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Veröffentlicht: 14.01.2013, 17:43 Uhr

Über „Hannah Arendt“ Selbst denken macht einsam

Im Kino läuft Margarethe von Trottas Spielfilm über Hannah Arendt. Wie kommt er bei jemandem an, der sie persönlich gekannt hat? Ein Gespräch mit Edna Brocke, der Großnichte der Philosophin.

© Kohlbaci Hannah Arendt mit ihrer Großnichte Edna Brocke

Frau Brocke, Sie sind eine Großnichte von Hannah Arendt, die Sie 1955, da waren Sie zwölf Jahre alt, kennenlernten und mit der Sie bis zu ihrem Tod 1975 in engem Kontakt standen. Haben Sie Hannah Arendt in Margarethe von Trottas Film wiedererkannt?

Da ich fast alle Personen, die im Film vorkommen, gekannt habe, musste ich mich zunächst von den Bildern meiner Erinnerung lösen. Danach fand ich sowohl Hannah als auch die anderen - bis auf Heinrich Blücher, ihren zweiten Ehemann - sehr gut getroffen.

Hat der Film Sie auch Seiten oder Aspekte der Persönlichkeit von Hannah Arendt entdecken lassen, die Ihnen neu oder nicht mehr präsent waren?

Eigentlich nicht, wobei der Film natürlich nicht in allen Details mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmen kann und auch nicht will.

Als Hannah Arendt 1961 nach Jerusalem kam, um über den Eichmann-Prozess zu berichten, machten Sie gerade Abitur.

Ja, aber an manchen Tagen bin ich nach Jerusalem gefahren und habe sie ins Gericht begleitet.

Ob Hannah Arendt beim Kreuzverhör noch im Gericht anwesend war, ist umstritten und ein Aspekt der Kontroverse.

Bestimmte, eher ideologisch geleitete Kreise behaupten, ihre angebliche Abwesenheit beim Kreuzverhör sei ausschlaggebend für ihre Einschätzung der Person Eichmann. Ich halte dies für ein Scheinargument von jenen, die Eichmann als „Monster“ dargestellt sehen möchten. Doch seine Einfältigkeit und seine Unbedeutsamkeit hatten Hannah Arendt schon in den ersten Sitzungen aufgewühlt.

Hannah Arendt sprach nicht Hebräisch. Doch während der Verhandlung, auch das zeigt der Film, wurde zwischen den Richtern und Eichmann auf einmal deutsch gesprochen.

Das war so. Alle drei Richter kamen aus dem deutschsprachigen Raum. Aber weil der Prozess auch „an die Welt“ gerichtet war, gab es Simultanübersetzungen in mehrere Sprachen. Auch wegen der zahlreichen Überlebenden, die als Zeugen aussagten und aus ganz unter-schiedlichen Ländern zum Prozess gekommen waren. Mich hat auch die Technik mit den Kopfhörern und den Glaskästen, in denen die Übersetzer saßen, fasziniert. Hannah, die absolut technikfern war, hat mich öfter ermahnt, weniger auf die Technik und mehr auf die Inhalte zu achten.

Der Film zeigt sehr eindringlich, welchen Anfeindungen und Pressionen sich Hannah Arendt nach der Veröffentlichung ihres „Berichts von der Banalität des Bösen“ ausgesetzt sah: In Amerika und Israel wurde sie scharf kritisiert, auch persönlich diffamiert. Wie ist sie damit umgegangen? Hat sie darüber mit Ihnen und Ihrer Familie gesprochen?

Auch meine Eltern hatten viele Fragen an sie. Als Juden, die Ende 1934 nach Palästina geflohen waren, mussten sie sich in ganz anderen Lebensbedingungen zurechtfinden als Hannah, die 1941 nach New York gekommen war. So fiel mir als in Israel Geborene eine gewisse Moderatorenrolle zu. Für Hannah waren Freundschaften ihr wirklicher Halt, und ich glaube, dass sie sich ein Auseinandergehen nur auf persönlicher Ebene vorstellen konnte. Nach Erscheinen der Artikel im „New Yorker“ wurde sie auf einmal von vielen Freunden auf einer Erkenntnisebene angegriffen; manche brachen sogar jeden Kontakt mit ihr ab. Das hat sie tief getroffen. Von diesen Verletzungen hat sie sich nie erholt. Selbst denken macht eben gerade nicht Freunde, sondern einsam. Hannah Arendt hat das schmerzhaft erfahren. 1963, als „die Kontroverse“ Fahrt aufnahm, ist sie - inkognito! - für ein paar Tage nach Israel gekommen. Ich holte sie am Flughafen ab und chauffierte sie nach Jerusalem und zu einigen Kibbuzim, wo sie Freunde aufsuchte, mit dem Wunsch, mit ihnen in einen Dialog zu treten. Dies gelang ihr aber nur bei ganz wenigen.

Heinrich Blücher hat sie nie nach Israel begleitet?

Nein. Er begleitete sie zwar nicht auf jeder Reise, aber auffallend ist, dass er nie mit nach Israel kam. Zu unserer Familie fand er keinen Zugang. Interessanterweise kam Heinrich Blücher nach dem Krieg auch nicht mehr nach Deutschland, das er als Spartakist aus dem Berliner Wedding hatte verlassen müssen.

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