03.06.2005 · Vielleicht war er zu schön, hat zu viele Frauen gehabt und mehr Drogen genommen, als die Kritik verzeiht: Doch schade ist es schon, daß Tony Curtis nie einen Oscar erhalten hat. An diesem Freitag wird der Schauspieler achtzig.
Von Verena LuekenWer Dreharbeiten mit Marilyn Monroe als „Kissing Hitler“ bezeichnet, sollte auf eine große Karriere als Komödiant zurück- oder vorausschauen können.
Doch Tony Curtis, der auf die ein wenig lüsterne Frage eines Reporters nach der Arbeit an Billy Wilders Komödie „Manche mögen's heiß“ ebendies antwortete - und hinzufügte, er habe seinen Studiovertrag, der ihn verpflichtete, mit allen seinen Filmpartnerinnen zu schlafen, in diesem Fall schon lange vor Planung des gemeinsamen Films erfüllt -, wurde zwar weltberühmt, und sein Gesicht in mehr als hundert weiteren Filmen und der langlebigen Fernsehserie „Die Zwei“ ist unvergessen.
Doch für wirklich groß halten ihn nicht viele. Vielleicht war er zu schön, vielleicht hat er zu viele Frauen gehabt und zu viele von ihnen geheiratet, wahrscheinlich hat er mehr Drogen genommen, als die Öffentlichkeit oder die Kritik verzeiht, und natürlich hat er in viel zu vielen viel zu schlechten Filmen gespielt. Aber ein wenig schade ist es schon, daß Tony Curtis nie den Oscar (und nur eine Nominierung, 1959 für „Flucht in Ketten“) gewonnen hat und daß sein Lebenswerk bisher einzig vom Filmfestival in St. Louis und vom Katalonischen Filmfestival in Sitges ausgezeichnet sowie von der „Hörzu“ mit einer Goldenen Kamera gewürdigt wurde.
Aufgewachsen in der Bronx
Seine Filmkarriere verdankte Tony Curtis tatsächlich seinem Aussehen, eine Tatsache, auf die er selbst nicht müde wird hinzuweisen. Dazu gehörten seine dunklen Locken über einem Gesicht, das südländisch wirkte, obwohl Curtis unter dem Namen Bernard Schwartz in der Bronx als Sohn ungarischer Juden geboren wurde. Dazu gehörte der weiche Mund, in den Marilyn Monroe förmlich hineinkriechen muß, um dem vermeintlichen Ölmilliardär aus „Manche mögen's heiß“ ein wenig Vergnügen zu bereiten, der doch nur eine Saxophonistin ist und eigentlich noch nicht mal das. Und zu seiner blendenden Erscheinung gehört ein wohldefinierter Oberkörper.
Leider gilt auch hier: Asketen altern besser. Schon wenn man vor zehn Jahren auf ein aktuelles Foto von Tony Curtis blickte, wurde kein Schimmer der Erinnerung wach an die Filme der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre, in denen Curtis am besten war und am besten aussah: Neben den 1959 entstandenen „Manche mögen's heiß“ und „Flucht in Ketten“ von Stanley Kramer sind das vor allem „The Sweet Smell of Success“ (der in Deutschland „Dein Schicksal in meiner Hand“ hieß) von Alexander Mackendrick, ein grandioser film noir der dunkelsten Sorte von 1957, „Mister Cory“ aus dem Jahr 1957, „Unternehmen Petticoat“ von 1959 und „The Great Race“ von 1965, alle drei in der Regie von Blake Edwards.
Fast lachhaft schön
In Kubricks „Spartacus“ von 1960 ist Curtis in der Rolle des Gladiators Antonius fast lachhaft schön. Seinem Kollegen Laurence Olivier, der ihn hemmungslos bewunderte, empfahl er damals regelmäßige Liegestütze, um eine ähnliche Form zu erreichen. Es ist wahrscheinlich eines der Privilegien des Alters, daß Curtis selbst auf jedwede Leibesübung seit langem zu verzichten scheint.
Tony Curtis, das zeigt seine Autobiographie, die er vor zehn Jahren mit dem Filmhistoriker Barry Paris geschrieben hat, besitzt sehr viel Humor. Er hat sich, so ist zu vermuten, mit Lust und großem Vergnügen dareingefügt, als überzeichnetes Abziehbild des latin lover inszeniert zu werden, das damals so ernst genommen wurde, daß ihm die Teenager die Kleider vom Leib rissen.
Anerkennung als Künstler
In etwa hundertfünfzig Filmen ist Tony Curtis aufgetreten, seine Filmpartner waren neben Marilyn Monroe Jack Lemmon und Laurence Olivier, Walter Matthau und auch Cary Grant, sein großes Vorbild. Wie dieser verachtete Curtis das method acting, das in seiner Zeit auch bizarre Blüten trieb, und verließ sich auf ein ihm natürlich zur Verfügung stehendes Timing, das vor allem in den Komödien meistens funktioniert.
Seit er alt geworden und frei von seinen Süchten ist, baut Tony Curtis „Time Boxes“, Collage-Kästen voller Erinnerungsstücke, zu denen er sich von Joseph Cornell inspirieren ließ. Curtis hat, so heißt es, einen guten Ruf als bildender Künstler, und einst werden diese Assemblagen der vergangenen Zeit vermutlich hohe Preise auf dem Kunstmarkt erzielen. Als Schauspieler blieb Tony Curtis, seinen Erfolgen, seinem Talent, der Liebe des Publikums und der Menge seiner Auftritte zum Trotz, ein wenig der unterschätzte Komödiant. Viele Regisseure, mit denen er gern gearbeitet hätte, ließen nie von sich hören, seine letzte gute Rolle liegt lange zurück. Die Anerkennung als Kastenkünstler gleicht das nicht aus. An diesem Freitag wird er achtzig.