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Video-Filmkritik : Aus der Zeit gefallen: „Die Ermordung des Jesse James“

Bild: Warner

Jesse James ist heute eine nationale Legende und war zu seiner Zeit ein Star. Da lag es nahe, ihn von Brad Pitt spielen zu lassen. Doch in Andrew Dominiks Spätwestern stiehlt ihm Casey Affleck die Schau.

          „Hey! Nimm ein bisschen ab! Leg dir ein paar Kinder zu!“, hat George Clooney ihm am Ende von „Ocean's Thirteen“ noch schnell zugerufen. Und Brad Pitt hat tatsächlich auf ihn gehört. Nicht, weil er den Adoptivkindern von Angelina Jolie ein Vater ist, nein, weil er nun Jesse James ist, ein Mann mit zwei Kindern, ein Revolverheld im Vorruhestand. Ein Mann des Westens, hager, mit schmalem Gesicht, die Augen tief in den Höhlen, die Blässe durch den schwarzen Bart noch verstärkt.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als Jesse James ist er zugleich ein früher Prominenter, ein Star in einer Medienwelt, in der man nur Zeitungen kannte und auf Gerüchte hörte, in der jedoch Helden und Images entstanden, wobei die Stars eine entschieden größere Halbwertzeit hatten als heute. Auch Robert Ford, der Mann, der Jesse James im April 1882 erschoss, ist ein Medienjunkie, er hat als Junge die Groschenhefte verschlungen, in denen die Abenteuer des Gesetzlosen geschildert wurden, er tritt dem Star als Fan gegenüber und schließt sich seiner Bande an, um durch die Ermordung seines Idols selbst berühmt zu werden.

          Mehr als siebzigmal verfilmt

          Jesse James ist eine nationale Legende, in Amerika - und deshalb auch in Hollywood. In der Internet Movie Database finden sich mehr als siebzig Adaptionen für Fernsehen und Kino aufgelistet, darunter Sam Fullers „I Shot Jesse James“ oder Nicholas Rays „The True Story of Jesse James“ und Darsteller wie Robert Wagner oder Tyrone Power. Und in St. Joseph im Bundesstaat Missouri ist ein Museum aus dem Haus geworden, in dem James erschossen wurde, als er, auf einem Stuhl stehend, den Staub von einem Bild wischen wollte. Man sieht diese Szene im Film nicht nur einmal, sie wird verdoppelt, auf der Theaterbühne, weil der Mörder Robert Ford seine Tat nachspielte, bis er selbst von einem James-Verehrer erschossen wurde.

          Warum den Neuseeländer Andrew Dominik dieser Stoff interessierte und warum das Studio ihn verpflichtete, ist leicht zu sehen: Dominiks erster Film „Chopper“ porträtiert einen Karrierekriminellen, und diese Verfilmung eines Romans über James und Ford setzt die vollentwickelte Celebrity-Kultur und die ganze Westerntradition voraus, was von jeder Inszenierung ein gewisses Maß an Sophistication verlangt. Aber es gab nun eben auch, in den siebziger Jahren, Western, die mit dem Genre abrechnen wollten wie der Revolverheld mit seinem größten Widersacher. Sie waren roh und brutal, es wurde nicht am Lagerfeuer gesungen, die Sonnenuntergänge blieben fahl, die Mythen wurden zerlegt, die Helden hatten Läuse und ungepflegte Bärte, und wo sie abstiegen, war es sehr ungemütlich. Der Westen war so wenig heil und geordnet wie das Amerika der Jahre, in denen diese Western aufkamen. „Revisionistisch“ nannte man sie, weil sie das alte Bild vom Wilden Westen austrieben, von den Männern, die an der Frontier standen und die Zivilisation vorantrieben, um nach deren Etablierung selber überflüssig zu werden.

          Wie aus der Zeit gefallen

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