30.06.2004 · Das Verwirrende an Sydney Pollack ist, daß er wie ein Intellektueller aussieht, aber Filme macht, die von seinen Instinkten leben. Jetzt wird der Regisseur siebzig, und ein paar gute Gründe, ihn zu beglückwünschen, finden sich auf DVD.
Von Michael AlthenDas Verwirrende an Sydney Pollack ist, daß er wie ein Intellektueller aussieht, aber Filme macht, die von seinen Instinkten leben. Wer ihn als Schauspieler in "Eyes Wide Shut", "Husbands and Wives" oder seinem eigenen "Tootsie" gesehen hat, würde erstens nicht vermuten, daß er überhaupt Regisseur ist, und zweitens, wenn schon, dann ganz andere Filme drehte, die mehr in die Tiefe als in die Breite gehen.
Wenn man Sydney Pollack feiert, muß man auch von Robert Redford reden - nicht weil er ohne ihn nicht auch gute Filme gemacht hätte, wie Paul Newman in "Die Sensationsreporterin" oder Harrison Ford in "Begegnung des Schicksals" beweisen, sondern weil es zwischen den beiden auf eine Weise gefunkt hat wie sonst nur zwischen den großen Liebespaaren des Kinos. Man könnte jetzt davon reden, wie Redford als Denys Finch Hatton Meryl Streep die Haare wäscht, was so erotisch und ergreifend ist, als stünden die beiden einander nackt gegenüber. Oder davon, wie er in "Die drei Tage des Condor" von der Mittagspause zurückkommt und alle Mitarbeiter seines Büros erschossen vorfindet. Aber der Gipfel ist es eben, wie Redford in "So wie wir waren" jene Sätze sagt, die wie ein Wahlspruch fürs amerikanische Kino klingen, die seine Macht und seine Mängel beschwören: "In gewisser Weise war er wie das Land, in dem er lebte. Alles flog ihm allzu leicht zu. Aber er wußte es wenigstens. Ungefähr einmal im Monat beunruhigte ihn der Gedanke, daß er ein Schwindler war, aber jeder andere war es noch viel mehr."
Er ist der Prinz, Barbra Streisand das Aschenputtel, er behauptet, Menschen seien mehr als ihre Prinzipien, sie entgegnet: "Die Menschen sind ihre Prinzipien." Das sind schlechte Voraussetzungen für eine Liebe in den Zeiten der schwarzen Listen in Hollywood, aber um so ergreifender ist die Geschichte der beiden - kein Film seit "Casablanca" hat Politik und Privates so bewegend in eine Liebesgeschichte verpackt.
Auf der DVD von "So wie wir waren", der bei uns lange unter dem unmotivierten Titel "Cherie Bitter" bekannt war, gibt es eine einstündige Dokumentation, die weit über das hinausgeht, was üblicherweise im "Making of" zu sehen ist. Interessant daran ist weniger, daß Barbra Streisand Pollack zu den sensiblen Regisseuren zählt, die sich ihren Schauspielern erklären, sondern daß sie von William Wyler sagt, der habe lediglich gefordert, die Szene zu wiederholen, ohne zu begründen, was ihn gestört habe. Und man merkt, daß sie noch heute sauer ist über einige Szenen, die herausgeschnitten wurden, weil sie den Blick zu sehr auf den politischen Aspekt gelenkt haben. Pollack sagt, sie hätten einer klaren emotionalen Linie im Weg gestanden, und man spürt, daß er recht hat. Wobei es einige schöne Szenen zu sehen gibt, die der Schere zum Opfer gefallen sind, so zum Beispiel wenn Redford erzählt, daß er als Kind mit einem Brief von Lehrer zu Lehrer geschickt worden sei, die den Brief gelesen, gelächelt und ihn weitergeschickt hätten. Irgendwann hat er herausgefunden, daß in dem Brief stand: "Ist sein Lächeln nicht wunderbar?" Sehr anschauliche Geschichte, aber andererseits folgt im fertigen Film die Szene, in der Streisand ihn fragt, ob er eigentlich immer lächle. Er verneint mehrfach - und muß selbst lachen. Darin liegt eben Pollacks Kunst, daß er nicht nur mit einer Frage und Antwort eine lange Geschichte überflüssig macht, sondern in dem Moment, in dem Redford auf ihre Frage antwortet, sein Gesicht gar nicht zeigt, weil Streisands eigenes Lächeln schon die Antwort auf ihre Frage ist.
Der Drehbuchautor Arthur Laurents meint dazu, für die beiden habe gegolten, was von Fred Astaire und Ginger Rogers gesagt wurde: Er habe ihr Klasse verliehen - und sie ihm Sex. Dabei ist es eher umgekehrt: Streisand verleiht Redford in diesem Film Klasse - und er läßt sie so sexy aussehen wie nirgends sonst. Und Sydney Pollack sitzt da, spielt mit einem Gummiband und erzählt, wie lange er Redford beknien mußte, bis er seine Mitwirkung zusagte - der Produzent wollte längst Ryan O'Neal besetzen. So wie für Bogarts Rolle in "Casablanca" einst auch mal Ronald Reagan im Gespräch war. So wäre Filmgeschichte eine Verkettung von Zufällen, wenn es nicht Regisseure wie Sydney Pollack gäbe, die es einfach besser wissen.
Von Pollack gibt es das meiste auf DVD: "So wie wir waren", "Die Sensationsreporterin" und "Begegnung des Schicksals" bei Columbia-TriStar, "They Shoot Horses, Don't They?" bei EuroVideo, "Die drei Tage des Condors" bei Kinowelt, "Die Firma" bei Paramount, "Der elektrische Reiter", "Jenseits von Afrika", "Sabrina" und "Havanna" bei Universal - nur "Jeremiah Johnson" muß man in England bestellen.