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Video-Filmkritik Wenig Lust, viel Vorsicht: „Gefahr und Begierde“

18.10.2007 ·  China im Zweiten Weltkrieg: Eine Studentin soll den Geheimdienstchef verführen und so die Gelegenheit für ein Attentat schaffen. Ang Lees mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter Film heißt „Gefahr und Begierde“. Ein wenig mehr von beidem hätte nichts geschadet.

Von Peter Körte
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Kaum ein Regisseur scheint so schwer zu fassen. Wenn man die Genres anschaut, in denen er gearbeitet hat, könnte man glauben, dass hier einer seine Arbeit erledigt wie im alten Studiosystem: Er macht, was man ihm anvertraut. Ang Lee, der Mann aus Taiwan, hat den „Hulk“ gedreht und mit dem schwulen Melodram „Brokeback Mountain“ im vergangenen Jahr den Oscar für die beste Regie gewonnen; vor der Kampfsportchoreographie „Tiger & Dragon“ hat er in „Sense and Sensibility“ Jane Austen adaptiert; und nach der chinesischen Familiengeschichte „Eat, Drink, Man, Woman“ hat er im „Eissturm“ eine amerikanische erzählt.

Doch der 52-Jährige ist nicht das Chamäleon, für das ihn manche halten, er hat sein Leitmotiv, und er hinterlässt es diskret wie ein Wasserzeichen: Es geht darum, dass einer herausfindet, wer er ist, ob nun im 19. Jahrhundert, in China oder in der Welt der Science-Fiction.

Weniger verliebt als verloren

Auch „Lust, Caution“, mit dem Ang Lee in Venedig den Goldenen Löwen gewann und der dank rätselhafter Übertragungstechnik nun „Gefahr und Begierde“ heißt, beschreibt einen solchen Weg. Es ist ein Schauspielerfilm insofern, als das Leben der jungen Studentin und Theaterschauspielerin Wang Jiazhi (Tang Wei) zu ihrer wichtigsten Rolle wird.

Als angebliche Gattin eines ständig abwesenden Ehemannes soll sie den Geheimdienstchef Mr Yi (Tony Leung) verführen, der mit den japanischen Besatzern kollaboriert, und damit die Gelegenheit für ein Attentat schaffen. Was zunächst 1938 in Hongkong scheitert, geht vier Jahre später in Schanghai weiter, und je länger die Aufführung dauert, desto mehr verschwimmen Leben und Rolle. Die junge Frau ist weniger verliebt, als dass sie sich verliert, und so gelangt sie an einen Ort, der weder Rolle ist noch reales Leben. „Method acting“, das rückhaltlose Einfühlen in eine Rolle, ist eine heikle Sache, wenn man nicht auf der Bühne steht, sondern im Leben spielt.

Eine faszinierende Idee, einfach verschenkt

Das ist die faszinierende Idee des Films, die Ang Lee einfach verschenkt. So wie er sich auch für das Schillern, das von der Figur des Kollaborateurs ausgeht, viel zu wenig interessiert. Stattdessen lässt er Mr Yis sexuelle Vorlieben ein bisschen zu aufdringlich mit seinen sadistischen beruflichen Praktiken korrespondieren, von denen man in zweieinhalb Stunden wenig hört und gar nichts sieht. Ang Lee deutet alles nur an - und verliert es dann wieder aus dem Blick. Auch dass eine patriotische Theatergruppe von Studenten sich in eine Terrorzelle verwandelt, wird eher behauptet als gezeigt. Nur Momente lang ist etwas von diesem Prozess zu ahnen.

Wenn sie den Mann umbringen, der ihnen Zutritt zum Geheimdienstchef verschafft hat, schlagen und stechen sie mit verzweifeltem Dilettantismus minutenlang auf ihn ein, bis er endlich tot ist, und da sieht man, dass Töten eine blutige, schreckliche Arbeit ist, wohingegen sonst im Kino Menschen sterben, wie im Kinderzimmer die Playmobilfiguren umfallen. Umso lächerlicher ist die Prüderie der amerikanischen Aufsichtsbehörde, den Film erst ab 18 Jahren freizugeben, weil es zwei, drei Szenen gibt, in denen Tony Leung und Tang Wei nackt im Bett zu sehen und Lust und Schmerz längst nicht mehr trennscharf sind.

Dabei ist alles da, was einen großen Film ausmacht

Was aus dem Film hätte werden können, verblasst mehr und mehr in den dunklen, gedeckten Farben und den gediegenen Interieurs. Natürlich ist es leicht, Ang Lee vorzuhalten, dass er aus einer fünfzigseitigen Kurzgeschichte von Eileen Chang einen 156 Minuten langen Film gemacht hat, in dem wenig Lust und viel Vorsicht zu spüren sind; die Begierde ist wattiert, die Gefahr, in der sie schwebt, nie spürbar. Doch das Problem liegt anderswo: Das Tempo ist zu behäbig, die Inszenierung so gravitätisch, dass man sich häufiger wünscht, ein Wong Kar-wei hätte die Sache in die Hand genommen, um ein wenig Dynamik in die Szenen zu bringen oder die Kamera mit den Protagonisten tanzen zu lassen.

Alles ist da, was einen großen Film ausmachte: der Stoff, die Schauspieler, der Kameramann, nur der Regisseur scheint bemüht, zu dämpfen und herunterzudimmen, wo es geht. Bei einem überinstrumentierten Spektakel wie „Hulk“ mag das eine sinnvolle Strategie gewesen sein; hier ist es nur eine kaum begreifliche Paradoxie. Ang Lee erzählt diese Geschichte von Gefahr, Leidenschaft, Verrat, Liebe, Sex und Politik mit ihrer dramatischen Verlaufskurve völlig gleichförmig - als läse jemand eine Geschichte vor, ohne je die Stimme zu modulieren, ganz gleich, was gerade passiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2007, Nr. 41 / Seite 32
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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