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„The Hamburg Cell“ Ich liebe dich, sagt der Attentäter und steigt ins Flugzeug

21.02.2005 ·  Der Fernsehfilm „The Hamburg Cell“ zeigt die Attentäter des 11. September als vom Extremismus verführbare Studenten aus gutem Hause. In Amerika sorgte er für eine Kontroverse, bei uns will ihn bislang kein Sender zeigen.

Von Nina Rehfeld, Phoenix
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Der Bericht der Kommission zum 11. September steht noch immer auf der Bestsellerliste der „New York Times“. Die beiden großen Fernsehsender ABC und NBC haben Mehrteiler über die Terrorattacken von 2001 angekündigt. An Aufmerksamkeit herrscht also kein Mangel.

Und doch versteckt sich ein außerordentlich sehenswertes Stück zum 11. September im Nachtprogramm des Abo-Senders HBO: „The Hamburg Cell“, ein Doku-Drama von Antonia Bird über die Rekrutierung und Radikalisierung der Attentäter, die das World Trade Center angriffen.

HBO hatte das Projekt des britischen Fernsehsenders Channel 4 zunächst koproduzieren wollen, machte dann aber einen Rückzieher. Der HBO-Chef Colin Callender, der sonst Lob für den Mut zum Ungewöhnlichen gewohnt ist, sagte: „Wir haben uns den Film angeschaut, als er erst in Buchform vorlag, und wir waren fasziniert. Aber ich wollte uns nicht in etwas verwickeln, das den Terrorangriffen apologetisch gegenübersteht.“

Deutsche Fernsehsender zögerlich

Das tut der Film, der seine Premiere im vergangenen August auf dem Filmfestival Edinburgh hatte und im Dezember auf dem Filmfest in Dubai lief, mitnichten. Er zeigt bloß ganz unaufgeregt, wie verführbar der menschliche Geist ist und auf welche Irrwege sich intellektuell dünkende Eitelkeit leiten läßt - bis zum Massenmord nämlich. Der Film fordert die Kontroverse heraus, und die gab es auch in Deutschland, allerdings ohne daß jemand etwas davon mitbekommen hätte: Die Filmförderung Hamburg hat das 3,5-Millionen-Euro-Projekt mit 230.000 Euro unterstützt, ein deutscher Fernsehsender zur Ausstrahlung findet sich aber nicht.

„Das war ernüchternd“, sagt Michael Frenschkowski von der Berliner Produktionsfirma Inner Circle Picture Productions. „Man hatte offenbar Angst, sich auf ein heikles Thema einzulassen.“ Am Ende wurde der Film zum Großteil vom britischen Channel 4 finanziert, außerdem kam Geld von France 2 und aus Kanada. Als er im Herbst auf dem Hamburger Filmfest laufen sollte, wurde er kurz vor Festivalbeginn wieder zurückgezogen - aus „lizenzrechtlichen Gründen“ und wohl auch, weil die überlebende Freundin eines Attentäters hier unter vollem Namen auftritt.

Die Anziehungskraft des Extremismus wird verständlich

Im Mittelpunkt von „The Hamburg Cell“ steht der junge Ziad Jarrah (Karim Saleh), der später den United-Flug 93 entführen und zum Absturz bringen wird. Als sensibler Intellektueller kommt er 1996 nach Greifswald. Beim ersten Kontakt mit einer muslimischen Bruderschaft kurz nach der Ankunft murmelt er noch, er sei nicht besonders religiös erzogen und auf eine katholische Schule gegangen. Statt zum Gebet geht er lieber mit der hübschen Türkin Aysel (Agni Tsangaridou) auf Einkaufstour.

Schleichend und durchaus holprig vollzieht sich der Prozeß vom anfänglichen Geborgenheitsgefühl unter muslimischen Brüdern über die „Treueprüfung“ und den Bezug der konspirativen Wohnung in der Hamburger Marienstraße bis zur „Bereitschaft, das Leben für Allah zu geben“. Die Schilderungen eines Älteren, der, unterschnitten von grausigen Dokumentaraufnahmen, von den Greueln gegen muslimische Bosnier berichtet, die Wut der Brüder über „Demütigung und Dominierung“ durch den Westen, die Entschlossenheit, „Verantwortung für unser Schicksal zu übernehmen“, bieten Einblicke in das Denken der Extremisten und machen auch ihre Anziehungskraft für junge Leute transparent. Vielleicht deshalb wurde dem Film in amerikanischen Internetforen Parteinahme für die radikalen Muslime und eine Verklärung der Attentäter vorgeworfen.

Kühl statt pathetisch

Doch Antonia Bird und ihr Drehbuchautor Ronan Bennett vermeiden sorgsam jegliches Pathos, nicht einmal von Empathie kann man reden. Sie dokumentieren die Geschichte der Attentäter mit Distanz und Bedacht. Bennett und seine Koautorin Alice Perman haben in Deutschland Menschen befragt, die Ziad Jarrah und Mohammed Atta kannten, sie führten lange Gespräche mit der Familie Jarrah, und sie recherchierten ausgiebig in der Al-Quds-Moschee in Hamburg.

