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„Avengers: Infinity War“ : Mit Feuerwerk und Weltuntergang

Bild: The Walt Disney Company

Gepflegt geisteskranke Pop-Apokalyptik: Mit „Avengers: Infinity War“ kommt der Anfang vom Ende der erfolgreichsten aller Superheldenreihen ins Kino. Und jetzt wird’s richtig finster.

          Abgesehen vom Weltuntergang, der diesmal ein paar Schiffslängen tiefer in den Ozean der Verzweiflung runtergeht als im familienfreundlichen Blockbusterkino sonst, ist dieser unbegreiflich teure (aber gemessen an der Freude, die er denen machen dürfte, die so etwas mögen, nicht überbezahlte) Film vor allem ein besonders niedliches Nebenfigurenfest: Karen Gillan alias Nebula blüht blauer als der Enzian, Sebastian Stan als Bucky Barnes schultert sein Präzisionsgewehr, als wäre er das militanteste Hänschenklein aller Zeiten und die Knarre der Stock, an den er seinen Hut hängen darf, und Benicio del Toro als Collector grinst sich unter Schmerzen das Gesicht in zwei Teile.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Solche feinen Auftritte sind die Petersilie zum Hauptgericht in „Avengers: Infinity War“, dem Film, der mehr Superheldinnen und Superhelden zwischen Trailer und Abspann packt, als in Normalmenschenlebensgröße aufs T-Shirt der Freiheitsstatue passen würden, wenn sie eines trüge. Alle, die von Göttern abstammen, als Kinder ins All entführt oder von einer radioaktiven Spinne gebissen wurden, alle, die Nanotechnologie oder ethisch verantwortliche Hexerei praktizieren, müssen sich zusammentun, um das allerschlimmste Böse aufzuhalten, das je durch ein Comicheft oder quer über die Leinwand gebrummt ist: Thanos, einen lila Computerklumpen mit ekligen Kerben am Kinn, dem ein geniales Casting die verwegene Fresse von Josh Brolin ins giftige Antlitz gestempelt hat, auf dass er die Dämonie dieses genozidalen Ungeheuers mit verächtlichem Lächeln, entschlossenem Zähneknirschen und bitteren Tränen zum Ausdruck bringe, was ihm so bullig und schäumend schlau gelingt, als hätte er sich seit spätestens dem Zweiten Weltkrieg darauf vorbereitet.

          Der kristallklare und sehnsuchtsumwölkte Blick von Elizabeth Olsen

          Nicht Trump, Leute, nicht Kim, nicht Putin, Assad, Björn Höcke oder sonst irgendeiner, vor dem irgendwer Angst hat: Wir reden hier von Thanos, der sich gegen seine selbstverschuldeten Albträume, wie man im Comic „Thanos Rising“ (2013) von Jason Aaron und Simone Bianchi nachlesen kann, schließlich mit dem einfachen Trick durchgesetzt hat, dass er das Schlafen bleibenlässt, weil ihm sonst sein Mord an der eigenen Mutter zu medizinischen Experimentalzwecken und dergleichen wieder einfällt.

          Die Lieblingsfigur der Verliebten ist traurig: Wanda (Elizabeth Olsen) weint.

          Erfunden hat diesen Horror 1973 Jim Starlin für die Heftserie „Iron Man“. Starlins Gigantomanie ist legendär, in seinen Geschichten treiben Verkörperungen so unbescheidener Ideen wie „Unendlichkeit“ und „Weltgericht“ ihr Unwesen, er bevorzugt intergalaktische vor zwischenmenschlichen Konflikten, und dabei geht es dann typischerweise zu wie in einem seiner jüngsten Werke, der 2014 veröffentlichten Graphic Novel „Thanos: Infinity Revelation“, in der Thanos ein paar sprechenden Eidechsen ein religiöses Artefakt klaut, mit dem er Tore zwischen höheren Dimensionen aufstemmt, dazu düster philosophiert („Wahrnehmungen sind wandelbar und daher eine ungenaue Methode der Realitätseinschätzung“), heroische Kontrahentinnen und Widersacher mit ihren eigenen Waffen verprügelt und sich selbst sein Leben erzählt („Ich habe damals überreagiert und das gesamte Universum zerstört“ – doch, das ist tatsächlich passiert, die Folgen waren allerdings nicht von Dauer, kaum etwas Zertrümmertes oder Totes bleibt bei Marvel ewig kaputt oder leblos).

          Die gepflegt geisteskranke Pop-Apokalyptik Jim Starlins ins Kino zu bringen ist gefährlich: Leicht kann Knall und Rauch draus werden, also ein Mist, wie er bei den meisten ins Kosmische ausgreifenden Filmen nach Comics der Marvel-Konkurrenz DC, von „Green Lantern“ (2011) über „Man of Steel“ (2013) bis „Justice League“ (2017), immer wieder passiert ist. Die ebenso routinierten wie einfallsreichen Regiebrüder Joe und Anthony Russo aber verlassen sich bei ihrem Vorhaben, mit „Avengers: Infinity War“ den megalomanischen Marvel-Starlinismus leinwandfähig zu machen, auf die größte Tugend des Studios, für das sie dies tun: Während man bei DC mit großer Geste das Publikum anweist, vor den gezeigten Übermenschen in die Knie zu gehen, machen die Russos dem Publikum die Knie mit Liebe weich, mit Familiendramen, Zärtlichkeit und Entsagung, und mit davon weichgemachten Knien geht man gern zu Boden und staunt – weniger über zusammenstürzende Monde als darüber, wie Scarlett Johansson zu Mark Ruffalo leise zweifelnd „Bruce“ sagt, oder über den gleichzeitig kristallklaren und sehnsuchtsumwölkten Blick von Elizabeth Olsen als Wanda Maximoff, wenn sie sich nicht vom Liebsten losreißen kann, den sie opfern soll. Sind Sie schon mal mit jemand Großartigem Arm in Arm nachts nach dem Dinner leicht glücksbesoffen durch eine dunkle Großstadtstraße gestolpert? Denken Sie sich ein plötzliches Feuerwerk hoch oben dazu. Und dann den Weltuntergang. So ist „Avengers: Infinity War“.

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