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Unterhaltung Die besten Nachrichten sind die erfundenen

25.10.2004 ·  Jon Stewart betrügt die Fernsehzuschauer und macht so auf die Misere der politischen Debatte aufmerksam: Wie ausgerechnet die Comedysendung „Daily Show“ zum politischen Gewissen Amerikas wurde.

Von Nina Rehfeld
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Gäbe es Jon Stewart nicht, man müßte am amerikanischen Medienwahlkampf verzweifeln. Stewart spielt in seiner "Daily Show" den Narren am Nachrichtenhof, wo politische Talkshows längst nur noch adrenalingeflutete Brüllorgien sind. Auch bei CNN gehört es inzwischen zum guten Ton, Gesprächspartnern bei jeder Meinungsverschiedenheit rüde über den Mund zu fahren, die politischen Debatten sind zu aggressiv inszenierten Weltanschauungsschaugefechten geworden. Abend für Abend legt Jon Stewart den Finger in die Wunden der politischen Kultur seines Landes.

Er tut dies nicht, indem er dem schrillen Wahlkampfzirkus nüchternes Info-Fernsehen entgegensetzt. Er überhöht das Nachrichtentheater. Als die Networks während der Hurrikan-Saison tagelang zerzauste Reporter in knatterndem Ölzeug sendeten, berichteten Stewarts Mitarbeiter unter "simulierten Sturmbedingungen" aus der Autowaschanlage. Die Tagesereignisse im Irak kommentiert er unter einer dramatisch colorierten Tafel mit der Aufschrift "Mess-O-Potamia": "Wie schlimm ist es im Irak? So schlimm, daß unsere Armee nicht mehr dorthin reisen darf." Seine Reporter bieten in ihren Interviews so zentralen Gestalten ein Forum wie dem Präsidentschaftskandidaten der Prohibitionspartei, die bei der letzten Wahl, immerhin, 208 Stimmen bekam.

"1960 war das Fernsehen noch besser als die Politiker"

Jon Stewarts "Daily Show" wirbt mit dem Slogan: "The Most Trusted Name in Fake News". Doch keine andere Nachrichtensendung nennt die Dinge so deutlich beim Namen. "1960 war das Fernsehen noch besser als die Politiker", sagte Stewart kürzlich in einem Interview. "Inzwischen wissen Politiker das Fernsehen zu manipulieren, und sie sind den Journalisten immer einen Schritt voraus, weil die um Akkreditierungen und Beförderung fürchten."

Jon Stewart, der eigentlich Jonathan Stuart Leibowitz heißt, wurde 1962 in New Jersey geboren und studierte Psychologie, bevor er die Stand-up-Comedy für sich entdeckte. 1993 begann er die "Jon Stewart Show", die erste MTV-Talkshow. Er schrieb und spielte in Hollywoodfilmen wie "Leben und Lieben in L.A." und "Big Daddy" und schrieb mit "Naked Pictures of Famous People" einen Bestseller. Schließlich war er als Nachfolger für David Letterman bei NBC im Gespräch, als der zu CBS ging. Doch dann bekam Conan O'Brien den Job, und Stewart übernahm 1999 von Craig Kilborn die "Daily Show" auf Comedy Central.

"Ja, das ist Betrug“

Seitdem ist eine Comedysendung zum politischen Gewissen der Nation avanciert. Was den Ruf der politischen Debatte in den Vereinigten Staaten nicht eben rettet - es stellt die Misere bloß. Als CNN-Veteran Larry King ihm vorwarf, die Zuschauer zu täuschen, weil die "Daily Show" so tue, als stünden ihre Reporter vor den Parteitagszentralen in New York und Boston, sagte Stewart: "Ja, das ist Betrug. Wir sind Betrüger, und zwar mit großem Vergnügen. Das unterscheidet uns von den Politikern: Wir sagen ihnen, daß wir betrügen, und sie tun so, als täten sie's nicht."

