http://www.faz.net/-gqz-qctd

Tarantino dreht „CSI“ : Das ist der Horror pur

  • -Aktualisiert am

Quentin Tarantino (r.) bei den Dreharbeiten zu „Grave Danger” Bild: AP

Er schickt den Serienhelden Nick Stokes lebendig unter die Erde und läßt Tony Curtis und Frank Gorshin über Kollegen witzeln. Was passiert, wenn Quentin Tarantino die Krimiserie „CSI“ inszeniert.

          Quentin Tarantino hat abermals jemanden lebendig begraben. Doch diesmal reicht kein konzentrierter Fingerspitzenstoß der schönen Uma Thurman zum Entkommen. Dieses Mal ist der Sarg aus Plexiglas, und nur ein Tonbandgerät, eine geladene Pistole und eine Webcam leisten dem Eingeschlossenen Gesellschaft. Das Opfer ist Nick Stokes (George Eads), Forensiker des "CSI"-Teams.

          Der Kinoregisseur Tarantino, der für "CSI" die Episode namens "Grave Danger" inszenierte, hat sich zuvor bereits bei Serien wie "ER", den "Golden Girls" und "Alias" in seinem Metier versucht. Er ist bekennender "CSI" und findet, die Hauptfigur Gil Grissom sei "der beste Ermittler seit Columbo". Mit ihm inszenierte Tarantino nicht weniger als die Abschlußepisode der laufenden Saison. Wie stets bei Tarantino war ein Stück Filmgeschichte im Spiel: Er habe sich zu der Story von einem Fernsehfilm von 1972 namens "The Longest Night" inspirieren lassen, in dem ein Entführungsopfer lebendig begraben wurde. Der Sohn des Regisseurs dieses Films ist einer der Schnittmeister von "CSI".

          Forensiker in der Falle

          Obwohl es verständlich ist, daß sich CBS vor Stolz über die Zusammenarbeit fast überschlug, so trug der Sender doch derart dick auf, daß man fast sicher war, enttäuscht zu werden, tat CBS doch so, als sei "CSI" nun die Fortsetzung von "Kill Bill" im Fernsehen. Dabei ist das Spannende an Tarantinos "Seitensprung" doch die Frage: Wie bringt jemand, der sonst mit kunstvoll inszenierten Gewaltorgien, wüstem Vokabular und absonderlichen Sexphantasien sein Kinopublikum beglückt, zwei Stunden unterhaltsames Fernsehen zur Hauptsendezeit zustande?

          Tarantino, der "Grave Danger" schrieb und inszenierte, ging ausgesprochen vorsichtig an die Sache heran und begann ganz leise - um einen Horrorfilm zu inszenieren, der mit dem Schlüsselelement des Albtraumhaften spielt: der Ohnmacht, sich oder andere aus auswegloser Lage zu befreien. Die Episode setzt ein mit dem üblichen Einsatz am Verbrechensschauplatz, zu dem die CSI-Leute gerufen werden. Das zu besichtigende Beweismaterial: ein verschlungener Haufen Gedärm, das, wie sich zeigt, einem Hund gehörte und als Lockmittel diente, einen Forensiker zu entführen. Wenig später erwacht Nick Stokes in einem engen Plastiksarg und wartet, Panikanfälle unterdrückend, auf Rettung, während seine Kollegen per Webcam zuschauen müssen, aber nichts tun können.

          Hilflos trotz Hightech

          Tarantino diktiert zwei Stunden Hoffen und Bangen und spreizt sich dabei dann doch ein wenig, wenn er in einer dramaturgisch völlig überflüssigen Sequenz Tony Curtis und den vor ein paar Tagen verstorbenen Frank Gorshin über Leben und Kollegen witzeln läßt. Mit gemächlichem Tempo entfaltet Tarantino den Horror geschickt. Ausgerechnet wenn es um einen der Ihren geht, vermag ihre Spitzentechnik dem Forensiker nicht zu helfen.

          Gerade mal zur Hälfte des Films sprengt sich der Täter (Motiv: eine durch CSI-Beweisführung zu Unrecht eingesperrte Tochter) in die Luft, ohne einen einzigen Hinweis auf Stokes Aufenthaltsort zu hinterlassen. Man verzweifelt mit dem hervorragend spielenden Gary Dourdan, in der Rolle von Stokes Freund Warrick Brown, über den Zufall - die beiden hatten per Münzwurf entschieden, wer an den Tatort fuhr. Nur kurz, in einer schön überdrehten Halluzinationssequenz, gönnt Tarantino seinen Zuschauern etwas Erleichterung.

          Dreißig Millionen Zuschauer haben sich "Grave Danger" angesehen, und darüber ist nicht nur CBS glücklich. Quentin Tarantino sagte der Zeitung "USA Today", er fühle sich "wie ein kleines Kind, das ,Raumschiff Enterprise' guckt und sagt: Wäre es nicht cool, wenn Spock und Kirk dies und das tun müßten? Und ich hatte die Gelegenheit dazu!" Er hat sie wirklich genutzt.

          Quelle: F.A.Z., 23.05.2005, Nr. 117 / Seite 48

          Weitere Themen

          „The Rock“ hätte bei "Jumanji"-Dreh fast geweint Video-Seite öffnen

          Premiere in Berlin : „The Rock“ hätte bei "Jumanji"-Dreh fast geweint

          Die Fortsetzung von „Jumanji“ hat am Mittwoch Abend in Berlin Deutschlandpremiere gefeiert. Mit dabei waren Regisseur Jake Kasdan und die Hauptdarsteller Nick Jonas, Dwayne Johnson alias „The Rock“ und Kevin Hart. Auf dem roten Teppich haben Johnson und Hart verraten, was ihre peinlichsten Momente bei den Dreharbeiten waren.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Was, wenn der „worst case“ eintritt? In der City of London stellen sich die Banker auf alles ein.

          Europas Finanzzentrum : Wie Londons Banken den Schmalspur-Brexit planen

          Die Manager in Europas größtem Finanzzentrum fürchten zwar den EU-Austritt Großbritanniens, doch die Folgen für die Banken in London bleiben vorerst überschaubar. Fällt der „Brexodus“ gar gänzlich aus?

          Nach Spitzentreffen mit Union : Schlingernde Sozialdemokraten

          Während die Union nach dem Gespräch der Chefs von CDU, CSU und SPD endlich über eine große Koalition sprechen will, halten sich die Sozialdemokraten bedeckt und schieben Entscheidungen weiter auf. Für ziemlich falsch hält das indes eine anderen Partei.

          Amerikas Präsident unter Druck : Immer Ärger mit Donald

          Eigentlich sollte es eine Woche der Triumphe werden – doch dann ging die Alabama-Wahl schief und Donald Trump hat mal wieder Ärger an allen Fronten. Immerhin ein Projekt des amerikanischen Präsidenten steht kurz vor der Vollendung.
          Sandra Maischberger und ihre Gäste in der Jahresrückblick-Sendung am Mittwochabend.

          TV-Kritik: Sandra Maischberger : Nur nicht einschüchtern lassen

          Das Jahr 2017 kann wohl nicht so schlimm gewesen sein – jedenfalls wenn Olivia Jones und Sophia Thomalla darüber Auskunft geben dürfen. Wenigstens gilt das für Deutschland. In der Türkei sieht das anders aus. Droht Günter Wallraff dort die Verhaftung?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.