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Tatort Käserei

Eines Morgens wird in der Desinfektionskammer der Käserei Dettmer der Fahrer Ludwig Noack tot aufgefunden. Ein Raubmord? Im Sachsen-„Tatort“ „Sonnenfinsternis“ ist die Familie der wahre Ort von Geheimnis, Lüge, Rache und Schuld.

© ARD Vergrößern Hauptkommissar Ehrlicher ermittelt

Untadelig ist der Ruf der Familie Dettmer, die in Leipzig seit Generationen eine Käserei betreibt. Eines Morgens jedoch wird in der Desinfektionskammer der Fahrer Ludwig Noack tot aufgefunden. Ein Raubmord?

Für die Kommissare Ehrlicher und Kain ist schnell klar, daß sich hinter der sterilen Fassade der Familie Abgründe auftun. Vor Jahren verschwand die vierzehnjährige Tochter der Mitinhaberin, ihre Leiche wurde nie gefunden. Ein Mann, der in einem Indizienprozeß wegen Totschlags verurteilt wurde, aber stets seine Unschuld beteuerte, saß sechs Jahre lang im Gefängnis. Am Tag des Mordes ist er aus der Haft entlassen worden. Welche Rolle spielt er? Welche seine Freundin, die sich als Tante des ermordeten Mädchens entpuppt? Und welche der Juniorchef der Firma, dessen verdruckste Art ihn verdächtig erscheinen läßt?

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Polizeifoto mit Sonnenbrille im Haar

Der Leipzig-„Tatort“ präsentiert in seiner jüngsten Ausgabe die Familie als den wahren Ort von Geheimnis, Lüge, Rache und Schuld. Heikles Terrain, denn familiäre Emotionen sind ein schwer ins Bild zu setzender Filmstoff. Regisseur Dieter Berner und Drehbuchautor Andreas Pflüger schert das wenig. Sie bieten nicht nur eine haarsträubend unsinnig konstruierte Geschichte, sondern zugleich Unstimmigkeiten bis in die Nebensächlichkeiten.

Die Kommissare lassen sich vom Mordverdächtigten Nr. 1, den sie gleich verhaften werden, erst einmal mit Espresso verwöhnen. Beim Polizeifoto trägt er die Sonnenbrille im Haar, was man wohl nicht mal Heino durchgehen lassen würde. Als die Staatsanwältin auf dem Handy des Opfers anruft, um ihn vor dem entlassenen Totschläger zu warnen - seine Zeugenaussage führte zur Verurteilung -, macht sie sich in den Augen der Ermittler sofort verdächtig. Anschließend agiert die gerichts- und schicksalserfahrene Frau, als habe sie bislang auf Wolke sieben gelebt.

„Fast wie eine Idylle, aber eben nur fast“

Zu all dem gibt es auch noch ein bißchen Welterklärung à la Leipziger Platte. Die Frau des Opfers berichtet vom Häuschen, das sie sich mit ihrem Mann vor kurzem gebaut hat. Beim ersten Regen lief der Keller voll, Baumängel sind schuld. Doch die Baufirma ist längst insolvent. Also bleiben die hohen Reparaturkosten am armen Kleinbürgerpaar hängen. „Und die Bank“, fragt Ehrlicher mitfühlend, „hat die geholfen?“ Frau: „Keinen Cent haben die uns gegeben. Die wollten uns am langen Arm verhungern lassen.“ Ehrlicher, mit Steigerung des Mitleids-Timbres: „Das kann ich mir vorstellen.“ Schreibt Peter Sodann eigentlich, nachdem aus der politischen Karriere für die PDS nichts wurde, inzwischen am Drehbuch mit - oder darf man sich unter solchen Dialogen den real existierenden Ost-Ton vorstellen?

Beim Sachsen-„Tatort“ scheint man sich zunehmend auf die beiden beliebten Kommissare zu verlassen. Ihr Spiel, ihre Frotzeleien, die kleinen Wiedererkennungswitzchen wie der ewig kalte Kaffee Ehrlichers, das alles macht Spaß und versöhnt mit manchem. Aber ein solches Drehbuch und seine schauspielerische Umsetzung, insbesondere der familiären Gefühlswelt, die anmutet wie nachvertonter Stummfilm, reißt das nicht heraus. So startet der „Tatort“ ins neue Jahr mit einem laienpsychologischen Milieustückchen. „Fast wie eine Idylle, aber eben nur fast“ , kommentiert Ehrlicher zum Schluß die familiären Untiefen. Und das am ersten Tag des Ibsen-Gedenkjahres.

Am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z., 31.12.2005

 
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