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Video-Filmkritik : Alle diese Momente, im Licht und im Regen

Bild: Universum

James Dean ist nicht nur als Filmstar unvergesslich - auch die Fotos, die Dennis Stock von ihm machte, sind für die Ewigkeit. Anton Corbijns Film „Life“ zeigt, warum.

          Wenn man über die großen Momente des eigenen Lebens nachdenkt, scheinen sie sich in der Erinnerung zu dehnen wie ein Film in Zeitlupe. Erst bei näherem Hinsehen wird klar, wie kurz sie eigentlich waren. Etwas geschah, das alles umstürzte, was vorher gewesen war, und noch ehe man richtig Atem holen konnte, war es vorbei. Das Gleiche gilt für die sogenannten weltgeschichtlichen Ereignisse: Ihre Ausdehnung in Raum und Zeit steht in keinem Verhältnis zu ihrer Wirkung. Der Zapruder-Film, der die Ermordung John F. Kennedys in Dallas zeigt, dauert siebenundzwanzig Sekunden. Der 11. September 2001, die Urkatastrophe unseres Jahrhunderts, ereignete sich zwischen 8 und 11 Uhr New Yorker Zeit. Die Schlacht von Waterloo war im Wesentlichen nach fünf Stunden entschieden.

          Momente der Zeitgeschichte

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber so soll es nicht sein. Unser Kollektivgedächtnis will die Vergangenheit neu sortieren, um die wichtigen von den unwichtigen Augenblicken zu trennen, und das Kino, das Zeitmedium schlechthin, ist dafür das geeignete Instrument. Über Kennedys Tod in Dallas hat Oliver Stone einen Dreistundenfilm gedreht, in dem das Zapruder-Video wieder und wieder abgespielt wird, bis man es nicht mehr sehen kann. Der 11. September war Gegenstand zahlloser Dokumentar- und Spielfilme, von denen die schlechteren sich darin überboten, den Einsturz der Zwillingstürme in Endlosschleifen zu wiederholen. Und mit dem Bildervorrat, der inzwischen über Waterloo angelegt wurde, könnte man Wochen zubringen, ohne dabei zu begreifen, was an jenem Junitag vor zweihundert Jahren wirklich passiert ist. Für die Schlüsselszenen der Geschichte scheint zu gelten, was Alexander Kluge einmal über das Wort „Deutschland“ gesagt hat: Je näher man sie anschaut, desto ferner schauen sie zurück. Also schaut man sie besser gar nicht an. Oder nur aus dem Augenwinkel, im Vorbeigehen, wie ein Gespenst.

          In Anton Corbijns Film „Life“ sieht man nach ungefähr einer Stunde, auf halber Strecke des Geschehens, wie der Fotograf Dennis Stock auf dem Times Square die Porträtaufnahme des Schauspielers James Dean schießt, die die Begegnung der beiden unsterblich gemacht hat. Millionenfach wurde dieses Foto seither gedruckt, kopiert, auf Posterformat vergrößert, an Wände gehängt und auf Bildschirme gepixelt. Es ist der große Moment des Films, der Punkt, auf den alle Fäden der Geschichte zulaufen: Stock (Robert Pattinson) hält die Kamera vors Gesicht, Dean (Dane DeHaan), eine Zigarette im Mundwinkel, kommt durch den Regen auf ihn zu, dann klickt der Auslöser. Eine Schlüsselszene. Sie dauert fünf Sekunden.

          Charme der erzählerischen Ökonomie

          Und in diesen fünf Sekunden, in dem Understatement, das darin erscheint, und der erzählerischen Ökonomie, die dahintersteckt, liegt der Charme von „Life“. Man kann sich aufregendere Filmbiographien vorstellen, solche mit mehr Sex und Crime oder Kriegen und Krönungen, aber keine, die ein feineres Gespür hätte für die verfließende Zeit eines Lebens. Das hat natürlich auch mit unserem Wissen darüber zu tun, dass das Leben von James Dean nur wenige Monate nach jenem Morgen im März, an dem er mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die Regenpfützen am Times Square patschte, für immer erlosch.

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