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Tom Tykwer verfilmt „Cloud Atlas“ Im Sturmwind der Unwirklichkeit

 ·  Der Roman „Cloud Atlas“ ist verfilmt worden - und öffnet so den Blick für ein junges, bei uns völlig unbekanntes Genre, das im englischen Sprachraum „Slipstream“ heißt.

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© dpa Vergrößern Sonmi-450 (Doona Bae) trifft in „Cloud Atlas“ auf ein mysteriöses Flugobjekt

Seit es Spielfilme gibt, freut man sich über Romane, die dem Kino zeigen wollen, was es nicht kann: je größer das Menü der Künste, desto besser. Wie wäre es also mit einem Text, der sechs Zeitebenen hat und von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis in die ferne Zukunft ausgreift - eine Reise, die vom Altenheim in Hull über unterirdische Schnellrestaurants in Asien bis in eine postapokalyptische Fetzenlandschaft führt und dabei Tonfälle vom Tagebuch über den Krimi bis zum Verhör einsetzt, um ein Figurenensemble zwischen herzkranken Verlegern, Atomforschern, Komponisten und geklonten Serviermädchen zum Sprechen zu bringen?

David Mitchells Roman „Cloud Atlas“ von 2004 benimmt sich über fünfhundert Seiten wie ein Ungeheuer, das keine Regie bändigen kann. Ob es Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern fürs Kino dennoch gelungen ist, werden sehr bald alle wissen, die es interessiert. Der Film läuft in der übernächsten Woche an. Genauso interessant aber dürfte für Menschen, die gern Bücher lesen, bei denen man sich was denken darf, die Frage sein, ob Mitchells Herausforderung ans menschliche Vorstellungs- und Fassungsvermögen gattungsgesetzlich beschreibbar und also von anderen gegebenenfalls weiterzuspinnen oder zu kontern ist.

„Fix up“ und Science Fction

Wenn Literaturkritik und akademische Analyse von einem derart wilden Buch gebissen werden und nicht sofort mit allergischen Abwehrreaktionen Marke „unklassifizierbar“ reagieren, kramen sie seit etwa 1980 gern die Imponiervokabel „postmodern“ aus ihrem Etikettenvorrat. Gemeint ist damit das literarische Äquivalent einer Denk-, Bau- oder Musizierweise, die Flachdächer mit Erkerchen, Hegel mit Hägar und Italo-Disco mit Stockhausen vernäht, weil sie sonst an konstitutioneller Einfallslosigkeit eingehen müsste.

Man kann sich, wenn man angesichts eines außergewöhnlichen Kunststücks in der es umgebenden Literatur nach Mustern suchen will, allerdings auch mal anderswo umschauen als im Akademischen. Dann wird man beispielsweise merken, dass „Cloud Atlas“ wie ein klassischer fix-up gearbeitet ist, nämlich als Verknüpfung der kaleidoskopartig um eine gemeinsame Spiegelachse geworfenen sechs Einzelgeschichten.

Das Wort fix-up stammt vom Science-Fiction-Autor A. E. Van Vogt und bezeichnete ursprünglich Romane, die aus zuvor in Pulp-Heftchen erschienenen Kurzgeschichten oder Novellen gestrickt wurden, als der Markt für Science-Fiction sich dem Taschenbuch öffnete. Nun sind die „Cloud Atlas“-Episoden freilich von vornherein aufs kristalline Zusammenschießen zum Roman angelegt, und dieser Roman, seinerzeit immerhin auf der Shortlist für den Man Booker Prize, steht natürlich nicht im Science-Fiction-Regal, auch wenn sein Verfasser sich in diesem und anderen Werken als profunder Kenner des Genres erweist.

Wenn „Cloud Atlas“ aber keine Science-Fiction ist und ihr doch näher steht als alles, was die Kurzzeit-Literarhistorie sonst zur Kenntnis zu nehmen pflegt, wie nennt man das Tier dann? Wo das Phantastische in den Künsten ein Thema ist, redet man in Fällen wie diesen im angloamerikanischen Sprachraum seit einiger Zeit von „Slipstream“.

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