Seine Zuschauer wissen das zu schätzen. Die "Daily Show", deren Trophäensammlung unter anderem fünf Emmys umfaßt, macht immer öfter der Konkurrenz das Publikum streitig. Während der Vorwahlen im Frühjahr ließ sie Fox, CBS und MSNBC hinter sich. Und nach den Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten schalteten mehr Menschen bei Jon Stewart ein als bei den Nachrichten-Analysen der Networks. Mit dem diesjährigen Wahlkampf wurde Jon Stewart vom Kult- zum Popstar.

Gegner reiben sich auf

Man nimmt seine Comedysendung ernst. Eine zu Jahresbeginn veröffentlichte Studie ergab, daß mehr als ein Fünftel aller Amerikaner zwischen 18 und 29 zur Verfolgung politischer Themen mittlerweile die Fake-News der "Daily Show" einschalten. 23 Prozent, nur zwei Prozent mehr, nannten die Nachrichten der Networks. Dem Lamento, das daraufhin über die politischen Informationsgewohnheiten junger Amerikaner anhob, pflichtete Stewart nur leise nickend bei: eben.

An Stewarts gespielt beschämtem Lächeln haben sich schon einige seiner Gegner aufgerieben. Manche, die ihn attackieren, stellen sich dabei selbst bloß. Bill O'Reilly, der in seiner Fox-Sendung "The O'Reilly Factor" eher wie ein tollwütiger Hund als wie ein Talk-Gastgeber wirkt, nannte Stewarts Zuschauer "einen Haufen bekiffter Nichtstuer". Stewart nickte lächelnd und wies am folgenden Tag auf eine Studie hin, derzufolge die "Daily Show"-Zuschauer politisch gebildeter und akademisch bewanderter sind als O'Reillys Publikum.

Comedy als Maßstab?

Daß Jon Stewart es ernst meint, zeigte er vergangene Woche, als er als Gast der CNN-Talkshow "Crossfire" für einen kleinen Skandal sorgte. Stewart, der die Sendung schon vielfach kritisierte ("sie benennen eine Talkshow nach verirrten Kugeln, die unschuldige Passanten treffen?"), warf den verdutzten Moderatoren Tucker Carlson und Paul Begala vor, sich mit ihrem berechenbaren Schlagabtausch (Tucker ist konsequent rechts, Begala unbeirrt links) zum verlängerten Arm politischer PR-Strategen zu machen. "Sie tragen eine Verantwortung in der öffentlichen Debatte, und Sie scheitern kläglich", sagte Stewart. Als Carlson Stewart sein "kriecherisches" Interview mit John Kerry vorhielt, sagte Stewart: "Es erklärt einiges, daß die Nachrichtenorganisationen einen Comedysender als Integritätsmaßstab bemühen."

Tatsächlich hatte Stewart Kerry nicht eben ins Kreuzfeuer genommen, sondern Sätze gesagt wie: "Soweit ich das verstehe, waren Sie überhaupt nicht in Vietnam." Doch allein die Tatsache, daß John Kerry bei ihm auftrat, unterstrich aufs schönste die These der "Daily Show": Politik ist vor allem Theater. "Ich hätte das nicht gemacht", kommentierte Stewart den Auftritt Kerrys. Da war der Kandidat bereits auf den Weg zum TV-Psychologen Dr. Phil - eine Art Jürgen Fliege des US-Fernsehens.

Keine Clownerie

Jon Stewart ist sehr komisch. Er schlägt seinem Publikum Trinkspiele vor, bevor er einen Ausschnitt aus einer Ansprache des Präsidenten zeigt: "Immer, wenn George Bush ,Terrorist', ,Bedrohung' oder ,Wahnsinniger' sagt, ist ein Tequila fällig." (Stewarts Flasche ist hinterher leer.) Auf die Frage, wie man wohl wieder mehr junge Menschen an die Wahlurnen bringen könne, sagte er: "Die Wehrpflicht wieder einführen. Oh, wird das die Wahlbeteiligung ankurbeln!" Und die offiziellen Stellungnahmen zu Abu Ghraib kommentierte Stewart: "Man hat das jetzt neu klassifiziert: nicht als Folter, sondern als Freiheitskitzeln."

