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Trickfilm Diese Wände haben Augen

 ·  DJ, Chowder und Jenny können es nicht fassen: Das Haus lebt! Und verschlingt alles, was in Zungennähe kommt. Der Trickfilm „Monster House“ ist ein charmanter Teenager-Gruselstreifen mit Kathleen Turner als Haus - die Technik macht's möglich.

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Die Prophezeiung, daß Kathleen Turner einmal ein Haus spielen würde, hätte die Hauptdarstellerin aus Lawrence Kasdans „Eine heißkalte Frau“ im Jahr 1981 wohl kaum als Kompliment aufgefaßt. Mit den Mitteln des herkömmlichen Kinos wäre das auch eine ziemliche Herausforderung für die Maske gewesen. Im modernen Animationsfilm aber kann ein Schauspieler problemlos in die Haut einer baufälligen Immobilie schlüpfen. Ein paar ins Gesicht geklebte Reflektoren genügen, um die menschliche Mimik mit dem Motion-Capture-Verfahren einzufangen - und dann auf die Fassade eines am Computer gebastelten Gruselhauses zu übertragen, das die Fensteraugen zu grimmigen Schlitzen verengt und die Dachstirn in bedrohliche Falten legt.

Ohne dieses Hintergrundwissen zu „Monster House“, vom jungen Regisseur Gil Kenan unter Patenschaft von Steven Spielberg und Robert Zemeckis gedreht, entdeckt man Kathleen Turners resolute Züge nicht unbedingt in der boshaften Holzhütte - obwohl die Aktrice in diesem Film auch einem menschlichen Wesen ihre Motorik leiht. Die in Zemeckis „Der Polarexpress“ von 2004 erstmals eingesetzte Kombination aus „Computer Generated Imagery“ und „Motion Capture“, also aus künstlichen Bildern und echter Schauspielkunst, ist zur Zeit noch ein Experiment, von dem man eher weiß, als daß man es sieht.

Grusel in der Kleinstadtwelt

Das liegt allerdings auch daran, daß die Animateure von „Monster House“ trotz Starbesetzung mit Steve Buscemi, Kathleen Turner und Maggie Gyllenhaal weitgehend auf Wiedererkennbarkeit verzichteten und die Figuren ins Knetgummihafte überzeichneten. So bleiben die namhaften Darsteller, ganz in den Dienst der Sache gestellt, unsichtbare Puppenspieler in einer Blackbox, wo statt Requisiten nur Drahtgittermodelle herumstehen. Wie dieses Agieren im Nirgendwo und ohne den Fixpunkt einer Kamera den narzißtischen Schauspielerberuf verändern wird, ist noch nicht absehbar.

Trotzdem ist „Monster House“ mehr als ein überproduziertes Demo-Video für eine neue Technologie: nämlich ein wirklich charmanter Teenager-Gruselfilm, angesiedelt in einer Kleinstadtwelt mit Basketballkörben vor der Garage, wie man sie aus zahllosen Filmen kennt. Schon die Eröffnungssequenz, eine lange Kamerafahrt, die ein durch die Straßen wehendes Herbstblatt verfolgt, erinnert ein wenig an die Szene mit der fliegenden Plastiktüte in „American Beauty“. Das Blatt begleitet ein kleines Mädchen auf einem Dreirad, das eine Melodie durch seine Zahnlücke trällert - bis das Gefährt vor dem Haus des bösartigen Nachbarn Nebbercracker (Mimik und Gestik von Steve Buscemi) gegen eine Bordsteinplatte stößt und ein düsterer Hauch von Verfall durch den goldenen Herbst weht.

Gefräßiges Gebäude

Auch Nebbercracker in seinem Unterhemd verkörpert als Rasenfetischist, der die auf seinem Grundstück gestrandeten Basketbälle beschlagnahmt, eine anthropologische Konstante. Doch ein verträumter Zwölfjähriger namens DJ, dessen selbstsüchtige Eltern aus einer Fernseh-Sitcom stammen könnten, langweilt sich in seinem mit Postern zugeklebten Jugendzimmer unterm Dach genug, um dem unheimlichen Haus mit dem Fernglas nachzuspionieren. Er findet heraus, daß nicht der jähzornige Nachbar, sondern das Bauwerk selbst die Spielsachen verschlingt, indem es in unbeobachteten Momenten mit jeder Dachschindel bebend einen roten Läufer als Zunge ausrollt und zerborstene Bretter als Zähne ausfährt.

Es folgt dann das übliche Abenteuerspiel, bei dem DJ (Mitchel Musso) mit seinem im Wortsinn dicken Kumpel Chowder (Sam Lerner) und der kessen Jenny (Spencer Locke) einen witzigen Schlachtplan gegen das gefräßige Gebäude austüfteln, die unentbehrlichen Walkie-Talkies benutzen und wie im Vietnamfilm auf Ellbogen durch den Vorgarten robben. Gegner sind nicht nur die nervige Babysitterin Zee (Maggie Gyllenhaal), die handbeschriftete Heavy-Metal-Kassetten in die elterliche Anlage wirft, und deren Freund wie ein Alice-Cooper-Doppelgänger aussieht, sondern auch ein schwarzweißes Polizistenpaar, das in seinem komödiantischen Übereifer an einen alten Los-Angeles-Polizeifilm erinnert.

Mit seinem nostalgischen Achtziger-Jahre-Flair wirkt „Monster House“ wie eine amüsante und über weite Strecken auch kindgerechte Stephen-King-Hommage, mit Ausnahme vielleicht einer Szene in den tiefsten Eingeweiden des Hauses, wo das Trio eine schauderhafte Entdeckung macht, die einem Sechsjährigen durchaus Stoff für Albträume liefern dürfte. Nach dem Showdown aber mündet „Monster House“ ganz in einen wehmütigen Kindheitsabschied im Geiste von „Stand By Me“. Da schmiedet schließlich auch ein grausiger Fund die Bande zwischen den Freunden. Es gibt in Hollywood eben zeitlose Gesetze, die keine neue Technologie umstößt.

Quelle: F.A.Z., 24.08.2006, Nr. 196 / Seite 34
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