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Trickfilm „Ponyo“ : Fisch gewagt ist nur halb gewonnen

Aus Brunnhilde, dem Fisch, ist Ponyo, das Mädchen, geworden. Im Überschwang der Freude schwebt auf den kleinen Sesuke zu Bild: ddp images/Universum Film

Die Kinder sind seine einzige Hoffnung: Der japanische Großmeister Miyazaki Hayao setzt mit seinem neuen Animationsfilm „Ponyo“ aufs Bewährte und zieht sich im Abspann sogar ins mittlere Glied zurück. Gleichwohl: ein Vergnügen.

          Zwei Jahre hat es gedauert, ehe der mittlerweile nicht mehr ganz so neue Film von Miyazaki Hayao in die deutschen Kinos gelangt ist - das ist immerhin anderthalb Jahre später als in Frankreich, wo der japanische Anime-Regisseur allerdings auch einen Ruf genießt wie sonst nur in seiner Heimat. In Deutschland dagegen hat nicht einmal der Goldene Bär für „Chihiros Reise“ auf der Berlinale 2002 dafür sorgen können, dass Miyazaki über den Ruf des poetischsten Trickfilmers der Welt hinausgekommen ist.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Mit Poesie allein aber ist kein gutes Geschäft zu machen, und da Miyazaki als Bewunderer des klassischen Disney-Zeichenstils auf moderne Entwicklungen wie dreidimensionale Animation oder gar vollwertiges 3D-Kino verzichtet, fällt es nicht leicht, ein Publikum für sein Werk zu begeistern, das sich mit allem, was außerhalb Hollywoods animiert wurde, ohnehin schwertut. Miyazaki hat es seinen westlichen Fans aber auch nicht leichtgemacht, als er nach massiven Kürzungen, die vom europäischen Verleih seines ersten international beachteten Films „Nausicaa aus dem Tal der Winde“ (1984) vorgenommen wurden, kurzerhand jeden weiteren Verkauf seiner in Japan immer erfolgreicheren Arbeiten ins Ausland ablehnte.

          So entging uns sein unübertroffenes Meisterwerk „Mein Nachbar Totoro“ (1988), das in professionellen Trickfilmerkreisen Furore machte und bis heute den Stil von Pixar prägt. Erst die mythisch-ökologische Geschichte um „Prinzessin Mononoke“ kam vor zehn Jahren auch nach Deutschland, und mit seiner nun unberührten Länge von weit mehr als zwei Stunden sprengte der Film alle Maßstäbe, die bis dahin für die Animation gegolten hatten.

          Kinder sind die einzige Hoffnung der Welt

          In Japan wurde der Revolutionär Miyazaki zum kassenträchtigsten Filmemacher des Landes, und er ist es bis heute geblieben. Sein jüngstes Werk, „Ponyo - Das große Abenteuer am Meer“ konnte jedoch nicht mehr an die Rekorde von „Mononoke“ und „Chihiro“ anknüpfen. Das liegt daran, dass der 1941 geborene Miyazaki spät in seiner Kinokarriere zum ersten Mal eine Erzählhaltung einnimmt, die sich ausschließlich am kindlichen Publikum orientiert.

          Mit seinen Arbeiten fürs Fernsehen (die berühmteste ist die „Heidi“-Trickfilmserie, die seinerzeit auch im deutschen Fernsehen lief) hatte er das in den siebziger Jahren schon einmal gemacht, und mit zunehmendem Alter erkennt Miyazaki in den Kindern seine einzigen Hoffnungsträger in einer Welt, die durch Umweltzerstörung und spirituelle Dürftigkeit der Erwachsenen geprägt ist.

          Das ist auch das Ausgangsmotiv von „Ponyo“: Tief im Meer schafft sich ein geheimnisvoller Magier namens Fujimoto eine gegen die industrielle Wasserverschmutzung abgeschirmte Retraite, in der er gemeinsam mit seiner Gemahlin Mamare, einer Art maritimen Göttin, Nachwuchs heranzüchtet, der als Fische hier sein ideales Habitat findet. Doch eine Tochter, die kleine Brunhilde, wird von ihrer Neugier an die Meeresoberfläche getrieben, wo sie den fünfjährigen Jungen Sesuke kennenlernt, der wiederum von der Niedlichkeit und Intelligenz des kleinen Fischs begeistert ist.

          Fortan bemüht sich Ponyo (nach dem Vorbild von Andersens „Kleiner Meerjungfrau“), die Gestalt eines Menschenmädchens anzunehmen, doch dadurch gerät einiges im Unterwasserreich ihres Vaters durcheinander. Ein gewaltiger Sturm zieht auf, der das Küstenstädtchen, in dem Sesuke lebt, bedroht. Doch ausgerechnet im wildesten Toben der Elemente finden der Junge und das frischgebackene Mädchen zueinander, und man darf wohl andeuten, dass Ponyos Übereifer sich am Schluss als Voraussetzung für eine Versöhnung zwischen Meeres- und Menschenwelt erweist. Es ist eben ein Kinderfilm.

          Das Vergnügen lebt von der Nostaligie

          Manche Details beschwören die alte, für alle Altersstufen gleichermaßen attraktive Miyazaki-Welt herauf: die als unheimliche Wesen inszenierten Wellen zum Beispiel, über die Fujimoto gebietet, oder die lebensbejahenden Insassinnen eines Altersheims, in dem Sesukes Mutter arbeitet. Doch die Beschränkung auf zwei Kleinkinder als Protagonisten zwingt Miyazaki zu einer schlichten Dialogführung und zu einfachen Personenkonstellationen, die niemals an die gleichermaßen intellektuelle wie sexuelle Ambivalenz der zwischen Kindheit und Erwachsenenalter stehenden Helden seiner früheren Filme anknüpfen können.

          Darüber hinaus verschenkt Miyazaki weitgehend die Möglichkeiten, mit der Meeresfauna jenen Bilderzauber zu entfalten, den ihm seine Schüler bei Pixar mit „Findet Nemo“ vorgemacht haben. Die Qualität der klassisch-handgezeichneten Hintergrundanimation in Miyazakis Ghibli-Studio bei Tokio ist unerreicht, doch in der Figurengestaltung hinkt er mittlerweile dem Standard hinterher.

          So ist „Ponyo“ ein zwiespältiges Vergnügen, weil es allein von der Nostalgie lebt, die der Name Miyazaki garantiert. Als seine Filme vor zehn Jahren wieder im Westen zu sehen waren, staunte man über einen Stil, der allem voraus war, was man bis dahin an Animation kannte. Doch seitdem hat sich bei Ghibli nichts Neues mehr entwickelt. Und Miyazaki tritt als prägende Persönlichkeit in den Hintergrund. In der Liste der Mitwirkenden im Abspann von „Ponyo“ ist sein Name irgendwann zwischen Hunderten anderen leicht rechts oben von der Mitte der Leinwand zu entdecken. Ohne sein Genie aber hat das Studio keine Besonderheit mehr. Das war bei seinem großen Vorbild Disney schon genauso.

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