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Video-Filmkritik Zu viel Disney, zu wenig Pixar: „Ratatouille“

03.10.2007 ·  Im Animationsfilm „Ratatouille“ haben sich drei gefunden: die heimatlose Gourmetratte Rémy, das Feinschmeckerparadies Paris und die Haute Cuisine. Leider setzt Regisseur Brad Bird zu sehr auf die gute alte Disney-Tradition der Niedlichkeit.

Von Andreas Platthaus
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Bevor „Ratatouille“ sein Küchenfeuerwerk entfesselt, entführt der Kurzfilm „Lifted“ das Publikum erst einmal auf ein anderes Nervenschlachtfeld: in die Fahrschule. Die Trickfilmer von Pixar haben es sich zur Angewohnheit gemacht, all ihren Langfilmen ein Kleinod vorauszuschicken; dieses war im Frühjahr sogar für den Oscar nominiert. „Lifted“ zeigt die verzweifelten Versuche eines spindeldürren Außerirdischen, mit der Instrumententafel seiner Fliegenden Untertasse zurechtzukommen - und die stoische Ruhe seines dickleibigen Prüfers. Leidtragender der interstellaren Ausbildung ist ein friedlicher Erdenmensch, dessen heimatliches Idyll von jedem Cineasten bereits bei Ansicht der Eingangssequenz als der Zerstörung preisgegeben identifiziert wird: Wir kennen solche bedrohlichen Kamerafahrten auf einsame Farmhäuser im Mittleren Westen aus Filmen wie „Kaltblütig“ oder „Der Soldat James Ryan“. Es ist dort einfach zu friedlich, um ungestört zu bleiben.

Man könnte nun diese Rezension problemlos mit einer Analyse von „Lifted“ beschließen, könnte auf den niedlichen Drehstuhl verweisen, auf dem der fette Prüfer sitzt, oder auf die Anleihen, die der Regiedebütant Gary Rydstrom (dessen Vergangenheit als Sound-Designer dem Filmchen positiv anzumerken ist) zur Gestaltung seiner Aliens bei dem außerirdischen Komikerduo aus der Disney-Produktion „Lilo & Stitch“ genommen hat. Aber das hieße, das Hors d'œuvre zur Hauptspeise zu machen, und so etwas kann sich keine Gastrosophie von Rang leisten. Also schnell zur Ratatouille!

Das todgeweihte Fünf-Sterne-Restaurant

So still und beschaulich es zu Beginn in „Lifted“ ist, so atemlos startet „Ratatouille“. Als Anpfiff dient die Marseillaise, und wenn man denn jemals eine amerikanische Ehrenrettung des Alten Europa (in dessen spezifisch französischer Spielart, die Bush, Rumsfeld und Konsorten besonders vergrätzt hat) erwarten durfte, dann hat sie nun einen Namen: Auguste Gusteau. Das ist ein Koch, wie Gott ihn schuf: kugelrund und kreativ. Kein Wunder, dass der Herr ihn zu sich ruft. Der Film ist noch keine Minute alt, da ist Gusteau schon tot.

Und mit ihm droht auch sein Pariser Fünf-Sterne-Restaurant zu sterben, ein Weihetempel der Gourmandise, der zuvor nur einen einzigen Feind hatte: den Gastronomiekritiker Anton Ego. Das ist ein ausgezehrter, graugesichtiger Misanthrop, dessen Erscheinen den Maîtres den Angstschweiß auf die Stirn treibt, weil er nicht das Kochen als Kunst begreift, sondern nur sein eigenes Schreiben. Aber mit dem Tod des alten Küchenchefs und dem Antritt seines früheren Assistenten Skinner als Nachfolger braucht es Egos Verdammungsurteil gar nicht mehr - das „Gusteau“ geht auch so vor die Hunde.

Zwischen „Aristocats“, „Fantasia“ und „Cars“

Bis das Restaurant auf die Ratte kommt - und das kommt so: In der französischen Provinz lebt Rémy, ein kleiner Nager mit verfeinertem Geschmackssinn. In seiner weitaus weniger wählerischen Sippe ist er deshalb ein Außenseiter. Durch ein von ihm verschuldetes Unglück verliert die Rattenschar ihr bisheriges Heim, und auf der Flucht verschlägt es unseren Helden in die Hauptstadt. Als hinter den Dächern die funkelnde Kulisse der cité des lumières aufscheint und es die Ratte schließlich in die Küche des „Gusteau“ verschlägt, haben sich drei gefunden: Rémy, Paris und die Haute Cuisine.