„Als ich begann, das Drehbuch zu schreiben“, sagte Bennett im Dezember der Online-Ausgabe der „Gulf News“, der führenden englischsprachigen Tageszeitung der Vereinigten Arabischen Emirate, „hatte ich zwei Prioritäten: zum einen, eine erzählerische Struktur für die bekannten Ereignisse zu finden, und zum anderen, das Material so akkurat wie möglich und auf eine kühle, leidenschaftslose Art aufzuarbeiten.“

Immer wieder nimmt der Film eine dezidierte Außenperspektive ein, indem er die Vorbereitungen der Attentäter mit Einblendungen eklatanter Versäumnisse der amerikanischen Geheimdienste kontrastiert, die das Low-Tech-Armageddon dieses verschworenen Haufens Radikaler begünstigten. Das geht ganz nüchtern, in kühlem Ton, so wie es in der Serie „24“ mit Kiefer Sutherland gespielt wird: „15. Januar 2000: CIA wird informiert, daß sich Nawaf Al-Hazmi in den USA aufhält. Geforderte Maßnahmen: keine.“ Al-Hazmi ist ein bekannter Al-Qaida-Veteran und später an Bord der Maschine, die ins Pentagon stürzt.

Gut gelaunt dem Paradies entgegenfiebern

Und doch schaut man bei aller Zurückhaltung der Filmemacher nicht nur von außen auf die Welt der Attentäter. Allah heißt hier „God“, und die Verurteilung des Werteverfalls durch die Muslim-Brüder klingt seltsam vertraut: „Die moderne Welt steht auf dem Kopf, sie ist brutal, schizophren, total chaotisch. Man trichtert uns ein, Besitz zu horten, unser Leben mit Materiellem anzufüllen, aber in unserem Herzen wissen wir, daß dies sinnlos ist. Ich laufe durch diese Straßen und träume von einem anderen Universum“, sagt in einer Szene Mohammed Atta. Der Schauspieler Maral Kamel spielt ihn als übellaunigen Introvertierten, der die Welt und sich selbst haßt.

Marwan Al-Shehhi (Adnan Maral) dagegen, der das zweite Flugzeug ins World Trade Center lenkt, fiebert gut gelaunt dem Paradies entgegen. In Ziad Jarrah schließlich kollidieren die westliche und die muslimische Welt. Der seltsame Ehrgeiz, mit dem er im Dschihad aufgeht, würde auch einem Wall-Street-Yuppie gut stehen. Jarrah liebt seine entschieden gemäßigte Freundin Aysel zärtlich und scheint oft vor den sinnenfeindlichen Extremisten in ihre Arme zu fliehen - um ihr bei nächster Gelegenheit schroff Kleidung und Benehmen einer muslimischen Frau abzufordern. Er verspricht ihr mehrfach, von seinen fanatisierten Freunden Abstand zu nehmen, doch die Faszination, die alles in den Schatten stellende Bedeutung des Unternehmens Dschihad, läßt ihn nicht los. Als Atta im August in Miami den Termin für die Anschläge verkündet, setzt Jarrah zu einem vieldeutigen, verzweifelt verschlungenen Sprint auf dem Strand an.

Weder Helden noch Monster

„Diese Leute haben nicht das böse Funkeln im Auge, das den Filmschuft kennzeichnet“, sagte Ronan Bennett in einem Zeitungsinterview. „Sie wurden nicht mit Selbstmordattentäter-DNS geboren. Sie waren normale Menschen, uns ähnlicher, als wir uns vorstellen oder zugeben wollen.“ Die Figuren des Films sind weder Helden noch Monster, sie sind nicht einmal die Opfer menschenunwürdiger Umstände, die sich gegen ihre vermeintlichen Unterdrücker erheben. Antonia Bird und Ronan Bennett präsentieren die Attentäter des 11. September als Studenten aus gutem Hause, als Menschen, die, aus muslimisch-bürgerlichen, zum Teil verwöhnten Verhältnissen stammend, sich zu fanatischem Haß und minutiös vorbereitetem Massenmord anleiten lassen. Das ist offenbar immer noch mehr, als man sich hierzulande zumuten mag.

Ganz zu Beginn des Films, und noch einmal am Ende, als der Gegenschnitt der brennenden Türme den Horror bereits vorwegnimmt, flüstert ein junger Mann in ein Flughafentelefon. „Ich liebe dich“, sagt er, einmal, dann ein zweites, schließlich ein drittes Mal. Dann hängt er auf und steigt in jenes Flugzeug, das er auf das Capitol lenken soll und das am Ende über einem Feld in Pennsylvania abstürzt.

Quelle: F.A.Z., 21.02.2005, Nr. 43 / Seite 42
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