anja Plaschg) einen Auftritt, und es kommt kurz ein putziger Pinguin vor, das ist ja schon mal was.

          Es wird gefeiert, es werden Drogen geschmissen, und irgendwann hat jemand eine Knarre: Von „Axolotl Overkill“ sollte man besser nicht allzu viel Stringenz erwarten.
          Es wird gefeiert, es werden Drogen geschmissen, und irgendwann hat jemand eine Knarre: Von „Axolotl Overkill“ sollte man besser nicht allzu viel Stringenz erwarten. : Bild: Constantin

          Die gesamten 93 Minuten hält einen das aber nicht bei der Stange. Es bleibt also entsetzlich viel Zeit übrig, darüber nachzudenken, was einem da gerade gezeigt wird und warum. Denn irgendwann hat man ja verstanden, dass Erwachsene langweilig und generell eher auf dem Holzweg mit allem sind, dass die Blagen deshalb munter beim KZ-Schulausflug herumprovozieren, denn was bleibt dem wohlhabenden Nachwuchs übrig? Mit schlechtem Essen und geschmackloser Kleidung provoziert ja schon die Unterschicht, da muss man sich als Bürgerkind Nischen suchen.

          Wirklich das beste Tier

          Irgendwann ist man auch mit der nicht sonderlich komplexen Aufschlüsselung der Metapherntiere durch, die in der jüngeren Gegenwartsliteratur immer gerne als Gradmesser für die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung eingesetzt werden. Ein kurzer biologischer Exkurs mit ein paar Fun Facts aus der Wikipedia kommt meistens dazu, daran kann man mit ein bisschen Gewalt ganze Generationenbilder festtackern. Der Axolotl ist also ein Lurch, der ewig im Larvenstadium verharrt, „wirklich das beste Tier“, sagt Oliver Polak, der den Tierhändler spielt, sich aber keine große Mühe gibt, jemand anderes als Oliver Polak zu spielen. Ist auch egal, wie viele Hauptstadtpromis durchs Bild laufen, solange man die Metapher mit dem Axolotl mitbekommt.

          Dann wieder Schnitt, nächtliche Taxifahrt bei Musik, Schnitt, Mifti hat keine Lust auf irgendwas, Schnitt, die Hörbiger brabbelt was auf Heroin, Schnitt, der Hund hat die Ahle Worscht gefressen, die zu allem Überfluss auch noch „Ahle Wurst“ ausgesprochen wird, diesem Film ist wirklich nichts heilig, Schnitt, irgendeine Party, Schnitt, irgendjemand kotzt, Schnitt, irgendwem hängt die Brust aus dem Ausschnitt und irgendwer hat eine Knarre, Schnitt, geiles Landhaus in Brandenburg, Schnitt, egal, Schnitt, noch egaler. So geht das immer weiter, man könnte es sich auch rückwärts anschauen. Man könnte es sich auch gar nicht anschauen, denn Soap&Skin und putzige Pinguine gibt es zum Glück auf Youtube.

          Quelle: F.A.Z.

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