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„There Will Be Blood“ : Ich bin ein Ölmann

Brennende Ölquelle: Daniel Day-Lewis in „There Will Be Blood” Bild: dpa

Mit „There Will Be Blood“ erlebt die Berlinale schon am ersten Wettbewerbstag einen Höhepunkt. In manchen Teilen ist der Film großes Theater, in anderen eine Erzählung von mythischen Ausmaßen über Gier, Glauben und Einsamkeit.

          Ein weiter Blick auf drei Hügel in leerer Landschaft. Und nach dieser Eröffnung der Sprung ganz nah auf Hände, Beine, ein Gesicht. Schon in den ersten Minuten, bei diesem ersten Jump Cut ist klar, dass wir etwas Ungewöhnliches, Exzentrisches sehen werden. Und hören. So beginnt kein gefälliger Film. Kein Epos, keine Westerngeschichte, keine Tragödie.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und doch hat Paul Thomas Andersons Film „There Will Be Blood“ von all diesen etwas. Er ist eine Geschichte von der Frontier, und wie alle diese Geschichten vom Verschieben der Grenze nach Westen ist er eine Geschichte vom Kapitalismus und wie er sich ins Land frisst. Außerdem ist er in manchen Teilen großes Theater und in anderen eine Erzählung von mythischen Ausmaßen über die Gier, den Glauben, das Geschäft mit beiden und über die Einsamkeit.

          Zerschnitten von lang gestreckten hohen Tönen

          Ein Mann gräbt nach Silber. Er ist allein mit seiner Spitzhacke, sehr tief in der Erde, es ist eng, er schwitzt, er stöhnt, sein Körper ist bedeckt mit schwarzem Staub. Der Mann spuckt auf Gesteinsbrocken, die er aus der Wand geschlagen hat, wischt sie mit dem Ärmel ab, hält sie in den schmalen Lichtstrahl, um zu sehen, ob sie glitzern. Immer wieder tut er das, wir sehen, dass in ihm kein Raum ist für irgendetwas anderes als dieses Schürfen, und dann sehen wir, dass er verunglückt. Dazu hören wir nur die Geräusche, die er selber macht, das Schlagen der Hacke auf Fels, seinen Atem.

          Für Öl tut Plainview (Day-Lewis, r.) alles, sogar beten
          Für Öl tut Plainview (Day-Lewis, r.) alles, sogar beten : Bild: AP

          Endlich, nachdem er sich verletzt aus dem Schacht nach oben gewuchtet hat, sehen wir wieder das Land, in dem er gräbt, weit, verlassen, voller Schätze, die sich nur dem offenbaren, der alles daransetzt, sie an sich zu reißen. Und diese Bilder werden dann gleichsam zerschnitten von elektronischen oder aus hartgestrichenen verstimmten Geigen gepressten, lang gestreckten hohen Tönen. Jonny Greenwood von Radiohead hat die Musik zu „There Will Be Blood“ geschrieben - teilweise eigens für den Film komponiert, teilweise aus seinem Album „Popcorn Superhet Receiver“ -, und seine Musik gehört zum Ungewöhnlichsten, Verstörendsten, in ihrer völligen Durchsichtigkeit auch zum Intelligentesten, was wir seit langem im Kino gehört haben. Wenn es etwas klassischer klingt, handelt es sich um Arvo Pärt.

          Das ist der Urknall, und so sieht er aus

          Von nun an hinkt Daniel Plainview, und da Daniel Day-Lewis, der für diese Rolle schon viele Preise gewonnen hat, ihn darüber hinaus mit einem leicht nach vorn geneigten Oberkörper spielt, als könne er jeden Moment wieder in die Erde kriechen oder aber losstürmen und alles wegfegen, was sich ihm in den Weg stellt, wirkt diese Figur außerordentlich gefährlich. Und das ist sie auch. Plainview steigt von Silber um auf Öl. Er sucht sich einen Partner, er nimmt einen Sohn an, den er H.W. nennt, und er dringt immer weiter nach Westen vor, während er Farmern billig ihr Land abschwatzt, unter dem Meere von Öl liegen.

          Einmal explodiert der Bohrturm. Wir sehen das aus der Perspektive des achtjährigen H.W., dem das Ding geradewegs um die Ohren fliegt, und dann aus einiger Entfernung, wo Plainview sich gerade aufhält. Er geht los, um zu sehen, was geschehen ist, angstvoll einerseits, aber andererseits mit feurigem Blick, begierig, gleichsam zu baden in all dem Reichtum, von dem ein Teil da erst einmal verbrennt, und wenn er H.W. dann in den Armen hält, entsetzt, aber ohne einen Moment zu vergessen, dass er von nun an einer der reichsten Männer Kaliforniens ist - dann sehen wir nicht nur Daniel Day-Lewis, wie er alles, was er als Bühnenschauspieler kann, in seine Haltung legt und alles, was er vom Film weiß, in sein Gesicht, sondern auch einen Regisseur am Werk, der völlig mit offenen Karten spielt. Das ist der Urknall, und so sieht er aus.

          Das passt gerade gut: Öl und religiöser Fanatismus

          „Ich bin ein Ölmann“, das ist der Standardsatz von Plainview, wenn er sich vorstellt. „Ich bin ein Gottesmann“, könnte Eli (Paul Duno) sagen, seine Nemesis, Sohn eines von ihm betrogenen Farmers und evangelikaler Prediger mit einigem Showtalent. Er zwingt Plainview in eine Selbstanklage - im Gegenzug hat er Bohrrechte zu vergeben -, die diesem für einen kurzen Moment Einblick gibt in die eigene Seele und uns die Gewissheit, dass da überhaupt eine ist. Dafür wird sich Plainview am Ende schrecklich rächen.

          Öl und religiöser Fanatismus, das passt ja gut im Augenblick, werden einige denken, und natürlich haben sie recht. Aber „There Will Be Blood“ spielt nicht mit Aktualitäten. Seine Größe ist, dass er über dreißig Jahre zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts bei dieser monströsen Figur Plainview bleibt und uns in gewisser Weise zeigt, wie alles anfing.

          Dass dieser Film mit einem Oscar zum besten Film des Jahres gekrönt werden wird, ist nicht wahrscheinlich; dass er in Berlin schon am ersten Wettbewerbstag einen Standard setzte, der so leicht nicht wird einzuholen sein, steht außer Frage. Am nächsten Donnerstag läuft er bereits in den deutschen Kinos an.

          Quelle: F.A.Z., 09.02.2008, Nr. 34 / Seite 33

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