Was Stewart tut, ist keine Clownerie. "Was ich noch abstoßender finde als die Entscheidungen, die diese Leute fällen", sagte er über die offenbar hochrangigen Initiatoren des Folterskandals, "ist ihre Selbstgerechtigkeit. Inkompetenz kann ich akzeptieren, aber nicht selbstgerechte Inkompetenz." Als Tucker Carlson bei "Crossfire" von dem ihn verblüffend ernsthaft angreifenden Gast forderte: "Los Jon, seien Sie komisch", entgegnete der: "Nein, ich werde hier nicht für Sie den Affen spielen."

Karikatur der Polemik

Stewart trifft einen Nerv, wenn er den amerikanischen Politikern ihre "lächerliche Maskerade aus Anstand und Rechtschaffenheit" verübelt und den Medien, daß sie dieser Maskerade einen Anschein von Ernsthaftigkeit und Bedeutung geben. Diesen Nerv trifft auch Michael Moore. Der Filmemacher allerdings hat sich inzwischen in seiner eigenen Dynamik verheddert. Auf seiner Anti-Bush-Wahlkampftour, die ihn derzeit durch sechzig US-Städte führt, wirbt Moore für seinen Traum einer altruistischeren Gesellschaft vor einem fanatisierten Publikum, das anwesenden Republikanern am liebsten die Luft abdrehen möchte. Moore ist Teil der haßerfüllten, schadenfrohen Kultur geworden, die er zu überwinden aufruft.

Stewart dagegen sieht das Problem eben in dieser "conflict economy". Statt zu polemisieren, karikiert er die Polemik, die die politische Debatte ersetzt hat. "Sie tun diesem Land weh", sagte er zu den CNN-Schattenboxern Carlson und Begala. Das Publikum, offenbar auf Pointen konditioniert, kicherte. Doch Stewart war es ernst. "Bitte", sagte er. "Bitte hören Sie auf damit!" Die "New York Times" kommentierte: "Er spricht aus, was viele Zuschauer hilflos mitansehen: daß die Nachrichtenprogramme zu Echokammern politischer Attacken geworden sind, die den Lärm verstärken, anstatt Desinformation zu analysieren."

Bericht über Amerika

Jetzt gibt es Stewarts Analysen auch schriftlich. Mit "America (The Book)" hat er gemeinsam mit seinen "Daily Show"-Kollegen ein Pseudo-Geschichtslehrbuch veröffentlicht, das seit drei Wochen die Bestseller-Listen anführt. "America" veranschaulicht das Wesen der amerikanischen Demokratie mit allerlei Schautafeln ("Leitfaden der Weltrevolutionen") und Tabellen ("Bestimmung von Nachrichtenwert") und lehrt: "Amerika hat nicht nur Demokratie erfunden, sondern auch Freiheit und Gerechtigkeit."
Das Buch führt durch die amerikanische Geschichte (1492: Amerika entdeckt die Weißen), stellt Regierungsformen vor (unter anderem: die Post-Kommunistische Kleptokratie) und gibt Tips für den Wahlkampf: "Sobald Sie sich selbst definiert haben, ist es Zeit für die wichtigere Aufgabe: Definieren Sie Ihren Gegner. Denken Sie dran: Das Etikett muß schlicht sein und im kollektiven Gedächtnis des Wahlvolks festhängen wie eine Zecke." Und was das amerikanische Nachrichtenfernsehen angeht: "Wenn neben Ihrem Namen Begriffe wie ,blamiert' oder ,angeklagt' stehen, gehen Sie zu Larry King - er gibt Ihnen Gelegenheit, Ihre Seite der Geschichte zu erfinden."

In den US-Medien wird "America" vor allem im Hinblick auf eine Seite diskutiert, die die obersten Bundesrichter nackt zeigt und den Leser auffordert: "Stellen Sie die Würde der Richter wieder her, indem Sie jedem seine Robe zuordnen" Die Kaufhauskette Walmart nahm das Buch soeben aus den Regalen, weil die Geschäftsleitung glaubt, daß "die Mehrheit der Kundschaft sich mit diesen Bildern nicht wohl fühlt". Man kann Jon Stewart förmlich verzweifelt nicken sehen.

In Deutschland sind Ausschnitte der "Daily Show" samstags und sonntags nachts um 1.30 Uhr auf CNN zu sehen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.10.2004, Nr. 43 / Seite 33
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