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Ula Stöckl bei der Vorführung ihres Films „9 Leben hat die Katze“ 2013 in Berlin Bild: dpa

Filmemacherin Ula Stöckl : Kritische Traumarbeit

Heirat und Scheidung sind auch keine Lösungen: Ula Stöckl öffnete den Neuen deutschen Film für eine Sensibilität, die vor ihr keiner wagte. An diesem Montag wird die Filmemacherin achtzig Jahre alt.

          Das Kino wurde oft mit dem Traum verglichen, als ein Medium, in dem die Phantasie befreit wird (aber auch zur Bewirtschaftung freigegeben). Selten wurde diese Nähe zu den unbewussten Wünschen aber so konsequent in die taghelle Wirklichkeit geholt wie in dem Film „Der Schlaf der Vernunft“ (1984) von Ula Stöckl, in dem eine Frau namens Dea davon träumt, ihren Mann, der sich von ihr abwendet, und ihre ganze Familie zu töten. Sie ging damals davon aus, „dass erst einmal kaum eine Frau sich selber mag“, hat Ula Stöckl in einem zeitgenössischen Interview gesagt, und damit auf die tiefsitzenden Geschlechterklischees angespielt, mit denen es der Feminismus zu tun hat. Der Mann macht die Frau liebenswert, indem er sie liebt, und wenn er eines Tages eine Andere, Jüngere liebt, dann weiß die Frau nicht, wohin mit ihrer Aggression, wenn nicht in die Träume, wo auch Platz ist für das Monster, das man selbst manchmal werden muss.

          Ula Stöckl war Mitte vierzig, als sie „Der Schlaf der Vernunft“ fertigstellte (sie gewann damit 1984 den Deutschen Filmpreis). Sie konnte sich damals mit Frauen aus allen drei Generationen identifizieren, die darin vorkommen, und sie verfügte über die mythologischen – Dea kommt natürlich von Medea – wie die intellektuellen Register, diese Ehebruchs- und Rachegeschichte gesellschaftlich bedeutsam zu machen. Die Diskussion um die Pille, um die Nebenwirkungen des populären Verhütungsmittels, ist auch Teil der Beziehungsgeschichte von Dea, die nicht zuletzt als Kritikerin der Medizinindustrie zu sich findet.

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          Fast zwanzig Jahre zuvor hatte Stöckl 1968, zum Abschluss einer Filmausbildung an der Hochschule für Gestaltung in ihrer Heimatstadt Ulm, einen Schlüsselfilm für die Generationserfahrung der Studentenbewegung gemacht: „Neun Leben hat die Katze“ nähert sich dem historischen Moment durch die Erfahrungen junger Frauen in München, die vor allem merken, dass keine der angebotenen Beziehungsformen – Heirat, Scheidung – „eine Lösung“ darstellt. Eine Lösung findet sich eher in den offenen Momenten zwischen den Frauen selbst, an der Grenze der Freundschaft zu einer größeren Intimität und Vertrautheit. Der Film beginnt nicht zufällig mit einem französischen Chanson. Ula Stöckl öffnete den Neuen deutschen Film für eine Sensibilität, die unter ihren männlichen Kollegen am ehesten noch Rudolf Thome zeigte, dessen „Rote Sonne“ in mancherlei Hinsicht ein Spiegelbild zu „Neun Leben“ ist.

          Neben ihren Spielfilmen hat Ula Stöckl immer wieder dokumentarisch gearbeitet, etwa mit zwei Beiträgen zu der Reihe „Unerhört“, in der eine Geschichte der deutschen Frauenbewegung erzählt wird. Gemeinsam mit Edgar Reitz, in den sechziger Jahren eine prägende Figur in Ulm, war sie an „Geschichten vom Kübelkind“ und „Das goldene Ding“ beteiligt, zwei experimentelle Arbeiten, die sich mit dem Serienformat und einmal mehr mit der Aktualität des Mythos beschäftigten. Heute wird Ula Stöckl 80 Jahre alt. In Würdigung ihrer Verdienste als Künstlerin, Lehrerin und engagierte Intellektuelle zeigt das Berliner Kino Arsenal ab Freitag eine Werkschau, bei der man sie auch persönlich im Gespräch erleben kann.

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