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Ulrike Ottinger zum Siebzigsten Durch den unwirklichen Edelstein schauen

 ·  Was sie zeigt, verfolgt uns bis in Träume, wo fernöstliche Prinzessinnen im Dampfbad Goldfischen beibringen, wie man sich einen Schnurrbart schminkt: Der Malerin, Autorin, Fotografin und Regisseurin Ulrike Ottinger zum Siebzigsten.

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Diamantklar blitzt das Auge der Schimäre mit dem Raubkatzenleib und dem Gesicht der chinesischen Seeräuberkönigin. Sie ist zufrieden - man hat ihr gerade das Drehbuch zu „Madame X - eine absolute Herrscherin“ von der Filmemacherin und Weltverwandlerin Ulrike Ottinger vorgelesen; ein broschiertes, in bunte Löschpapierkleckse eingeschlagenes Bändchen von 1985, in dem die Chinesin abgebildet ist.

Wenn eines Tages plötzlich alle Filme verschwinden, wird man das transzendentale Lichtbad, in das die Kinokunst uns getaucht hat, bevor elektronische Netze ihre Bildfolgen zu belanglosem Konfetti zerschneiden konnten, dank Ottingers Buchveröffentlichungen nachempfinden können, sofern man ihre Zeichen dann noch deuten kann: die blaue Schnittverzierung des Katalogs zur „Floating Food“-Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt 2011; die mattlüsterne Pracht des Farbteils auf den letzten Seiten des Medusa-Buches zum Film „Freak Orlando“ von 1981; die kühle Freundlichkeit, die einen anweht, wenn man in den „Bildarchiven“ von 2005 blättert: als ob man ein bewohnbares Gefrierfach öffnet, in dem Pflanzen, Leute und Tiere frischer aussehen als in der Natur.

Lebenskunst im wahrsten Sinne

Ulrike Ottingers Bildkompositionen und Klangfarben, die bewegten und die lauernden, die evidenten und die heimlichen, handeln davon, wie man den Ort findet (und wie der uns findet), wo sich Hermaphroditen mit teerschwarzem Haar in der Lasur spröder Muscheln am Strand spiegeln. Sie ist eine Ethnologin, die es aus Atlantis nach Berlin verschlagen hat. Schauspielerinnen heißen in ihrer fernen, phantasmatischen Heimat Tabea Blumenschein, Delphine Seyrig und Magdalena Montezuma, weil solche Namen die wahre Melodie hinter den von der Kulturindustrie orchestrierten Markenzeichen wie „Greta Garbo“ oder „Marilyn Monroe“ zum Klingen bringen (wären die beiden berühmten Unglücklichen doch nur einer Ulrike Ottinger begegnet, die ihnen erlaubt hätte, Blumenschein oder Montezuma zu heißen).

Lebenskunst ist, wenn die Kinder das, was die Eltern noch zum Leben brauchten, großzügig der Kunst zuführen. Ulrike Ottingers Eltern waren eine Fremdsprachenkorrespondentin und ein Dekorationsmaler; jetzt malt die Tochter mit fremden Sprachen und befreit das Dekorbeiwerk des Filmerzählens zur opaleszierenden Schönheit stolzer Hauptsachen.

Fabelwesenbelebter als die Werke Matthew Barneys und surrealer (aber welthaltiger) als das Schaffen Alejandro Jodorowskys, sind Ottingers opera omnia zugleich so unmittelbar verständlich, dass Publikumspreise, Jurywürdigungen und Kritikerlob fürs Ausgedachte wie fürs Dokumentarische ihren Weg seit spätestens Ende der siebziger Jahre begleiten. Nie hat sie sich davon dazu verleiten lassen, allein denen zuliebe zu arbeiten, die das lieben, was sie sehen lässt - und darüber selbst neue Sprachen finden, wie etwa Laurence A. Rickels in seiner taghell seherischen Monographie „Ulrike Ottinger - eine Autobiografie des Kinos“. Was die Künstlerin zeigt, verfolgt uns bis in Träume, wo fernöstliche Prinzessinnen im Dampfbad Goldfischen beibringen, wie man sich einen Schnurrbart schminkt. An diesem Mittwoch wird Ulrike Ottinger siebzig Jahre alt.

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