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Video-Filmkritik : Schöne neue Selbstliebe

Bild: Concorde Filmverleih

Man muss den Mut zur Plumpheit dieser Schauspielerin bewundern: In der Kinokomödie „I Feel Pretty“ spielt Amy Schumer eine Frau mit Komplexen – bis sie stürzt, und dann wird alles anders.

          Liebe dich selbst, dann lieben dich andere auch – dass es diese Bedingung so nicht gibt, kann man zwar am hingerissenen Publikum noch der allerkaputtesten Rockstars beobachten. Aber der Satz bringt immerhin so wichtige Filme hervor wie die Dokumentation „Embrace“, die Frauen dazu anleitete, ihre eigenen Körper zu akzeptieren. Aus derselben Wolle ist die Komödie „I Feel Pretty“ gestrickt, und hier ist es vollkommen egal, dass die Prämisse ein Irrtum ist: Wir kennen es von Komödien ja nicht anders, als dass sie uns anlügen. In der Realität bekommt der Langweiler nie die heiße Braut, und die Chaotin macht nie Karriere beim Geheimdienst. Dafür ist die Realität eben auch oft nicht besonders lustig.

          Weil die Zuschauer der Testvorführungen begeistert reagierten, zog das Studio den Kinostart von „I Feel Pretty“ um mehrere Monate vor. So ganz nachvollziehbar ist der Jubel allerdings nicht, obwohl die Hauptfigur perfekt besetzt ist: Amy Schumer gibt Renee, eine junge Frau mit durchschnittlichem Gesicht, durchschnittlicher Figur und einem hervorragenden Modegeschmack. Renee ist davon überzeugt, hässlich und wertlos zu sein, und reagiert entsprechend ungelenk auf jeden sozialen Kontakt und jede Herausforderung. Das könnte fade und unerträglich sein, wenn Amy Schumer nicht genau diese Rolle als Komikerin längst perfektioniert hätte. Sie wirft sich derart leidenschaftlich in jede noch so alberne Situation, dass das Grauen der Peinlichkeit in den Hintergrund tritt. Wenn man bei Schauspielerinnen den gelegentlichen Mut zur Hässlichkeit bewundert, muss man ihren Mut zur Plumpheit anerkennen. Als Renee zum ersten Mal zum Spinning geht, wo sie schon am Empfangstresen unter lauter Sportskanonen vollkommen fehl am Platz ist und sich ihrer großen Füße schämt, bietet sie unendliches Identifikationspotential: Dieses Gefühl ist den meisten Frauen wohlvertraut. Jeder hat sich schon mal irgendwo zu dick, zu laut, zu fremd gefühlt.

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          Renee fühlt all das permanent. Aber sie will diesmal nicht verlegen abhauen, sondern das Sportprogramm durchziehen – bis sie beim Spinning vom Rad fällt und sich den Kopf stößt. Danach sieht sie sich plötzlich als gertenschlank und wunderschön, obwohl sie genauso aussieht wie vorher. Mit dieser plötzlich erwachten Selbstliebe reißt sie nonchalant einen Mann in der Reinigung auf, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht, und bewirbt sich auf einen Job in einer schicken Kosmetikfirma, wo beim Einstellungsgespräch zwei Damen auf der anderen Seite des Tisches höchst irritiert schauen: Naomi Campbell, die faszinierenderweise seit nunmehr zwanzig Jahren nicht gealtert ist, und die grandiose Michelle Williams, die ihre Rolle offenbar als Gwyneth-Paltrow-Parodie angelegt hat: Steif und sanft quietscht sie Lifestyle-Sprüche vor sich hin. Als Renees Chefin Avery LeClaire gehört sie zum Besten, was dieser Film zu bieten hat. Vor diesen beiden Granaten sitzt also Renee und erzählt selbstbewusst, dass Modeln natürlich eine Option für sie sei, aber dass ihre wahre Berufung hinter dem Empfangstresen liege. Die Chefinnen möchten dort eigentlich eine klassische Schönheit an der BMI-Untergrenze sehen – aber diesem Selbstbewusstsein können sie dann doch nicht widerstehen.

          In der folgenden Stunde wagt Renee sich einfach an alles, und das meiste gelingt ihr sogar. Der zweite große Glaubenssatz des Kinos, „Du musst nur an dich glauben, dann kannst du alles schaffen“, wurde selten so lustig inszeniert. Ein paar kluge Momente hat der Film auch: In einer Szene sitzt Renee mit zwei dünnen Schönheiten beim Lunch und sagt: „Es ist großartig, ich kann essen, was ich will, und immer noch so aussehen!“ Die anderen lachen freundlich, eine realistische Reaktion – und sie wirft doch die Frage auf, warum man über diesen Satz bei Frauen ab Größe 40 denn lacht, wo es doch wirklich bei jeder Größe eine schöne Sache ist, regelmäßig mit dem Gesicht voran in einen Schokoladenkuchen zu fallen und danach immer noch einen Schrank voller passender Kleidung zu haben.

          Von diesen Momenten brauchte der Film mehr. Das Autorenduo Abby Kohn und Marc Silverstein („Er steht einfach nicht auf Dich“) hat hier zum ersten Mal selbst Regie geführt und geht auf Nummer sicher mit einer Menge Slapstick-Szenen, über die im Kino natürlich gelacht werden wird. Viel mehr will „I Feel Pretty“ nicht. Das ist schade, denn das Thema wirkt noch lange nicht auserzählt. Am Ende geschieht natürlich, was geschehen muss: Renee bekommt einen Höhenfluganfall. Da ist der Film dann doch wieder etwas brav: Vorsicht mit zu viel Selbstliebe! Aber so weit muss man ja erst mal kommen.

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