„Ratatouille“ ist der dritte abendfüllende Trickfilm von Regisseur Brad Bird nach dem charmanten „Iron Giant“ und den umwerfenden „Unglaublichen“, die er vor drei Jahren für Pixar schuf. Wieder hat er am Drehbuch mitgeschrieben und in die Handlung seine ganze Liebe zum Animationsmetier gepackt. Natürlich ist die Inszenierung der Stadt eine einzige Hommage an Disneys „Aristocats“. Wenn aber Rémy die Pariser Dächer erklimmt, stimmt die Musik Klänge an, die Melodien aus „Mary Poppins“ zitieren, und die synästhetischen Visionen, die die Ratten beim Verspeisen von Delikatessen haben, sind in ihrer surrealistisch-abstrakten Pracht direkte Erben von „Fantasia“. In den perfekt illusionistisch gezeichneten Pariser Gassen steht plötzlich ein Citroën DS, dem ein Gesicht verpasst wurde, als sei er geradewegs aus „Cars“ entfahren. Und dass sich die Schnelligkeit der Pixar-Filme den Warner-Cartoons verdankt, muss gar nicht erst erwähnt werden.

Wohl der erste Film mit „Shading Art Director“

Dieser Einfluss sorgt dafür, dass in der Küche des „Gusteau“ bald der Ausnahmezustand herrscht. Alles rennt, rettet, flüchtet munter durcheinander: Es rennt die Küchenbrigade, die aus Angst vor dem Gesundheitsamt Rémy verfolgt, denn eine Ratte am Herd macht sich nicht gut. Es rettet Rémy, und zwar den Ruf des „Gusteau“, indem er heimlich die sensationellsten Speisen komponiert, die dem Lokal alsbald zu neuem Ruhm verhelfen. Und es flüchten alle: Rémy vor den Köchen, Skinner sich ins Geschäft mit Konservenkost und der junge Nachwuchskoch Alfredo Linguini vor den Schikanen der Kollegen - bis Rémy sich seiner annimmt und ihm mit neuen Rezepten zum Durchbruch verhilft.

Selbstverständlich ist der Film perfekt animiert - so perfekt, dass es schon auffällt, wenn ein paar Wassertropfen zu langsam herabfallen. Noch die kleinste Spiegelung in den Messingknäufen der Tische ist akribisch nachempfunden, es gibt eine hinreißend gezeichnete Unterwasserszene in einem Kochtopf, und das Minenspiel von Rémy, wenn er in Düften schwelgt, ist schlichtweg eine Sensation. Auch dürfte dies der erste Film sein, der über einen eigenen „Shading Art Director“ verfügt, der die überaus opulente Farbabstimmung kontrolliert hat.

Bei aller Liebenswürdigkeit: zu niedlich

Bei der Gestaltung der Figuren hat Bird mit Ausnahme der Ratten den karikaturesken Stil der „Unglaublichen“ bewahrt. Der gnomenhafte Skinner hat suppentellergroße Augen, die Köche verkörpern jeweils ein Klischee (der bärbeißige blonde Sous-Chef Horst wird in der deutschen Version von Tim Mälzer gesprochen), und Anton Ego, dem auf Englisch Peter O'Toole seine Stimme leiht, ist eine Schöpfung, an der sich der Zeichner Charles Addams erfreut hätte: ein Fanatiker, der in einem sargförmigen Arbeitszimmer seinen tölpelhaften Diener herumkommandiert, den Regisseur Brad im Original persönlich spricht.

Dennoch ist „Ratatouille“ bei aller Liebenswürdigkeit der erste Pixar-Film seit „Findet Nemo“, wo die Niedlichkeit zu viel Raum einnehmen darf. Ja, man möchte dahinschmelzen beim Anblick der Ratten, aber über deren virtuose Lebendigkeit kommt das Sozialgefüge zu kurz. Der Gruppenverbund erfüllt die Erwartungen, nicht mehr. Das aber ist zu wenig für einen Pixar-Film. Und im Mittelteil, wo wir einer Liebesgeschichte zwischen Alfredo und der Köchin Colette Tatou zusehen dürfen (einer resoluten Garçonne, die den mittlerweile im Trickfilm obligatorischen starken Frauenpart spielt), sinken Spannung und Tempo deutlich ab. Bewährtes erfreut, aber hier hat Bird denn doch zu sehr auf die gute alte Disney-Tradition gesetzt. Sicher, Pixar gehört mittlerweile zum Konzern. Aber Disney dürfte die Talentschmiede nicht deshalb gekauft haben, um das zu bekommen, was man ohnehin schon in Vollendung beherrscht.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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